„Reisen ist eine der größten ­Er­rungenschaften der Menschheit!“

Interview mit Yonca Yalaz, Geschäftsführerin der Plaza Hotelgroup GmbH

Wirtschaftsforum: Frau Yalaz, an inzwischen über 60 Standorten heißt die Plaza Hotelgroup ihre Gäste in ihrem Zuhause auf Zeit willkommen – wie konnten Sie in den letzten zwei Jahrzehnten so stark wachsen?

Yonca Yalaz: Weil wir Hotels leben und lieben – und alles, was wir machen, mit Überzeugung tun. Das erste Hotel, das wir vor über 20 Jahren übernommen haben, hatte in den acht Jahren zuvor sage und schreibe vier Insolvenzen durchlaufen und lag noch dazu an einem eher schwierigen Standort. Keiner hat gedacht, dass man dort einen langfristigen Turnaround schaffen könnte – außer wir. Alle waren überrascht, wie wir daraus eine echte Cash Cow gemacht haben. Auch die nächsten beiden Hotels, die wir übernommen haben, hatten zuvor jahrelang tiefrote Zahlen geschrieben. Doch mit einer beständigen Liebe fürs Detail konnten wir sie ebenfalls zu profitablen Häusern weiterentwickeln. Unser Wachstum wurde nie von konkreten Umsatzzielen getrieben, sondern vielmehr von schönen Hotels und unserer Neugier auf weitere attraktive Standorte – Berlin, Hamburg, später auch Wien und Salzburg und viele weitere. Wir sind einfach mit Spaß gewachsen und möchten genauso auch in Zukunft weiterwachsen.

Wirtschaftsforum: Die Coronapandemie dürfte dabei die größte Verwerfung gewesen sein, die die Hotellerie in der jüngeren Vergangenheit erlebt hat.

Yonca Yalaz: Seitdem jagt eine Krise die nächste, wodurch es immer schwieriger wird, in Deutschland überhaupt noch Geschäfte zu betreiben. Glücklicherweise sind wir als familiengeführtes Unternehmen sehr flexibel; auch in der Coronapandemie haben sich alle Führungskräfte in unseren Häusern eng abgestimmt, sodass wir uns umfassend auf alle plausiblen Eventualitäten vorbereiten konnten. Als dann der Lockdown kam oder vergleichbare Maßnahmen verhängt wurden, hatten wir bereits Sparmaßnahmen eingeführt, um weiter handlungsfähig zu bleiben. Bis heute bin ich stolz, dass all unsere Mitarbeiter in diesem Moment die Zeichen der Zeit erkannt und uns auf diesem Weg vollends unterstützt haben.

Wirtschaftsforum: Auch für sie muss das eine schwere Zeit gewesen sein – wie haben Sie ihnen Sicherheit gegeben?

Yonca Yalaz: Wir haben von Anfang an klar kommuniziert, dass wir keinen einzigen Mitarbeiter aufgrund der Coronapandemie entlassen würden: Wir würden es entweder alle gemeinsam durch diese Zeit schaffen oder alle gemeinsam untergehen. Daran haben wir uns gehalten – mit Erfolg: Denn als wir unsere Hotels wieder nach und nach öffnen durften, hatten wir nicht mit dem massiven Personalmangel zu kämpfen, mit dem andere Hotelgruppen konfrontiert waren – einige von ihnen sind schließlich sogar in die Insolvenz gerutscht. Das war eine schwere Zeit für die gesamte Branche.

Wirtschaftsforum: Die Herausforderungen wurden danach nicht weniger.

Yonca Yalaz: Einige unserer Hotels haben über 300 Zimmer – somit waren wir auch stark von der Energiekrise betroffen. Gleiches gilt für die massiv gestiegenen Personalkosten. Natürlich gönne ich jedem einzelnen meiner Mitarbeiter jeden Cent, den er bei uns verdient – denn die Inflation betrifft ja nicht nur uns als Unternehmen, sondern insbesondere ja die Konsumenten, deren Kaufkraft in den letzten Jahren deutlich zu sinken drohte. Was wir unseren Mitarbeitern mehr an Gehalt auszahlen, müssen wir als Unternehmen jedoch erst einmal verdienen, was nicht einfach ist, wenn nicht mehr so viele Business- oder Freizeitgäste aus dem Ausland nach Europa reisen – schließlich herrscht Krieg in der Ukraine, und der Krieg im Iran hat zudem eine massive Störung des internationalen Luftverkehrs zur Folge gehabt.

