Isotope gegen Krebs

Interview mit Dr. Linda Ashton, Leiterin Urenco Isotopes der Urenco Nederland B.V.

Wirtschaftsforum: Dr. Ashton, Sie haben im Oktober 2024 die Leitung von Urenco Isotopes übernommen. Worin unterscheidet sich Ihre Sparte vom Kerngeschäft von Urenco?

Dr. Linda Ashton: Der Unterschied liegt in Komplexität und Vielfalt. Während sich das Kerngeschäft von Urenco auf die Anreicherung eines einzigen Materials – Uran – konzentriert, verarbeiten wir sieben bis acht unterschiedliche Ausgangsstoffe, jeweils auf verschiedenen Anreicherungsstufen und in mehreren chemischen Formen. Am Ende liefern wir bis zu 50 verschiedene Endprodukte. Was uns wirklich auszeichnet, ist unsere integrierte Wertschöpfungskette: von der chemischen Aufbereitung der Ausgangsstoffe über die Anreicherung bis hin zur abschließenden Umwandlung in Metalle, Oxide oder Spezialverbindungen. Diese durchgängige Kontrolle gewährleistet Qualität, Flexibilität und Zuverlässigkeit für kritische Anwendungen – Eigenschaften, die für Europas Gesundheits- und Hightech-Sektoren essenziell sind.

Wirtschaftsforum: Wie sind Sie in diese Position gekommen?

Dr. Linda Ashton: Mein Hintergrund verbindet wissenschaftliche Expertise in Radiochemie und Kerntechnik mit Erfahrung in strategischer Beratung. 2023 hat Urenco eine Studie zu Diversifizierungsmöglichkeiten in Auftrag gegeben, die zu der Empfehlung führte, das Geschäft mit stabilen Isotopen in den Niederlanden mit den Aktivitäten im Bereich medizinischer Isotope im Vereinigten Königreich zusammenzuführen. Als die Leitungsposition ausgeschrieben wurde, habe ich mich beworben und hatte das Glück, für diese immens erfüllende Aufgabe ausgewählt zu werden.

Wirtschaftsforum: War das eine rein berufliche Entscheidung?

Dr. Linda Ashton: Nicht ganz. Diese Arbeit hat für mich eine tief persönliche Bedeutung. 2023 habe ich eine enge Freundin an Brustkrebs verloren – ein Moment, der meine Perspektive grundlegend verändert hat. Als ich das Potenzial von Urenco erkannte, zu lebensrettenden medizinischen Anwendungen beizutragen, wurde die Aufgabe mehr als eine berufliche Herausforderung. Sie wurde zu einer Mission: Wissenschaft und strategische Fähigkeiten zu nutzen, um für Menschen, die vor den wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens stehen, einen spürbaren Unterschied zu machen.

Wirtschaftsforum: Wie entscheidend sind stabile Isotope in der modernen Krebsmedizin, und warum verknüpfen Sie das mit strategischer Unabhängigkeit?

Dr. Linda Ashton: Stabile Isotope sind grundlegend für moderne Gesundheitsversorgung und fortschrittliche Technologien. In der Onkologie erzeugt Zink-68 nach Bestrahlung Gallium-68, ein entscheidendes Isotop für PET-Bildgebung, das eine frühe Erkennung von Krebs ermöglicht. Kupfer-67 bietet therapeutische Vorteile und unterstützt präzise Dosierungen, die an individuelle Patientenfaktoren wie Alter, Krankheitsstadium und Immunstatus angepasst sind. Dieses Maß an Personalisierung ist nicht nur klinisch wirksam, sondern auch ethisch geboten. Die strategische Dimension ist ebenso dringlich. Heute stammen die meisten medizinisch relevanten Isotope aus Russland, während Silizium und Germanium – Schlüsselmaterialien für Quantencomputing und KI – überwiegend aus China bezogen werden. Beide Länder verschärfen ihre Exportkontrollen, wodurch erhebliche Lieferkettenrisiken für Europa entstehen. Für Europas Hightech- und Gesundheitssektoren ist eine unabhängige Versorgungskette nicht nur strategisch sinnvoll, sondern für wirtschaftliche Resilienz und technologische Souveränität lebenswichtig. Urenco Isotopes ist mit seiner bewährten Anreicherungsexpertise und der starken europäischen Infrastruktur in einzigartiger Weise in der Lage, die Kontinuität der Versorgung für kritische Gesundheitsanwendungen und aufkommende Technologien sicherzustellen.

