Digital. Ganzheitlich. Mutig.

Interview mit Dr. Wolfram Jost, CEO der Scheer IDS und Chief Technology Advisor der Scheer Group

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Jost, der Name Scheer ist eng mit der digitalen Transformation verbunden. Das Unternehmen hat sich sehr früh mit dem Thema auseinandergesetzt und gilt als Pionier auf diesem Gebiet. Wie kam es dazu?

Dr. Wolfram Jost: Hinter der Scheer-Geschichte steht mit Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer ein visionärer Unternehmensgründer und Universitätsprofessor, der 1984 mit der IDS Scheer das erste Unternehmen der Gruppe gründete, die ersten R/3 Systeme einführte und Prozessberatungen anbot. Er war davon überzeugt, dass die Einführung von IT-Systemen und die Transformation von Unternehmen nur über Geschäftsprozesse erfolgen kann. Die Beschäftigung mit dem Thema Prozesse führte schließlich zur Entwicklung von ‘Aris’, einer Software zur Modellierung und Planung sowie Optimierung von Unternehmensabläufen. Aris gilt als erstes IT-Werkzeug für die Analyse, Modellierung und Optimierung fachlicher Geschäftsprozesse und bildete auch die Basis für die fruchtbare Partnerschaft mit SAP.

Wirtschaftsforum: Hat die SAP-Partnerschaft die weitere Unternehmensentwicklung beeinflusst?

Dr. Wolfram Jost: Ja. Durch Aris in Kombination mit der Einführung von SAP R/3 sind wir auf fast 4.000 Mitarbeiter gewachsen. Im Jahr 2000 folgte der Börsengang, 2009 der Verkauf an die Software AG. Professor Scheer hatte mit der IMC AG parallel ein zweites Unternehmen gegründet, das sich mit E-Learning-Technologien beschäftigte. Die Scheer Gruppe wurde in den folgenden Jahren gezielt erweitert und neu strukturiert, unter anderem gründete Professor Scheer das August-Wilhelm-Scheer-Institut für digitale Forschung AWSI mit über 100 Mitarbeitern.

Wirtschaftsforum: Wie sieht die Aufstellung der Gruppe heute aus?

Dr. Wolfram Jost: Neben der Scheer IDS, die sich mit den Themen Geschäftsprozesse, KI und SAP beschäftigt, und der Scheer IMC gibt es die Scheer PAS, ein kleineres Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern, das eine Plattform für die Prozessautomatisierung und Enterprise Integration entwickelt hat, sowie das Forschungsinstitut. Vor wenigen Monaten wurde die Scheer Business Services in die Gruppe integriert, ein Serviceunternehmen für die Bereiche Human Ressource, Marketing, Finance und Controlling. Damit haben wir rund 1.300 Mitarbeiter an 20 Standorten weltweit; unter anderem in Singapur, den USA und Australien. Alle Unternehmen sind in Wachstumsmärkten unterwegs und entwickeln sich sehr dynamisch. Beispielhaft ist die Scheer PAS, die sich mit Themen rund um die KI beschäftigt; hier geht es unter anderem um die zentrale Frage, wie man mit KI-Agenten Prozesse optimieren kann.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie Ihre Rolle innerhalb dieses Wachstumskurses?

Dr. Wolfram Jost: Ich bin seit vielen Jahren für die Scheer Gruppe tätig, habe bei Professor Scheer promoviert, die Entwicklung von Aris geleitet, wurde 2000 zum Scheer Vorstand ernannt und war für das Thema Softwareentwicklung, Produktmanagement, Produktmarketing verantwortlich. Nach dem Verkauf wurde ich 2009 in der Software AG als CTO in den Vorstand berufen, 2018 kehrte ich zu Scheer zurück, wo ich mich als CEO des größten Unternehmens der Gruppe vor allem auf die strategische Weiterentwicklung konzentriere. Gleichzeitig bin ich noch operativ tätig, da ich die Geschäfte, die Projekte und Mitarbeiter sehr gut kenne, nach wie vor fachlich tief in der Thematik bin und es mir nicht zuletzt großen Spaß macht, mit dem tollen Team an SAP-, Prozess- oder KI-Themen zu arbeiten. Wir haben sehr flache Hierarchien, weil wir überzeugt sind, dass wir nur als Team erfolgreich sein können. Als CEO sehe ich eine wichtige Aufgabe darin, in die Zukunft zu schauen – so schwer das ist. KI ist ein Riesenthema; wir entwickeln die ersten KI-Agenten im Learning Management System und Methoden für AI Agent Discovery und AI Agent Monitoring.

Wirtschaftsforum: KI ist das Thema der Zukunft. Können Sie konkretisieren, wohin der Weg gehen wird?

Dr. Wolfram Jost: Coding Agents sind zum jetzigen Zeitpunkt das zentrale Thema in der Softwareentwicklung, ein weiteres sind KI-Agenten, die Geschäftsprozesse optimieren, automatisieren und flexibler gestalten. Hier werden wir sehr stark investieren. Nur wenn KI-Agenten in die End-to-End-Prozesse integriert werden, können sie ihr wahres Potenzial entfalten. Es geht aber auch um Tools in der Prozessmodellierung und Prozessoptimierung und darum, wie diese Tools künftig auch KI-Elemente aufnehmen können. Bei der Scheer PAS arbeitet man derzeit an der Entwicklung eines Agent Designers, also eines Produkts, mit dem Unternehmen Agents designen, entwickeln und in die bestehende Prozesslandschaft des Unternehmens integrieren können. Die Herausforderung wird nicht die Einführung der Agenten sein, sondern, die End-to-End-Prozesse über die vier unterschiedlichen IT Stacks Mainframe, Client Server, Cloud und AI zu harmonisieren. Es geht also um die Betrachtung der gesamten Prozesse, der gesamten IT-Landschaft.

Wirtschaftsforum: Die Scheer Gruppe genießt einen hervorragenden Ruf rund um das Thema digitale Transformation. Was ist der Treiber hinter diesem Erfolg?

Dr. Wolfram Jost: Hier ist vor allem Professor Scheer zu nennen, der früh die Bedeutung von Tools und Methoden für das Prozessmanagement erkannt hat und diese aus der Forschung in die Praxis umgesetzt und über Jahrzehnte weiterentwickelt hat. Eine große Rolle spielen auch ein großartiges, von Vertrauen geprägtes und hoch qualifiziertes Team, das richtige Timing und Mut, mit Innovationen zu experimentieren, die per Definition nicht immer erfolgreich sein können. Die Scheer Gruppe wird weiter experimentieren, um den Innovationspfad fortzusetzen.

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