Drei Standbeine, ein Erfolgsrezept

Interview mit Jochen Spiegel, Geschäftsführer der Spiegel GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Spiegel, die Spiegel GmbH wird inzwischen in 4. Generation geführt. War die Unternehmensnachfolge für Sie immer selbstverständlich?

Jochen Spiegel: Nein, überhaupt nicht. Druck gab es nie. Mein Vater und ich führen das Unternehmen heute gemeinsam, die 3. und 4. Generation arbeiten seit vielen Jahren eng zusammen. Als Kind erlebt man aber auch die Sorgen, die Verantwortung und die Unsicherheit, die ein Unternehmerleben mit sich bringt. Deshalb braucht es eine echte innere Motivation, um diesen Weg einzuschlagen.

Wirtschaftsforum: Welche Meilensteine haben das Unternehmen in den vergangenen Jahren besonders geprägt?

Jochen Spiegel: Ein wichtiger Schritt war die Weiterentwicklung vom klassischen Familienbetrieb hin zu einem Unternehmen mit klaren Strukturen und delegierter Verantwortung. Parallel dazu entstand ein

neues Geschäftsfeld: die bundesweite Belieferung der Systemgastronomie mit individuellen Backwaren. Was einst durch einen persönlichen Kontakt begann, hat sich zu einem wichtigen Wachstumstreiber entwickelt.

Wirtschaftsforum: Wie entstand dieses Gastronomiegeschäft?

Jochen Spiegel: Der Einstieg begann vor rund 15 Jahren mit einem einzelnen Burger-Restaurant. Unsere Produkte überzeugten den Betreiber so sehr, dass er seine Speisekarte kurz vor der Eröffnung noch einmal änderte. Mit dem Wachstum dieses Kunden wuchsen auch wir mit. Dadurch entstand Schritt für Schritt ein bundesweites Geschäft, das wir kontinuierlich professionalisiert haben.

Wirtschaftsforum: Was macht Ihr Angebot für die Gastronomie besonders?

Jochen Spiegel: Wir entwickeln individuelle Backwaren für unsere Kunden. Viele Gastronomen suchen heute gezielt nach Produkten, die sie von Wettbewerbern unterscheiden. Genau hier setzen wir an. Häufig entstehen maßgeschneiderte Lösungen, die exklusiv für einzelne Konzepte entwickelt werden. Qualität und Individualität stehen dabei immer im Mittelpunkt.

Wirtschaftsforum: Gleichzeitig betreiben Sie auch Edeka-Märkte und Bäckereifilialen. Wie ergänzen sich diese Bereiche?

Jochen Spiegel: Lebensmittel­einzelhandel und handwerkliche Bäckerei sind auf den ersten Blick unterschiedliche Branchen. Beide leben jedoch von Qualität, Regionalität und einem positiven Einkaufserlebnis. Unsere modernen Edeka-Märkte und die integrierten Bäckereien ergänzen sich deshalb hervorragend und schaffen Synergien für Kunden und Unternehmen gleichermaßen.

Wirtschaftsforum: Die vergangenen Jahre waren wirtschaftlich herausfordernd. Wie hat sich das auf Ihr Geschäft ausgewirkt?

Jochen Spiegel: Die größte Veränderung betrifft das Konsumverhalten. Viele Krisen haben zu einer spürbaren Verunsicherung geführt. In solchen Zeiten profitieren häufig Discounter. Unsere Antwort darauf lautet jedoch nicht, die Qualität zu reduzieren. Im Gegenteil: Wir müssen dem Kunden Produkte bieten, die ihren Preis wert sind und gleichzeitig bezahlbar bleiben. Unser tägliches Brot darf kein Luxusprodukt werden.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt das Handwerk dabei?

Jochen Spiegel: Eine entscheidende. In den vergangenen Jahren hat sich die Branche stark verändert. Wir setzen bewusst auf das Prinzip „Back to the Basics“: wenige Zutaten, hochwertige Rohstoffe, eigener Sauerteig und lange Reifezeiten. Statt auf Vormischungen konzentrieren wir uns auf traditionelle Herstellungsverfahren. Das macht die Produkte nicht nur geschmacklich besser, sondern oft auch bekömmlicher.