Wirtschaftsforum: Wo findet die Produktion statt, und mit welchen operativen Herausforderungen sind Sie konfrontiert?

Dr. Linda Ashton: Die gesamte Produktion ist in Almelo in den Niederlanden gebündelt. Unsere Zentrifugen sind zwar kleiner als jene für Uran, funktionieren aber nach demselben Prinzip. Mehrzweck-Kaskaden ermöglichen es, sich schnell an Marktbedürfnisse anzupassen, ohne kostspielige doppelte Anlagen vorhalten zu müssen. Die Einhaltung regulatorischer Vorgaben – einschließlich chemischer Anforderungen an einem lizenzierten Nuklearstandort – erhöht die Komplexität. Diese Rahmenbedingungen erfordern eine äußerst sorgfältige Planung, um Anreicherung und nachgelagerte chemische Verarbeitung zeitlich zu synchronisieren und dabei chemische wie isotopische Qualität sicherzustellen.

Wirtschaftsforum: Wie bedeutend ist Ihre Geschäftseinheit heute, und welche Wachstumsziele verfolgen Sie?

Dr. Linda Ashton: Unser Portfolio unterstützt menschenzentrierte Bereiche wie Gesundheitsversorgung und Halbleiter. Während die Isotopenumsätze im Vergleich zur gesamten Urenco-Gruppe derzeit noch moderat sind, steigt die weltweite Nachfrage nach Präzisionsmedizin und fortschrittlichen Halbleitern stark an. Unser Ziel ist es, in den kommenden zehn Jahren durch Innovation, Effizienz und strategische Partnerschaften einen erheblichen Marktanteil zu gewinnen. Materialbestände im gleichen Tempo wie den Umsatz zu skalieren, ist nicht praktikabel – deshalb setzen wir auf Wertschöpfung und Agilität statt auf reines Volumenwachstum

Wirtschaftsforum: Wie gehen Sie mit Nachhaltigkeitsfragen um?

Dr. Linda Ashton: Im Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen der EU integrieren wir Ressourceneffizienz und Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in jede Produktionsstufe. Zu unserem Anspruch gehören kontinuierliche Verbesserungen der Energieeffizienz und umweltverträgliche Kühltechnologien. Wasser- und Stromverbrauch werden streng überwacht und optimiert, um die Umweltbelastung zu minimieren. Da viele Rohstoffe aus Bergbauprozessen mit erheblichen ökologischen Auswirkungen stammen, priorisieren wir verantwortungsvollen Ressourcenumgang durch fortschrittliche Recyclingstrategien. Unser Ziel ist es, den Nutzen jedes einzelnen Gramms Material zu maximieren, Abfälle zu reduzieren und die Lebensdauer kritischer Ressourcen zu verlängern. Mit diesen Initiativen wollen wir nicht nur regulatorische Anforderungen erfüllen, sondern Branchenmaßstäbe für nachhaltige Praktiken setzen – und so langfristige ökologische und wirtschaftliche Resilienz sichern.

Wirtschaftsforum: Deutschland ist aus der Kernenergie ausgestiegen. Wie beeinflusst das die Wahrnehmung Ihrer Arbeit?

Dr. Linda Ashton: Fachkräfte in Deutschland stehen möglicherweise vor der Herausforderung, ihre Tätigkeit im Nuklearsektor zu rechtfertigen. Entscheidend ist, Kerntechnologie als Motor medizinischer Innovation und industriellen Fortschritts sichtbar zu machen, um überholte Vorstellungen zu überwinden. Kerntechnologie ermöglicht zentrale Anwendungen in der Medizin und schafft Durchbrüche in fortschrittlichen Industrien. Indem wir diese Vorteile hervorheben, kann der Sektor Sinn und Stolz vermitteln und Kerntechnologie als Chance positionieren, zu Fortschritt und Wohlstand beizutragen. Durch die Verbindung wissenschaftlicher Exzellenz mit strategischem Weitblick stärkt Urenco Isotopes Europas technologische Unabhängigkeit und schafft nachhaltigen Mehrwert für Gesundheitswesen, Industrie und neue Technologien. Unsere Mission ist klar: Europas Isotopenversorgung sichern, Innovation entfesseln und Leben bereichern.

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