„Auch in Europa können wir KI-Lösungen entwickeln!“
Interview mit Michael Neidhöfer, Geschäftsführer der ZREALITY GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Neidhöfer, ZREALITY trat nach seiner Gründung 2014 ursprünglich als Virtual Reality-Agentur im Markt auf, heute liegt der Kern Ihrer Unternehmenstätigkeit jedoch ganz woanders.
Michael Neidhöfer: Wir waren damals auch sehr früh im Metaverse dabei. Inzwischen bauen wir jedoch vorwiegend 3D-Lösungen für den Industriesektor: Die User Experience der Anwender kann man sich dabei durchaus wie ein Computerspiel am PC vorstellen – man interagiert als Avatar mit anderen Avataren und Objekten in einer virtuellen Realität. Für große Unternehmen wie BASF oder Siemens Energy, aber auch für viele mittelständische Betriebe aus
unterschiedlichsten Branchen erstellen wir dazu digitale Zwillinge ihrer jeweiligen Anlagen, beziehungsweise visualisieren das entsprechende Produkt oder den jeweiligen Prozess in 3D. Auf dieser Basis entwickeln wir dann immersive Lernlösungen für die unterschiedlichsten Anwendungsfälle, etwa zur Einrichtung einer Maschine oder zum Training eines Nutzers in den jeweiligen Prozessen. Mit den modernen KI-Agenten können wir diese Erfahrung natürlich noch weiterführen, indem sich die Anwender beispielsweise direkt mit ihnen unterhalten können. Einige Unternehmen setzen diese Lösung sogar schon für das Gesprächstraining ihrer Manager ein.
Wirtschaftsforum: Mit Soveron haben Sie kürzlich noch ein zweites Produkt auf den Markt gebracht, das ganz unter dem Motto „Made in Germany“ steht.
Michael Neidhöfer: Das mag in diesen Zeiten kontraintuitiv klingen, schließlich heißt es oft, der technologische Vorsprung von China oder den USA sei nicht mehr einzuholen. Ich selbst war lange in den USA tätig und habe da ein etwas anderes Bild, denn natürlich können auch wir Europäer Rechenzentren bauen und schlagkräftige KI-Lösungen entwickeln. Vor dem Hintergrund der heutigen geopolitischen Realitäten sind viele europäische Player zudem bestrebt, schon allein aus Gründen der Datensicherheit auf europäische Lösungen zu setzen und sich somit auch strukturell von amerikanischen Anbietern unabhängig zu machen. Mit Soveron hosten und betreiben wir nun einen eigenen KI-Agenten vollständig in Deutschland und setzen dabei mit Mistral zudem auf ein europäisches Large Language Model – die ideale Lösung für alle Marktteilnehmer, die großen Wert auf eine DSGVO-konforme Datensouveränität und -sicherheit legen, ganz ohne Bestandteile aus den USA.
Wirtschaftsforum: Wie hat ZREALITY diesen beachtlichen Shift vom ursprünglichen Unternehmenszweck zum heutigen Tätigkeitsspektrum vollzogen?
Michael Neidhöfer: Ich glaube, das hat viel mit unserer Firmenkultur zu tun: Wir verbieten starres Denken und fördern in unseren Teams eigenständiges Handeln. Als das Metaverse aufkam, mussten wir schnell reagieren und zügig unser Produktspektrum erweitern. Dasselbe galt, als die KI auf den Plan rückte. Wir achten darauf, dem Markt immer sehr nachdrücklich zuzuhören, sehr gut informiert zu bleiben und somit auch schnell mit unseren Produkten in die Umsetzung zu kommen. Denn die Zeiten sind zu schnelllebig für Dogmatismus – kein Softwareprodukt wird ohne beständige Weiterentwicklungen mehrere Jahre am Markt bestehen können.
Wirtschaftsforum: Welche Innovationen stehen derzeit für Sie im Zentrum der Aufmerksamkeit?
Michael Neidhöfer: Die Next Frontier in der immersiven Visualisierung digitaler Zwillinge liegt wahrscheinlich im Gaussian Splatting, einer KI-unterstützten Technologie, mit der sich aus Kamerabildern idealerweise automatisch hochauflösende 3D-Modelle generieren lassen, die bis ins letzte Detail den Aufbau der tatsächlichen Anlage korrekt wiedergeben. Die massive Geschwindigkeit, mit der die Capabilities der KI zunehmen, schafft derweil auf eine eigene verrückte Art Klarheit über ihre zukünftigen Wirkungsmöglichkeiten: So erscheint es naheliegend, dass immer mehr Prozesse automatisiert und in die Hände von KI-Agenten gelegt werden, selbst wenn dabei wohl auch langfristig eine menschliche Supervision notwendig bleiben wird. Natürlich werden wir auch gesamtwirtschaftliche Verwerfungen erleben, und sicherlich würden wir nicht eine derart weitreichende Nachfrage nach unseren Kompetenzen erfahren, wenn sich dadurch nicht effektiv Kosten senken ließen. Trotzdem wird menschliches Know-how weiterhin an vielen Stellen unersetzlich bleiben – auch in der Programmierung!
Wirtschaftsforum: Und bei Soveron?
Michael Neidhöfer: Wir hätten ganz gern ein deutsches Large Language Model im Sinne einer Lösung, die auch lokal betrieben werden kann. Natürlich können wir keine so großen LLMs wie die bekannten Namen trainieren, dazu bräuchte man nahezu aberwitziges Funding. Doch wenn ein mittelständisches Unternehmen einige Dokumente analysieren lassen will, muss es darauf nicht gleich die geballte Power von Anthropic loslassen. Wir befinden uns bereits in einigen Pilotprojekten mit unseren Kunden, in denen wir auch dieses Ziel aktiv weiterverfolgen.