Wirtschaftsforum: Welche Produkte stehen beispielhaft für Ihre Philosophie?

Jochen Spiegel: Zu unseren Klassikern gehört die „Spiegelkruste“, die auf einer Rezeptur meines Großvaters basiert. Gleichzeitig entwickeln wir ständig neue Produkte. Besonders erfolgreich sind derzeit Roggen-Dinkel-Brote ohne Weizenanteil. Im Gastronomiebereich zählen Burgerbrötchen und sogenannte Potato Rolls zu den gefragtesten Produkten.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie das größte Wachstumspotenzial?

Jochen Spiegel: Ganz klar in der Gastronomiebelieferung. Dieses Geschäft ist überregional skalierbar und die Nachfrage ist groß. Wir erhalten bereits heute mehr Anfragen, als wir bedienen können oder möchten. Deshalb investieren wir aktuell in eine deutliche Erweiterung unserer Produktionskapazitäten. Die neue Produktionshalle wird unsere Produktionsfläche insgesamt etwa verdreifachen und vor allem Raum für weiteres Wachstum im Gastronomiebereich schaffen.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen Digitalisierung und Automatisierung?

Jochen Spiegel: In der Produktion nutzen wir bereits digitale Lösungen, beispielsweise bei Rezeptverwiegung oder Versandprozessen. Die nächsten großen Fortschritte sehen wir vor allem im Bereich Robotik für unterstützende Tätigkeiten wie Verpackung und Logistik. Gleichzeitig investieren wir in digitale Kundenbindung, etwa durch eigene App-Lösungen im Bäckereibereich.

Wirtschaftsforum: Welche Werte prägen die Spiegel GmbH?

Jochen Spiegel: Wir haben unsere Werte bewusst definiert: Mitarbeiter, Region und Umwelt stehen im Mittelpunkt. Dazu gehören beispielsweise ein Mitarbeiterhilfsfonds für Menschen in Notlagen sowie die Unterstützung regionaler Vereine und Projekte. Als Familienunternehmen denken wir langfristig und möchten sowohl für unsere Beschäftigten als auch für die Region Verantwortung übernehmen.

Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung hat gesellschaftliche Verantwortung für Ihr Unternehmen?

Jochen Spiegel: Für uns ist das keine Frage der Außendarstellung, sondern eine Haltung, die aus der Geschichte des Unternehmens gewachsen ist. Wer über Generationen in einer Region verwurzelt ist, trägt automatisch Verantwortung – für die Menschen, die bei uns arbeiten, und für das Umfeld, in dem wir tätig sind. Mit unserem Konzept „Unser Spiegel“ haben wir das bewusst strukturiert und nach innen wie nach außen sichtbar gemacht. Langfristig erfolgreich sein und ein guter Nachbar zu sein schließt sich für uns nicht aus – im Gegenteil, beides bedingt einander.

Wirtschaftsforum: Wie sieht Ihr Blick in die Zukunft aus?

Jochen Spiegel: Wir stehen vor der größten Wachstums- und Investitionsphase unserer Unternehmensgeschichte. Neben der Produktions­erweiterung kommen neue Verkaufsstandorte hinzu, darunter ein weiterer Edeka-Markt. Trotz aller Unsicherheiten bleiben wir überzeugt, dass sich Qualität langfristig durchsetzt. Genau diese Überzeugung hat unser Unternehmen über Generationen geprägt, und sie wird auch den weiteren Weg bestimmen.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Wo jeder Tropfen zählt

Interview mit Dipl.-Ing. Mirko Ebeling, Geschäftsführer und Gründer der Ebetech GmbH

Wo jeder Tropfen zählt

Die globale Pharmaindustrie wächst rasant: Neue Therapieformen, eine alternde Weltbevölkerung und der verbesserte Zugang zu Medikamenten in Schwellenländern sorgen für anhaltend hohe Nachfrage. Wer in diesem anspruchsvollen Umfeld liefern will,…

