Ein Modell mit Biss

Interview mit Hakan Gürer, Geschäftsführer der Dentaltrade GmbH

Wenn Wettbewerber beginnen, Geschäftsmodelle, digitale Tools und Produktideen zu kopieren, ist das meist kein Zufall. Für Hakan Gürer, Geschäftsführer der Dentaltrade GmbH, ist es vielmehr ein klares Signal: „Ich sehe, dass viele Firmen heute Dinge machen, die wir vor drei Jahren eingeführt haben. Das bestätigt uns darin, dass der von uns eingeschlagene Weg der richtige ist.“ Dentaltrade gehört heute zu den größten Anbietern für ausgelagerten Zahnersatz in Deutschland – und gilt im Markt zunehmend als Innovationstreiber, dem andere folgen. Der Anspruch des Unternehmens ist dabei weniger, sich über Größe zu definieren, sondern über Geschwindigkeit in der Umsetzung, technologische Offenheit und konsequente Kundenorientierung.

Soziale Motivation

Gegründet wurde Dentaltrade im Jahr 2002 mit einem klaren Anspruch: Zahnersatz sollte kein Luxusgut sein. „Der ursprüngliche Gedanke war ganz klar, Menschen zu helfen und ihnen Zugang zu gutem Zahnersatz zu erschwinglichen Preisen zu ermöglichen“, sagt der Geschäftsführer.

Importzahnersatz war damals kaum verbreitet, deutsche Dentallabore dominierten den Markt mit hohen Preisen. Für viele Patienten bedeutete das jahrelangen Verzicht oder erhebliche finanzielle Belastungen. Dieser soziale Gründungsimpuls – auch christlich geprägt – ist bis heute Teil der DNA des Unternehmens. Dentaltrade versteht sich nicht nur als Dienstleister für Zahnarztpraxen, sondern als struktureller Gegenpol zu einem Markt, der lange Zeit von hohen Eintrittsbarrieren geprägt war. Gerade vor dem Hintergrund steigender Lebenshaltungskosten gewinnt dieser Ansatz erneut an gesellschaftlicher Relevanz.

Strategischer Neustart

Trotz des frühen Erfolgs geriet das Unternehmen Mitte der 2010er-Jahre ins Stocken. Der Wettbewerb nahm zu, während digitale Technologien die Zahnmedizin grundlegend veränderten. Gleichzeitig blieben viele interne Abläufe aus Gewohnheit bestehen, was Entscheidungsprozesse verlangsamte. Mit dem Eintritt von Hakan Gürer im Jahr 2022 folgte ein konsequenter Neustart. Als gemeinsame Geschäftsführer stellten sie alles auf den Prüfstand und strichen kompromisslos, was keinen Mehrwert für die Kunden bot. „Ziel war es nicht, schneller oder billiger als andere zu sein, sondern anders – und dadurch weniger austauschbar“, sagt Hakan Gürer. Die strategische Neuausrichtung zielte darauf ab, Komplexität zu reduzieren und die Zusammenarbeit mit Zahnarztpraxen deutlich zu vereinfachen.

Digitalisierung mit Praxisnutzen

Zentraler Baustein dieser Neuausrichtung ist der Dentalhub, eine digitale Plattform für Zahnarztpraxen. Aufträge, Abholungen und Kostenvoranschläge lassen sich dort vollständig digital abwickeln, papierbasierte Prozesse entfallen. „Im Grunde ist das wie Lieferando – nur für das Verhältnis zwischen Zahnarztpraxis und Labor“, beschreibt Hakan Gürer den Ansatz. Für viele Praxen bedeutet das eine spürbare Entlastung im Alltag und mehr Transparenz in der Zusammenarbeit. Ein weiterer Baustein ist der Intraoralscanner Dentaltrade Eagle Eye, der 2023 eingeführt wurde. Als Komplettpaket bietet Dentaltrade das System für unter 10.000 EUR an, während marktübliche Geräte bis zu 50.000 EUR kosten. „Digitale Abformungen werden von Krankenkassen nicht bezahlt. Da amortisieren sich teure Geräte für viele Praxen schlicht nicht“, so der Geschäftsführer. Der Dentaltrade Eagle Eye ermöglicht es Zahnarztpraxen, digitale Abformung wirtschaftlich umzusetzen und schließt damit eine Lücke zwischen technologischem Fortschritt und regulatorischer Realität.

Konsequent qualitätsgesichert

Das Geschäftsmodell von Dentaltrade basiert auf ausgelagerter Produktion. Das Unternehmen betreibt ein eigenes deutsches Meisterlabor in Shenzhen mit über 2.000 Zahntechnikern. Die verwendeten Materialien stammen aus Deutschland, darunter Edelmetalle. Qualitätssicherung, Steuerung und Endkontrolle erfolgen nach deutschen Standards. „Ob die Fräsmaschine in Bremen oder in Shenzhen steht, macht heute keinen Unterschied mehr“, sagt Hakan Gürer. Entscheidend seien digitale Prozesse, standardisierte Abläufe und konsequentes Qualitätsmanagement. Gleichzeitig ermöglicht dieses Modell eine hohe Skalierbarkeit. Während klassische Labore bei Auftragsspitzen schnell an personelle und organisatorische Grenzen stoßen, kann Dentaltrade flexibel reagieren und verlässlich liefern – ein Vorteil, der sich besonders in Krisenzeiten bewährt hat.

Haltung statt Glaskugel

Heute arbeitet Dentaltrade mit rund 4.000 Zahnarztpraxen bundesweit zusammen, beschäftigt etwa 50 Mitarbeitende in Deutschland und hat den Umsatz in den letzten drei Jahren verdoppelt. Trotz dieser Zahlen verzichtet der Geschäftsführer bewusst auf große Visionen in Jahreszahlen oder ambitionierte Marktanteilsziele. „Ich glaube nicht an Glaskugel-Planung. Wenn wir unseren Weg – digital, kundenzentriert und service­orientiert – konsequent gehen, dann werden die Ergebnisse automatisch folgen“, sagt er. Diese Haltung ist biografisch geprägt: Hakan Gürer stammt aus einer klassischen Gastarbeiterfamilie und übernahm früh Verantwortung. Nicht die tägliche Motivation, sondern Verlässlichkeit und Disziplin sind für ihn entscheidend: „Du musst auch an den Tagen liefern, an denen du keine Lust hast. Das habe ich beim Sport gelernt – und im Leben.“ Diese Haltung prägt seinen Führungsstil – und findet sich auch in der Unternehmenskultur von Dentaltrade wieder.

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