Wie man die Klimaziele im Gebäudesektor erreicht

Interview mit Dr. Reiner Borsdorf, Geschäftsführer der bluMartin GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Borsdorf, Ihr Unternehmen entwickelt, produziert und vertreibt Lüftungsgeräte mit Wärmerückgewinnung. Was sind die Vorteile der Systeme mit dem Namen freeAir?

Dr. Reiner Borsdorf: Unser Lüftungssystem freeAir ermöglicht eine dezentrale, bedarfsgeführte Wohnraumlüftung. Dank integrierter Wärmerückgewinnung ist es sehr energieeffizient. freeAir ist für Passivhäuser zertifiziert und hat diverse Auszeichnungen erhalten, darunter die Bestnote A+ nach der EU-Ökodesign-Richtlinie, den Component Award des Passivhaus-Instituts und den Iconic Award des Rates für Formgebung. Mit Lüftungssystemen hat man eine große Stellschraube, um Gebäude energieeffizienter zu machen, und das sowohl im Neubau als auch bei Sanierungen im Bestand. Das Besondere am freeAir ist, dass das System in die Außenwand integriert ist, gelüftet wird zusätzlich durch aktive Überströmer. Das bietet sonst kein anderer Anbieter. Der technische Aufwand ist minimal, man benötigt nur ein Loch in der Außenwand. Wir bieten ein modulares System, das sich problemlos für Neubauten und Gebäudesanierungen anpassen lässt.

Wirtschaftsforum: Lässt sich der Nutzen auch beziffern?

Dr. Reiner Borsdorf: Im Auftrag des VfW (Bundesverband für Wohnungslüftung) wurde durch das ITG eine Studie zur Relevanz einer Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung als nachhaltige Schlüsseltechnologie zur Erreichung der Klimaziele durchgeführt. Danach liegt die Leistungszahl von Lüftungssystemen mit Wärmerückgewinnung um den Faktor 4 höher als bei Wärmepumpen. Während man bei Ersteren pro eingesetztem Anteil Strom zum Betrieb der Anlage Wärmeenergie im Umfang von 11 bis 25 Anteilen gewinnt, sind es bei Wärmepumpen nur zwischen 3 und 6. Lüftung mit Wärmerückgewinnung hat also einen viel höheren Effekt für die Minimierung des Primärenergieverbrauchs in Gebäuden als Wärmepumpen. Vielen ist dies jedoch nicht bekannt, hier gibt es einen hohen Bedarf an Information. Wenn man dann noch bedenkt, dass eine vierköpfige Familie 10 bis 15 l Feuchtigkeit am Tag produziert – diese Luftfeuchtigkeit muss raus, Lüftungsgeräte sorgen für einen kontinuierlichen Luftaustausch.

Wirtschaftsforum: Was begeistert Sie noch an bluMartin, neben dem innovativen Produkt?

Dr. Reiner Borsdorf: Die Mitarbeiter und das ganze Team. Wir haben einen sehr ausgeglichenen Mix von älteren und jüngeren Beschäftigten, die alle für die Firma ihre Hand ins Feuer legen würden. Wir haben ein tolles Betriebsklima, veranstalten gemeinsame Events und kochen auch mal zusammen.

Wirtschaftsforum: Seit 2016 gehört Ihr Unternehmen zur schwedischen Swegon Group, dem skandinavischen Marktführer für energieeffiziente Lüftung, Gebäudeklimatisierung und Klimaanlagen. Inwieweit profitieren Sie hiervon?

Dr. Reiner Borsdorf: Durch die Zusammenarbeit mit Swegon haben wir uns immer mehr vom reinen Hersteller von Lüftungsgeräten zum Systemanbieter für komplette Lüftungslösungen entwickelt. freeAir ist ausgelegt für Räume bis 80 m², Geräte von Swegon für bis zu 300 m². Wir haben gerade unser Produktportfolio durch die CASA-Linie von Swegon erweitert. Die zentralen Lüftungsanlagen ergänzen unser freeAir Lüftungssystem optimal und bieten uns ganz neue Möglichkeiten, und das nicht nur auf dem deutschen Markt, sondern auch international. Wir sind nun in der Lage, alle Anforderungen abzudecken, von kleinen Apartments bis zu großen Gebäuden. Die Produkte von Swegon passen hervorragend zu uns, da wir den gleichen Fokus auf Qualität und Nachhaltigkeit haben.

Wirtschaftsforum: Wie hat sich bluMartin seit der Firmengründung im Jahr 2010 entwickelt?

Dr. Reiner Borsdorf: Herr Martin, der das Unternehmen gegründet hat, wollte die Welt ein bisschen grüner machen. Er hat ein Lüftungsgerät mit Wärmerückgewinnung entwickelt, das in die Wand integriert ist. Unser eigenes Firmengebäude war damals das erste Passivhaus im Kreis. In den letzten Jahren sind wir beständig gewachsen. 2021 haben wir ein neues Werk an einem zweiten Standort gebaut, da die Nachfrage nach Lüftungsgeräten immer mehr zunimmt. Aktuell beschäftigen wir 40 Mitarbeiter an beiden Standorten, bei einem Umsatz von 8 Millionen EUR. Bis vor wenigen Jahren wurde das Thema Lüften noch vernachlässigt. Hier hat nicht zuletzt die Coronapandemie einen Riesenschub gebracht.