„Wir sind sehr auf Augenhöhe!“

Interview mit Stephan Westerdick, geschäftsführender Gesellschafter der Unirez Informations-Technologie GmbH

„Wir sind sehr auf Augenhöhe!“

Als in den Anfängen der Unirez GmbH aus Detmold Lochkarten in Stahlkoffern mit der Bundesbahn transportiert wurden, steckte die digitale Welt noch in ihren Kinderschuhen. Heute entwickelt das Unternehmen moderne…

„Wir lösen das“ – Ganzheitliche Systemkompetenz für die Industrie

Interview mit Henning Vogler, Geschäftsführer der Armbruster Engineering GmbH & Co. KG

„Wir lösen das“ – Ganzheitliche Systemkompetenz für die Industrie

Vom ersten Handgriff bis zur finalen Dokumentation: Die Armbruster Engineering GmbH & Co. KG aus Bremen digitalisiert industrielle Prozesse ganzheitlich. Anders als viele Wettbewerber liefert das Unternehmen nicht nur…

Spannendes aus der Region Landkreis Würzburg

Maßangefertigte Premium-Teppiche für die ganze Welt

Interview mit Thomas Paulig, Geschäftsführer und Theresa Paulig, Geschäftsführerin der Paulig Teppichweberei GmbH

Maßangefertigte Premium-Teppiche für die ganze Welt

Wer an individuell angefertigte Premium-Teppiche denkt, dem soll zuerst der Name Paulig einfallen. Dank einer fast 300 Jahre währenden Unternehmenstradition ist das im deutschsprachigen Raum schon vielfach der Fall: Nun…

Nachhaltig bauen, klar führen

Interview mit Wolfgang Rosentritt, Geschäftsführer ROSENTRITT

Nachhaltig bauen, klar führen

Der Immobilienmarkt in Deutschland erlebt derzeit seine wohl tiefgreifendste Transformation seit Jahrzehnten: gestiegene Zinsen, Baukosten auf Rekordniveau und Käufer, die sich zurückhalten. Während viele Entwickler Projekte pausieren, geht ROSENTRITT einen…

Wir reparieren keine Autos, wir lösen Probleme

Interview mit Timo Szabo, Geschäftsführer der Szabo GmbH

Wir reparieren keine Autos, wir lösen Probleme

Kaum eine Branche verändert sich derzeit so dynamisch wie der Automobilhandel. Zwischen Elektromobilität, Digitalisierung und wachsendem Wettbewerbsdruck sind klare Strategien gefragt. Die Szabo GmbH begegnet diesem Wandel mit einer konsequenten…

Das könnte Sie auch interessieren

Café-Kultur trifft Backstube

Interview mit Gürol Gür, Geschäftsführer der Schanzenbäckerei GmbH

Café-Kultur trifft Backstube

Das Bäckerhandwerk steht unter hohem Veränderungsdruck: Hohe Energie- und Rohstoffkosten, steigende Löhne, Ansprüche an Sortiment und Service sowie der Fachkräftemangel zwingen Betriebe dazu, ihre Strukturen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig bleibt der…

Qualität statt Expansion

Interview mit Michael Hatzel, Geschäftsführer der Lebkuchen-Konditorei Hatzel GmbH

Qualität statt Expansion

Michael und Christian Hatzel stellen die mitunter begehrtesten Lebkuchen Deutschlands her. Im Discounter sind sie nirgendwo zu finden – wohl aber im KaDeWe, bei Harrod‘s und bei Käfer sowie in…

Der Döner für alle Fälle

Interview mit Mustafa Demirkürek, Gründer & Geschäftsführer der Alzarro Dönerworld GmbH

Der Döner für alle Fälle

Fertigprodukte sind aus den Supermarktregalen längst nicht mehr wegzudenken. Und doch fehlte dort bislang ein echter Klassiker: der Döner. Mustafa Demirkürek hat genau das geändert. Mit seiner Idee eines frischen,…

TOP