Sind die Zahlen wichtiger als der Mensch, wird er krank

Interview mit Pater Anselm Grün

Wirtschaftsforum: Pater Grün, Sie haben einmal davon gesprochen, dass Mitarbeiter in vielen Unternehmen zu den Sklaven der Zahlen gemacht werden. Wie kann ein Unternehmen diesen Trend durchbrechen und trotzdem wirtschaftlich erfolgreich sein?

Pater Anselm Grün: Wenn der Mensch den Zahlen untergeordnet wird, fühlt er sich ausgenutzt und oft auch ausgepresst. Das macht ihn oft krank. Wenn ich beim Menschen anfange und in ihm Leben wecke, dann wird er von sich aus gerne etwas leisten. Und das tut dann auch dem Unternehmen gut.

Pater Anselm Grün
„Alles, was ich bei mir selbst nicht annehme, das projiziere ich auf die anderen – und damit verfälsche ich meine besten Absichten des Führens.“ Pater Anselm Grün

Wirtschaftsforum: Eines Ihrer Leitmotive lautet: „Nur wer sich selbst führen kann, kann andere führen.“ Leicht abgewandelt ist das auch der Titel des Buchs geworden, das Sie zusammen mit dem Unternehmer Bodo Janssen geschrieben haben. Was sind in Ihren Augen die wichtigsten Voraussetzungen, um sich selbst – und damit auch andere – führen zu können?

Pater Anselm Grün: Die wichtigste Voraussetzung, sich selbst zu führen, ist es, sich selbst zu erkennen und mit sich selbst und der eigenen Lebensgeschichte auszusöhnen, sich selbst anzunehmen mit seinen Stärken und Schwächen. Alles, was ich bei mir selbst nicht annehme, das projiziere ich auf die anderen – und damit verfälsche ich meine besten Absichten des Führens. Die Lateiner sagen: „Der Führende muss weise sein“. Weise kommt von „sapiens“, das bedeutet: schmecken. Nur wer sich selbst schmeckt, wer sich selbst annimmt, kann auch einen guten Geschmack bei den andern erzeugen.

Wirtschaftsforum: Der derzeit stattfindende Umbruch in der Arbeitswelt, der mit kurzfristigeren Arbeitsverhältnissen und damit auch unsteteren Lebensläufen einhergeht, wird allerorten wirtschaftlich und unternehmerisch analysiert. Welche Rolle spielt in diesem Prozess die spirituelle Sichtweise, die Sie verkörpern?

Pater Anselm Grün: Spiritualität heißt, dass ich aus einer inneren, einer spirituellen Quelle heraus lebe. Wenn ich aus dieser Quelle schöpfe, kann ich auch an verschiedenen Orten gut arbeiten. Denn die innere Quelle ist nicht abhängig von den äußeren Umständen. Sie ist in mir.

„Wenn ich beim Menschen anfange und in ihm Leben wecke, dann wird er von sich aus gerne etwas leisten. Und das tut dann auch dem Unternehmen gut.“ Pater Anselm Grün
Pater Anselm Grün

Wirtschaftsforum: Mit welchen konkreten Fragen treten die Unternehmer und Manager an Sie heran, die in Ihren Seminaren Hilfe suchen? Und welche Antworten können Sie ihnen geben?

Pater Anselm Grün: Die Unternehmer wollen zum einen Wege finden, wie sie ihre Mitarbeiter menschlich führen können, wie sie sie gut motivieren oder inspirieren können. Zum anderen suchen sie nach Ressourcen für sich selbst: Wie kann ich in dieser schnellen und turbulenten Zeit die innere Ruhe bewahren? Wie finde ich Gelassenheit trotz aller Hektik? Wie finde ich meine innere Quelle, aus der ich schöpfen kann, ohne erschöpft zu werden?

Pater Anselm Grün
„Viele Führungskräfte haben sich auf den Weg gemacht, die Wirtschaft in unserem Land zu verwandeln.“ Pater Anselm Grün

Wirtschaftsforum: Was ist die wertvollste Erkenntnis gewesen, die Sie selbst aus einem Ihrer Seminare zur Mitarbeiterführung mitnehmen konnten?

Pater Anselm Grün: Die Erkenntnis, dass es heute viele Unternehmer und Führungskräfte gibt, die einen Wandel in der Führung wollen. Ich erkenne immer wieder voller Dankbarkeit, dass sich viele Führungskräfte auf den Weg gemacht haben, die Wirtschaft in unserem Land zu verwandeln, die Werte zu leben, die ein Unternehmen wertvoll machen, und menschliche Wege des Miteinanders und des Wirtschaftens zu suchen.

