Weinkultur mit Weitblick
Interview mit Jürgen Lergenmüller, Geschäftsführer der Weinhaus Lergenmüller GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Lergenmüller, Ihre Familie betreibt seit fast 500 Jahren Weinbau. Wie prägt eine solche Tradition das Unternehmen?
Jürgen Lergenmüller: Tradition ist für uns Verpflichtung und Ansporn zugleich. Mein Bruder Stefan und ich wurden von unseren Eltern früh an den Weinbau herangeführt. Als wir ins Unternehmen eingestiegen sind, haben wir gleichzeitig begonnen, den Vertrieb neu aufzustellen und uns stärker für den Handel zu öffnen. Wir haben mit Agenturen, Händlern, Wiederverkäufern und dem Fachhandel ein breiteres Vertriebssystem aufgebaut. Das war wichtig, weil sich auch die Kundenstrukturen über die Jahrzehnte verändert haben. Heute geht diese Entwicklung mit meinen Töchtern Julia und Victoria in der 16. Generation weiter. Sie übernehmen eigene Aufgaben und bringen ihre Sicht auf Kundenansprache und Vertrieb ein. Jede Generation hat andere Netzwerke und Ideen – und genau das braucht ein Familienunternehmen.
Wirtschaftsforum: Was fasziniert Sie nach so vielen Jahren noch immer am Weinbau?
Jürgen Lergenmüller: Kein Jahr gleicht dem anderen. Man arbeitet ein ganzes Jahr auf einen einzigen entscheidenden Zeitpunkt hin: die Lese. Dann müssen die Trauben die Qualität haben, die wir brauchen, um daraus erstklassige Weine zu erzeugen. Das macht den Reiz aus. Man kann sehr viel lernen und trotzdem nie behaupten, man wisse alles. Die Natur hält sich an keinen Lehrplan. Deshalb beginnt die Herausforderung jedes Jahr aufs Neue.
Wirtschaftsforum: Gleichzeitig verändert sich der Konsum. Wie reagieren Sie darauf?
Jürgen Lergenmüller: Wir sehen deutlich, dass vor allem jüngere Menschen anders konsumieren. Darauf müssen wir Antworten finden. Für uns bedeutet das unter anderem, leichtere Weine und Produkte mit geringerem Alkoholgehalt anzubieten. Im Sommer haben wir beispielsweise unseren Bellini Palatina auf den Markt gebracht: Pfirsichmark, verfeinert mit Riesling und leicht perlend, mit lediglich 4% Alkohol. Auch alkoholfreie Produkte und Traubenseccos gehören schon seit Jahren zu unserem Sortiment. Entscheidend ist, dass wir Menschen dort abholen, wo sich ihre Gewohnheiten verändern.
Wirtschaftsforum: Was zeichnet Weine von Lergenmüller besonders aus?
Jürgen Lergenmüller: Für uns sind gleichbleibende Qualität und ein verlässliches Geschmacksprofil sehr wichtig. Natürlich ist Wein ein Naturprodukt und jeder Jahrgang hat seinen eigenen Charakter. Trotzdem soll ein Kunde, der einen neuen Jahrgang öffnet, das wiederfinden, was er an diesem Wein schätzt. Das erfordert viel Erfahrung und beginnt bereits im Weinberg – beim Rebschnitt und bei der Frage, welche Trauben wir für welchen Wein erzeugen wollen. Wir arbeiten deshalb sehr gezielt auf die jeweiligen Stilistiken hin. Mein persönlicher Favorit ist übrigens ganz klar der Riesling vom Sankt Annaberg. Riesling besitzt eine Feinheit und Nuancierung, die für den deutschen Wein einzigartig ist.
Wirtschaftsforum: Wie ist das Unternehmen heute aufgestellt?
Jürgen Lergenmüller: Insgesamt bewirtschaften unsere Betriebe rund 240 ha. Dazu gehören neben dem Weingut Lergenmüller in Hainfeld das Weingut Sankt Annaberg in Burrweiler und Schloss Reinhartshausen in Eltville-Erbach. Hinzu kommen etwa 5 ha an der Mosel. Wir
beschäftigen rund 45 festangestellte Mitarbeitende und erzielen einen Jahresumsatz zwischen 18 und 20 Millionen EUR. Etwa 20% unseres Geschäfts entfallen auf den Export. Besonders wichtig ist für uns Skandinavien, wo wir uns über viele Jahre einen guten Markt aufgebaut haben.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle sollen internationale Märkte künftig spielen?
Jürgen Lergenmüller: Eine zunehmend wichtige. Wir waren mehr als 30 Jahre auf der ProWein vertreten, schauen heute aber verstärkt ins Ausland und auf internationale Messen, etwa in Paris, Singapur oder Mumbai. Als Unternehmen unserer Größe müssen wir unsere Märkte aktiv bearbeiten und neue Absatzmöglichkeiten erschließen. Gerade weil auch der deutsche Weinmarkt derzeit unter Druck steht, ist eine breite Aufstellung wichtig. Die Ernte kommt jedes Jahr wieder – deshalb muss auch der Vertrieb kontinuierlich in Bewegung bleiben und neue Zielgruppen sowie Märkte erschließen.
Wirtschaftsforum: Welche weiteren Themen bestimmen Ihre Zukunftsstrategie?
Jürgen Lergenmüller: Nachhaltigkeit beschäftigt uns intensiv. Wir stellen derzeit eine Teilfläche von rund 40 ha vom konventionellen auf biologischen Anbau um; Sankt Annaberg arbeitet bereits seit Jahren biologisch. Gleichzeitig beschäftigen wir uns mit Mehrwegsystemen.
In einem Pilotprojekt mit rund 50 Märkten testen wir, wie Weinflaschen besser in einen Rückgabekreislauf integriert werden können. Auch im Export gewinnen nachvollziehbare Nachhaltigkeitsstandards zunehmend an Bedeutung.
Wirtschaftsforum: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des deutschen Weins?
Jürgen Lergenmüller: Wir sollten selbstbewusster zeigen, was wir können. Deutschland bietet eine enorme Sortenvielfalt und hervorragend ausgebildete Winzer. Gerade Riesling und Spätburgunder zeigen, welche Qualität hier möglich ist. Für mich ist Wein ein Kulturgut, das wir an die nächsten Generationen weitergeben sollten. Dafür müssen wir Tradition bewahren, aber gleichzeitig offen für neue Produkte, neue Konsumenten und neue Wege im Vertrieb sein. Wir müssen junge Menschen wieder für Wein begeistern und ihnen zeigen, welche Vielfalt dahintersteht. Genau darin liegt unsere Aufgabe.