Wirtschaftsforum: Auf der Höhe der Lockdowns in der Coronapandemie wurden vielfach dauerhafte Verschiebungen im Reiseverhalten prognostiziert – wie viel davon hat sich mit einigen Jahren Abstand tatsächlich bewahrheitet?

Yonca Yalaz: Reisen ist eine der größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte, denn Reisen steht für Freiheit. Aus der eigenen Stadt herauszukommen, andere Länder zu sehen, ist unheimlich wichtig für die persönliche Weiterentwicklung – gerade junge Menschen haben das verstanden: Wo früher der Führerschein und das eigene Auto das Nonplusultra im Leben einer 18-Jährigen waren, ist es heute das Instagram-Profil mit Gebäuden aus aller Welt im Hintergrund. Trotz der Pandemie und aller Verwerfungen, die mit und nach ihr kamen, war uns klar: Das wird bleiben, das wird den Menschen niemand nehmen können. Mit den ersten Lockerungen haben wir dann auch gesehen, dass unsere Hotels wieder voll wurden, allerdings eher mit Inlandstouristen oder europäischen Reisenden, die Deutschland und seine Städte besuchen wollten.

Wirtschaftsforum: Gilt dieser positive Trend auch für Geschäftsreisen?

Yonca Yalaz: Ich bewerte diese Entwicklungen gerne auf der Basis der Erfahrungen in meinem eigenen Unternehmen: Vor der Pandemie hatten sich alle Führungskräfte immer einmal im Monat in der Zentrale in Heilbronn oder in Hamburg zum Brainstorming und zu weiteren Abstimmungen getroffen. Die Videocalls, die wir während der Pandemie implementiert hatten, konnten den persönlichen Austausch vor Ort nicht in derselben Qualität ersetzen, wie wir schnell festgestellt haben. Ich glaube, vielen anderen Unternehmen ist es sehr ähnlich ergangen.

Wirtschaftsforum: Trotzdem halten die Krisen weiterhin an – welche Wünsche richten Sie an die politischen Entscheidungsträger?

Yonca Yalaz: Ich wünsche mir Klarheit über das, was passieren wird. Stattdessen erleben wir jedoch seit Jahren Schnellschüsse, die morgen schon wieder verworfen werden. Der Hotellerie wird es nur dann gut gehen, wenn auch die anderen Branchen in Deutschland erfolgreich sind – allen voran die Automobilindustrie, die bisher unser unangefochtener Wirtschaftsmotor war, der nun ins Stocken geraten ist. Wir müssen uns endlich politisch und gesamtgesellschaftlich entscheiden, wie es nun weitergehen soll, welche Impulse wir weiterverfolgen wollen – rational, pragmatisch und weniger ideologiegetrieben. Dazu braucht es auch starke Unternehmerinnen und Unternehmer, die entsprechende Freiräume benötigen und vielleicht auch etwas mehr Anerkennung verdienen würden. Trotz alledem bleibt der Standort Deutschland unheimlich stark – wir hatten nie die Ambition, weit über die Grenzen Deutschlands, Österreichs oder der Niederlande hinauszuwachsen, denn hier fühlen wir uns wohl und sehen weiterhin unbändiges Potenzial.

Wirtschaftsforum: Womit könnte die Politik der Hotellerie im Besonderen helfen?

Yonca Yalaz: Mit einer Abschaffung der Bettensteuer, die asymmetrisch zum Schaden unserer Branche ausgestaltet ist. Inzwischen wird sie oft mit der Umsatzsteuersenkung begründet, doch das ist widersinnig, weil damit der Effekt dieser Maßnahme ja von Haus aus verpufft. Durch die niedrigere Umsatzsteuer sollte schließlich überhaupt wieder unsere Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Gastgewerbemarkt hergestellt werden, die zunehmend unter Druck geraten war. Noch dazu werden Hotels durch die Bettensteuer deutlich stärker belastet als Unterkunftsvermietungen, die sich einschlägiger Plattformen bedienen – auch das gerät für uns zu einem handfesten Wettbewerbsnachteil.

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