Interview: Julian Miller; Foto Zitat: Vier-Türme-Verlag / Andrea Göppel

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

In der Kälte liegt die Kraft – Ein Macher zwischen Tradition und Moderne

Interview mit Holger Putze, Geschäftsführer über die Kälte- und Klimatechnik Holger Putze GmbH

In der Kälte liegt die Kraft – Ein Macher zwischen Tradition und Moderne

Man muss sich das mal vorstellen: 1995 fangen die in einem ehemaligen Kinderzimmer an. Vier Leute, eine Garage, der pure Wille. Heute, 30 Jahre später, stehen sie da mit 20…

Vom Tüftlertraum zur Poolrevolution

Interview mit Dipl.-Ing. Torsten Reuß, Geschäftsführer der TOSSTEC GmbH

Vom Tüftlertraum zur Poolrevolution

Immer mehr Hausbesitzer wünschen sich einen Pool im eigenen Garten – aber bitte ohne Chlorgeruch, rote Augen und dauerhaft hohe Betriebskosten. Naturpools und Schwimmteiche sind hier eine attraktive Alternative. Die…

Wenn Gerüche zum Standortfaktor werden

Interview mit Michael Luccisano, Geschäftsführer der Biothys GmbH

Wenn Gerüche zum Standortfaktor werden

Gerüche sind selten plakativ – aber immer präsent. In Industrieparks, Kläranlagen, auf Deponien oder Asphaltwerken entscheiden sie oft über Akzeptanz, Genehmigungen und Investitionsentscheidungen. Die Biothys GmbH aus Willstätt hat genau…

Spannendes aus der Region

In der Kälte liegt die Kraft – Ein Macher zwischen Tradition und Moderne

Interview mit Holger Putze, Geschäftsführer über die Kälte- und Klimatechnik Holger Putze GmbH

In der Kälte liegt die Kraft – Ein Macher zwischen Tradition und Moderne

Man muss sich das mal vorstellen: 1995 fangen die in einem ehemaligen Kinderzimmer an. Vier Leute, eine Garage, der pure Wille. Heute, 30 Jahre später, stehen sie da mit 20…

E-Rechnungspflicht: Wie Unternehmen ihre Prozesse digitalisieren können

Interview mit Nicolas de Beco, CEO der Banqup Group

E-Rechnungspflicht: Wie Unternehmen ihre Prozesse digitalisieren können

Lang angekündigt, kommt sie doch schneller als gedacht – die E-Rechnungspflicht. Damit stehen viele Unternehmen vor der Herausforderung, schnellstmöglich ihre Prozesse zu digitalisieren und zu optimieren. Die Banqup Group bietet…

Wenn Gerüche zum Standortfaktor werden

Interview mit Michael Luccisano, Geschäftsführer der Biothys GmbH

Wenn Gerüche zum Standortfaktor werden

Gerüche sind selten plakativ – aber immer präsent. In Industrieparks, Kläranlagen, auf Deponien oder Asphaltwerken entscheiden sie oft über Akzeptanz, Genehmigungen und Investitionsentscheidungen. Die Biothys GmbH aus Willstätt hat genau…

Das könnte Sie auch interessieren

Mit Know-how und KI: Software für den Kreditprozess

Interview mit Thomas Jansen, Vorstand der SUBITO AG

Mit Know-how und KI: Software für den Kreditprozess

Unternehmen steigern ihre Effizienz, indem Abläufe so weit wie möglich automatisiert werden. Mitarbeitende können dann dort eingesetzt werden, wo es den Menschen wirklich braucht. In der Finanzindustrie sind es vor…

„Kundenzentrierung wird zur Nummer eins der künftigen Unternehmensaufgaben.“

Interview mit Anne M. Schüller, Managementdenker, Keynote-Speaker, Bestsellerautorin und Businesscoach

„Kundenzentrierung wird zur Nummer eins der künftigen Unternehmensaufgaben.“

Unternehmensformen- und strukturen haben sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Nur wenigen gelingt der Wandel. Doch wie schaffen Unternehmen es, sich weiterzuentwickeln und umzustrukturieren? Managementdenkerin und Businesscoach Anne M.…

„Die Sprache muss verständlicher und ehrlicher werden – dann fallen auch die Lügner besser auf“

Interview mit Tom Buschardt, Medien- und Kommunikationstrainer, Gründer und Autor

„Die Sprache muss verständlicher und ehrlicher werden – dann fallen auch die Lügner besser auf“

In seinem kürzlich erschienen Buch „Warum wir Kommunikation neu lernen müssen“ analysiert Tom Buschardt, ausgehend von seiner langjährigen Erfahrung in der Medien-, PR- und Krisenkommunikation, die qualitativen Veränderungen unseres alltäglichen…

TOP