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Reisen, wie ein Vogel fliegt

Interview mit Dietmar Knerr, Geschäftsführer der agilis Verkehrsgesellschaft & Eisenbahngesellschaft mbH & Co. KG

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Wirtschaftsforum: Herr Knerr, das Unternehmen agilis ist eine Tochter der in Hamburg ansässigen BeNEX GmbH, an der wiederum die Hamburger Hochbahn AG eine Mehrheitsbeteiligung hat. Das klingt alles sehr ‘norddeutsch’. Wie kommt es, dass Ihr Unternehmen in Bayern operiert?

Dietmar Knerr: Über die BeNEX GmbH hält die Hamburger HOCHBAHN AG diverse Beteiligungen im Schienenpersonennahverkehr außerhalb Hamburgs. HOCHBAHN und BeNEX hatten an zwei Ausschreibungen in Bayern teilgenommen und 2008 den Zuschlag erhalten. Da es allerdings nicht einfach ist, von Hamburg aus Schienenverkehr in Bayern zu betreiben, wurde im April 2009 die BeNEX-Tochter agilis gegründet und im August 2009 das Büro in Regensburg bezogen. Bereits im Dezember 2010 beziehungsweise im Juni 2011 konnten wir den Betrieb unserer beiden Netze rund um Regensburg entlang der Donau und in Oberfranken aufnehmen.

Wirtschaftsforum: Das in nur etwas mehr als einem Jahr zu schaffen, muss eine Herausforderung gewesen sein. Wie ist Ihnen diese schnelle Umsetzung gelungen?

Dietmar Knerr: Erste Vorbereitungen wurden natürlich bereits aus Hamburg nach der Zuschlagserteilung angegangen, aber in der Tat war das eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, zumal wir mit nur einer Handvoll Mitarbeiter angefangen haben. Wir konnten hier anders als in NRW, Berlin/Brandenburg und Hessen, wo ich überall schon Betriebe aufgebaut habe, kaum Lokführer übernehmen. Die Betriebsaufnahme im E-Netz Regensburg verlief sehr schneereich, aber planmäßig; anders in Oberfranken, da war die Lage schwierig, da uns dort zum Betriebsstart noch einige Lokführer fehlten. Hier mussten wir anfangs einige Zugleistungen durch Busse ersetzen. Mit Betriebsaufnahme der zweiten Stufe des E-Netzes Regensburg hatten wir zum Fahrplanwechsel im Dezember 2011 dann innerhalb eines Jahres gut 10 Millionen Zugkilometer mit zwei Fahrzeugflotten in Betrieb genommen, zwei Werkstätten gebaut und uns von fünf Mitarbeitern im August 2009 auf fast 250 entwickelt. Wir haben insgesamt knapp 170 Millionen EUR in Fahrzeuge und Werkstätten investiert. Auch haben wir Winterquartiere für die Zauneidechse gebaut, die heißt übrigens agilis lacerta, das ist doch sehr sprechend!

Wirtschaftsforum: Haben die Eidechsen mit der Namensgebung Ihres Unternehmens zu tun?

Dietmar Knerr: Nein, dieses Zusammentreffen war ein hübscher Zufall, aber es ist sicher kein Zufall, dass die Art so heißt, denn ‘agilis’ bedeutet ‘beweglich’, wie Eidechsen eben sind. Für uns verkörpert diese Agilität, Beweglichkeit, Leichtigkeit und Reiselust, für die wir stehen, aber am besten der Flug eines Vogels: So leicht und mühelos soll Reisen mit uns sein. Deshalb haben wir einen Vogel als Firmenlogo, und der ist sehr einprägsam: Einmal hatte ich zum Beispiel einen Termin in München und hatte unser Vogellogo als Sticker am Jackett. Auf der Hinfahrt wurde ich in der DB Lounge von einer jungen Dame bedient, die den Vogelsticker so hübsch fand, dass ich ihn ihr geschenkt habe. Auf der Rückfahrt bediente mich ihre Kollegin: „Ach, Sie sind der Mann mit dem Vogel!“, sagte sie, denn ich hatte ja einen neuen angesteckt. Den wollte sie dann gern haben. Von diesen Vögeln bin ich so schon etliche losgeworden, die kommen sehr gut an!

