Wie sich Verschleiß effektiv verzögern lässt

Interview mit Patrick Fetzer, Global CEO der Castolin Eutectic Gruppe und Dr. Christoph Lütge, CEO der Castolin GmbH

Wirtschaftsforum: Castolin Eutectic wurde 1906 gegründet und ist heute ein weltweit führendes Unternehmen in den Bereichen Verschleißschutz, Instandhaltung sowie kostengünstige Wartungs- und Reparaturlösungen.

Dr. Christoph Lütge: Die Grundidee war damals einfach. Als das Unternehmen 1906 in der Schweiz gegründet wurde, wollte Jean-Pierre Wasserman abgenutzte Werkzeuge wieder reparieren und so die Lebensdauer deutlich verlängern. Er ging sogar noch einen Schritt weiter und machte die Werkzeuge, wie beispielsweise die Schaufel an einem Bagger, nicht nur wieder ganz, sondern besser, damit sie länger hielt.

Patrick Fetzer: Diesem Grundsatz sind wir bis heute treu geblieben. Im Vordergrund steht immer, in Zusammenarbeit mit dem Kunden die Instandhaltungskosten zu senken und die Produktivität zu steigern. Im Laufe unserer Historie sind wir international gewachsen. In Amerika gab es die Einheit Eutectic, in Europa die Einheit Castolin. Die Gruppe besteht weiterhin aus den beiden Teilen, wie es auch aus dem Logo zu ersehen ist. Heute haben wir international in 35 Ländern Niederlassungen.

Dr. Christoph Lütge: Die Castolin GmbH in Deutschland gibt es seit 1954 und sie war früher auch mit einer eigenen Fertigung aufgestellt. Heute ist dies nicht mehr der Fall, der Vertriebsstandort ist erneuert und aus logistischer Sicht immer noch optimal. Daher ist in Deutschland das Zentrallager für Europa angesiedelt.

Wirtschaftsforum: Castolin Eutectic gehörte lange Zeit zur Messer Gruppe. Seit letztem Jahr haben Sie einen neuen Gesellschafter, der die Anteile am Unternehmen übernommen hat.

Patrick Fetzer: Ja, seit Sommer 2020 gehören wir zu PARAGON PARTNERS, einer der führenden privaten Beteiligungsgesellschaften in Europa mit Sitz in München. Damit haben wir unsere Position für weiteres Wachstum gestärkt.

Wirtschaftsforum: Die Kernkompetenz von Castolin Eutectic ist Verschleißschutz. Wie setzen Sie diese im Markt um?

Patrick Fetzer: Unser Leistungsspektrum ist auf drei Säulen aufgebaut. Zum einen bieten wir die Zusatzwerkstoffe wie Elektroden, Drähte, Metallpulver oder Beschichtungsmaterialien für Polymerbeschichtungen an. Zweitens haben wir Maschinen, um unsere Zusatzwerkstoffe optimal zu verarbeiten. Säule Nummer 3 ist der Kundenservice. Dieser reicht von der Anwendungsberatung und Analyse über die Entwicklung einer individuellen Lösung bis zur Durchführung der Reparatur vor Ort oder in unseren Werkstätten.

Dr. Christoph Lütge: Um den Verschleiß bei Maschinen und Werkzeugen zu reduzieren, zeichnen wir uns durch eine große Kompetenz aus. Wir haben umfassendes Know-how und können den Kunden optimal beraten. Daneben bieten wir die entsprechenden Materialien, Zusatzwerkstoffe, um den Lebenszyklus zu erweitern, sowie Maschinen, um diese optimal aufzubringen. Die wahre Expertise unseres Unternehmens liegt jedoch in unserem Knowhow und im Servicegedanken.

Patrick Fetzer: Wir verstehen uns als Lösungsanbieter, entwickeln kunden- und anwendungsspezifische Verschleißschutzlösungen. Wir kennen die Materialien und verstehen die Art des Verschleißes in den verschiedensten industriellen Branchen.

Wirtschaftsforum: In welchen Branchen sind Sie denn hauptsächlich tätig?

Dr. Christoph Lütge: Der ursprüngliche Gedanke war es, den Kunden Reparaturlösungen anzubieten, die bereits bei niedrigen Temperaturen, also mit geringem Wärmebedarf, zu besten Ergebnissen führen. Typische Anwendungen liegen zum Beispiel im Bereich Steine und Erden, Zementwerke, Asphaltwerke, also überall dort, wo zerkleinert, gebrochen oder gemahlen werden muss. Die Maschinen hierfür sind einer hohen Belastung ausgesetzt und verschleißen dementsprechend. Nehmen Sie zum Beispiel eine Zementmühle. Die Walzen und Mahlteller nutzen mit der Zeit ab. Früher hat man ganze Bauteile ausgetauscht und in einer Werkstatt repariert, Wir reparieren die Mühle während einer üblichen Anlagenrevision vor Ort ohne zusätzlichen Anlagenstillstand und verlängern die Lebensdauer, bei deutlich geringeren Kosten.

Patrick Fetzer: Heute sind wir in ganz unterschiedlichen Segmenten tätig, zu 80% bei den Betreibern, die Maschinen nutzen, also im Aftermarket. Außerdem arbeiten wir mit Anlagenbauern zusammen und bieten ihnen durch optimierte Beschichtungen einen Mehrwert und damit einen Wettbewerbsvorteil. Neue Marktsegmente sehen wir vor allem im Bereich Elektromobilität und Recycling - also in der nachhaltigen Wirtschaft.

Dr. Christoph Lütge: Dadurch, dass wir sowohl in unterschiedlichen Industrien wie auch in unterschiedlichen Regionen tätig sind und zugleich ein sehr breites Portfolio haben, können wir Marktschwankungen schnell abfangen. Grundsätzlich ist unser Geschäftsmodell recht wenig von konjunkturellen Entwicklungen abhängig, da auch in Krisenzeiten bestehende Anlagen weiter in Betrieb sind und gewartet werden müssen.

Patrick Fetzer: Wir sind ein weltweit aufgestelltes Unternehmen. Die einzelnen Niederlassungen arbeiten dabei alle relativ autonom und können sich individuell auf die Bedürfnisse des Marktes einstellen. Das ist gerade jetzt in der Corona-Zeit sehr wichtig.

Wirtschaftsforum: Wie sieht Ihre Planung für 2021 aus?

Dr. Christoph Lütge: Grundsätzlich positiv, auch wenn das erste Quartal möglicherweise noch etwas zäh sein wird. Wir sehen gute Möglichkeiten im Ausbau unseres Geschäftes, sowohl bei bestehenden Kunden als auch in neuen Marktsegmenten und regionalen Bereichen. Selbstverständlich entwickeln wir uns ständig weiter und gehen mit den Markttrends. So gibt es einen langsamen Umschwung zu neuen Industrien. Unsere Aktivitäten im Bereich der Kohlekraftwerke werden sicherlich schrittweise abnehmen, dafür die Aktivitäten im Bereich des Recycling und der Elektromobilität deutlich zunehmen.

Patrick Fetzer: Geografisch sehen wir für die Zukunft ebenso eine positive Entwicklung. Europa sowie Nord- und Südamerika sind stabil, seit einiger Zeit haben wir in der Türkei, in Dubai und Saudi-Arabien ein gutes Wachstum; von dort bedienen wir auch den afrikanischen Markt. Abgesehen von Japan und Korea sind wir im asiatischen Raum noch relativ schwach aufgestellt; hier bietet sich noch deutliches Potenzial. Der neue Handelspakt in Südostasien wird hier sicherlich neue Türen öffnen.

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