Hoffnungsträger aus Hamburg

Interview mit Dr. Kai Pohlmeyer, Geschäftsführer der Richter-Helm BioLogics GmbH & Co. KG

Richter-Helm ist ein mittelständischer Hersteller von biotechnologischen Wirkstoffen. „Arzneimittelwirkstoffe werden über gentechnische, biotechnologische Verfahren hergestellt“, erklärt Geschäftsführer Dr. Kai Pohlmeyer. „Wir konzentrieren uns hier auf drei Produktgruppen – rekombinante Proteine, Impfstoffe und Plasmid-DNA, eine Substanz, die als Impfstoff oder in Gentherapien zum Einsatz kommt.“

Eigenentwickung und Lohnfertigung

Richter-Helm BioLogics ist seit langem gefragter Partner großer Pharmaunternehmen. Gegründet 1987, war das Unternehmen Teil der Hamburger Firma Stratmann und ist in dieser Zeit stark gewachsen. Als Folge gibt es heute einen Entwicklungsstandort in Hamburg, einen Produktions-standort in Hannover sowie einen weiteren in Bovenau.

2007 wurde Richter-Helm an ein Joint-Venture verkauft, bestehend aus dem ungarischen Pharmaunternehmen Gedeon Richter sowie der Helm AG aus Hamburg. Mit dem Schritt verbunden war die Idee, biopharmazeutische Arzneimittelwirkstoffe für eigene Produkte und im Lohnauftrag zu entwickeln und fertigen.

Auftraggeber sind in erster Linie internationale Pharmaunternehmen sowie kleine und mittlere Biotechnologieunternehmen, über die die Substanzen in die ganze Welt gehen. „Die Produkte sind mit hohen Entwicklungskosten verbunden“, so Dr. Kai Pohlmeyer. „Deshalb müssen sie international zugelassen und vertrieben werden.“

Corona – ein neues Kapitel

Richter-Helm hat heute rund 250 Mitarbeiter; unterschieden wird zwischen Richter-Helm BioLogics, dem Entwicklungs- und Auftragshersteller, sowie der Richter-Helm BioTec. Letztere hat ein eigenes Produkt entwickelt, das bei schwerer Osteoporose und Frakturen eingesetzt wird. Mit der Corona-Pandemie sieht sich Richter-Helm nun neuen Herausforderungen gegenüber.

„Wir produzieren zusammen mit dem US-amerikanischen Unternehmen Inovio einen Corona-Wirkstoff,“ so Dr. Kai Pohlmeyer. „Momentan für die Phase III und für den Marktbedarf. Wenn man bedenkt, dass es zwischen sieben und 15 Jahre dauert, bis aus einer DNA- Sequenz ein Arzneimittel wird, das in Apotheken verkauft wird, wird klar, was für ein enormer Kraftakt mit der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes in so kurzer Zeit verbunden ist. Durch die Pandemie haben wir volle Auftragsbücher; auf der anderen Seite haben wir es mit einer großen Volatilität zu tun. Projekte werden verschoben oder gestoppt, hier ist große Flexibilität notwendig, um eine vernünftige Auslastung der Anlagen sicherzustellen. Die größte Herausforderung ist allerdings die Rohstoffknappheit. Bestimmte Rohstoffe wie Hilfsstoffe oder zum Beispiel Filtermembranen gibt es momentan einfach nicht, deshalb können einige Produktionen nicht laufen. Wir selber mussten schon Projekte verschieben, da bestimmte Rohstoffe nur noch an Firmen gehen, die an Corona-Impfstoffen arbeiten.“

Eine weitere Herausforderung stellt der Mangel an Mitarbeitern dar – qualifizierte Kräfte, die schwer zu finden sind. Die Maschinen laufen bei Richter-Helm Tag und Nacht, „Fachpersonal im biotechnologischen Umfeld ist allerdings rar“, wie Dr. Kai Pohlmeyer weiß. „Wir brauchen Spezialisten, die in Reinräumen arbeiten und mit biologischen Molekülen umgehen können.“

Mittleres Unternehmen, große Leistung, große Kunden

Richter-Helm hat sich in den vergangenen Jahren extrem positiv entwickelt. „Wir sind von der Größe her ein mittlerer Hersteller“, so Dr. Kai Pohlmeyer, „arbeiten allerdings für Global Player der Pharmabranche, was sehr untypisch ist. Durch unsere Expertise und extrem hohe Qualitätsanforderungen haben wir es geschafft, uns als mittlerer Player auf am Ende der Wertschöpfungskette liegende Bereiche zu fokussieren. Wir produzieren viel Material für spätere klinische Phasen. Damit haben wir uns eine Nische geschaffen, in der wir als mittleres Unternehmen die Qualitäten liefern können und die Flexibilität haben, um mit großen Playern an kommerziellen Produkten zusammenzuarbeiten. Das unterscheidet uns von den meisten Wettbewerbern unserer Größenordnung.“

Der Erfolg in der Nische bleibt nicht ohne Konsequenzen. Um die Aufträge zur Zufriedenstellung der Kunden erfüllen zu können, sollen die Kapazitäten am Standort Bovenau nun verdreifacht werden – im April soll der erste Spatenstich erfolgen.

„Auf uns warten in der Zukunft große Herausforderungen“, sagt Dr. Kai Pohlmeyer. „Wir arbeiten im Hochtechnologiebereich und müssen immer ganz vorn mit dabei sein. Heute stehen Themen wie Immuntherapie und Zell- und Gentherapie, die so genannte CAR-T-Therapie, im Fokus. Man versucht, Immunzellen von kranken Menschen so zu verändern, dass sie zum Beispiel Tumorzellen wiedererkennen können. Durch die Zell- und Gentherapie sollen spezielle Krankheiten, Erbkrankheiten und Krankheiten im onkologischen Bereich, geheilt werden. Das ist momentan das Thema in der Branche. Für uns ergibt sich daraus ein Bedarf von bestimmten DNA-Molekülen oder auch Proteinen, die wir in kleinen Mengen, zum Teil auch für personalisierte Ansätze, herstellen. Ein Schritt weitergedacht, sind wir bei zellfreien Produktionsverfahren; das heißt, biologische Moleküle werden dann nicht mehr in Zellen produziert. Diese innovativen Verfahren überzeugen, weil sie schneller in der Entwicklung und Produktion sind, schneller bei einer Änderung und schneller Skalierungen möglich sind. Wir blicken gespannt auf diese künftigen Entwicklungen. Ich persönlich schätze es, in diesem hochprofessionellen Unternehmen mit seiner sehr familiären Mitarbeiterstruktur zu arbeiten.“

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