Wirtschaftsforum: Sind Sie auch international aktiv?

Dr. Reiner Borsdorf: Wir sind bereits im gesamten deutschsprachigen und italienischen Raum vertreten und zurzeit dabei, weitere internationale Märkte zu entwickeln. Durch die Zulassung als dezentrales sowie auch als zentrales Lüftungssystem sind wir in der Lage, sämtliche Marktanforderungen zu bedienen.

Wirtschaftsforum: Inwieweit nutzen Sie digitale Tools in Ihrem Bereich?

Dr. Reiner Borsdorf: Inzwischen wird fast alles digital geplant, mit Building Information Modeling. Architekten können einen digitalen Zwilling unserer Systeme in die Wohneinheit einplanen.

Wirtschaftsforum: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Dr. Reiner Borsdorf: Wir wollen unser Produktportfolio weiter ausbauen und abrunden hin zu kleineren Geräten. Wenn wir in Richtung Osteuropa wollen, müssen wir stärker auf die Preise achten und auch günstigere Produkte anbieten.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Technik

„Wollen uns noch stärker als Lösungspartner etablieren!“

Interview mit Roger Reifler CEO / Standortleiter und Christian Bühler Marketing- und Verkaufsleiter der Verzinkerei Oberuzwil AG

„Wollen uns noch stärker als Lösungspartner etablieren!“

Korrosionsschutz ist ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Infrastruktur. Die Verzinkerei Oberuzwil AG sorgt seit über 50 Jahren dafür, dass Stahl- und Edelstahlkonstruktionen langlebig, sicher und nachhaltig genutzt werden können. Mit technischem…

Die Kunst der feinen Drähte

Interview mit Sebastian Ablas, Geschäftsführer der Heinrich Stamm GmbH

Die Kunst der feinen Drähte

Präzision im Mikrometerbereich, jahrhundertealte Erfahrung und ein klarer Fokus auf Innovation: Die Heinrich Stamm GmbH aus Iserlohn zählt zu den Spezialisten der internationalen Drahtindustrie. Das traditionsreiche Unternehmen entwickelt und produziert…

„Unsere Produkte sind exotisch  und hochkomplex!“

Interview mit Dr. Sandro Silverio, Geschäftsführer der GAPI Technische Produkte GmbH

„Unsere Produkte sind exotisch und hochkomplex!“

Als Teil der GAPI-Gruppe stellt die GAPI Technische Produkte GmbH hochkomplexe Produkte aus dem Kunststoff Torlon® PAI (Brand GAPI PAI GLon™) her, mit denen sie anschließend vornehmlich große Fahrzeug-OEMs und…

Spannendes aus der Region Landkreis Starnberg

Intelligente KI-Lösungen für den ­digitalen Kundenservice

Interview mit Dr. Andreea Kremm, Geschäftsführerin der Netex GmbH

Intelligente KI-Lösungen für den ­digitalen Kundenservice

Digitale Kundenkommunikation verändert sich rasant – und mit ihr die Anforderungen an Unternehmen im E-Commerce. Die Netex GmbH aus Fürstenfeldbruck entwickelt KI-basierte Lösungen, die Kundenservice effizienter, flexibler und international skalierbar…

Handwerk trifft auf ­Geschmack

Interview mit Markus Ponholzer, Geschäftsführer der MAPO TOPMEAT GmbH

Handwerk trifft auf ­Geschmack

In den letzten Jahren haben sich die Ansprüche der Verbraucher an gutes Fleisch deutlich verändert. Während früher vor allem der Preis im Vordergrund stand, rücken heute Aspekte wie Herkunft, Tierwohl,…

„Ein Apartment auf Rädern“

Interview mit Franz Wieth, Geschäftsführer der PROTEC GmbH & Co. KG

„Ein Apartment auf Rädern“

Wer im Wohnmobil unterwegs ist, kennt das Dilemma: Entweder man fährt ein kompaktes, wendiges Fahrzeug und verzichtet auf Platz – oder man wählt den Luxusliner in Omnibusgröße, der in jeder…

Das könnte Sie auch interessieren

„Stromzähler sind die Sensoren  des Energieversorgers!“

Interview mit Oliver Göbel, Geschäftsführer und Dr. Gerhard Eisenbeiss, CTO der MetCom Solutions GmbH

„Stromzähler sind die Sensoren des Energieversorgers!“

Die Stromzähler von MetCom Solutions kommen nur in Nischenanwendungen – bei Kunden aus Industrie und Gewerbe sowie in Grid-Anwendungen – zum Einsatz; gleichzeitig fließen über sie aber deutlich höhere Ströme…

Mit smarter Sensorik auf der Überholspur

Interview mit Axel Hummel, CFO der Huf Baolong Electronics Bretten GmbH

Mit smarter Sensorik auf der Überholspur

Die Automobilindustrie steht unter massivem Veränderungsdruck – und genau darin liegt für die Huf Baolong Electronics Bretten GmbH eine große Chance. Das Unternehmen mit Sitz in Bretten entwickelt und produziert…

TOP