Wirtschaftsforum: Eben sagten Sie, dass es zu Anfang schwierig gewesen wäre, Mitarbeiter, insbesondere Lokführer, zu bekommen. Wie sind Sie mit diesem Problem umgegangen und wie stellt sich die Situation heute dar?

Dietmar Knerr: Fachkräftemangel war und ist ein Thema, dem wir aber zumindest bei den Lokführern durch eigene Ausbildung begegnen. Bis heute haben wir 170 und allein in diesem Jahr weitere 25 ausgebildet. Wir sind jedoch in einer Region mit Vollbeschäftigung ansässig; man konkurriert hier mit Audi und BMW und es ist trotz tariflicher Bezahlung nicht einfach, geeignetes Personal zu finden – als Lokführer ist man eben auch am Wochenende und an den Feiertagen im Einsatz. Nichtsdestotrotz: Wir haben einmal mit vier Mitarbeitern begonnen, haben heute 350 und werden als verlässlicher Arbeitgeber geschätzt.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie die Kernkompetenz von agilis?

Dietmar Knerr: Die sehe ich im Schienenpersonennahverkehr in Pünktlichkeit, hoher Servicequalität und der Freundlichkeit unseres Personals. Wir kommen bei Mitarbeitern und Kunden sehr gut an und liegen im Qualitätsranking der Bayerischen Eisenbahngesellschaft vom Start an, also seit 2011, konstant auf Platz eins. Der Bahnkunde erwartet Pünktlichkeit. Wir haben eine Pünktlichkeitsrate bis gut 96%, trotz der vielen Baumaßnahmen, die im Streckennetz der Deutschen Bahn vorgenommen werden und das Ganze erschweren. Zum Vergleich: Der Fernverkehr der Deutschen Bahn hat hinsichtlich Pünktlichkeit ein Ziel von 80%.

Wirtschaftsforum: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Bahnbranche vor dem Hintergrund des zunehmenden Reiseverkehrs mit Fernbussen?

Dietmar Knerr: Dem Schienensektor erwächst durch die Fernbusse ganz klar ein Problem, denn er verliert dadurch Fahrgäste und Einnahmen. Ob das politisch wirklich so gewollt ist, sei dahingestellt. Die Fernbusse können ihre Leistungen derzeit konkurrenzlos günstig anbieten. Sie müssen keine Maut zahlen; ganz anders im Schienenverkehr, hier kostet die Nutzung der Schiene fünf EUR pro gefahrenen Kilometer. Das sind für agilis über 50 Millionen EUR im Jahr.

Wirtschaftsforum: Trotz dieser Konkurrenz ist agilis nach wie vor sehr erfolgreich. Warum?

Dietmar Knerr: Einerseits haben wir uns sicher die richtigen Ziele gesetzt, andererseits ein glückliches Händchen in der Auswahl unserer Mitarbeiter bewiesen. Wir haben einen enormen Anspruch an die Qualität unserer Leistungen: Zuverlässigkeit, Freundlichkeit, Sauberkeit. Das spürt der Kunde. Außerdem sind wir kleiner und damit flexibler als unser großer Mitbewerber DB Regio und dadurch näher dran am Kunden.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie agilis in den kommenden Jahren?

Dietmar Knerr: In den nächsten drei bis fünf Jahren steht der Gewinn der Nachfolgeausschreibung im Fokus. Die Zufriedenheit unserer Mitarbeiter ist sehr wichtig für uns; wir möchten ihre Arbeitsplätze langfristig sichern. Das Eisenbahngeschäft wird einfach nie langweilig – ich mache das schon mein Leben lang und es macht immer noch Spaß.

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