Chemie, die mehr können muss
Interview mit Roberto Camera Magni, Gesellschafter und CEO der Nearchimica S.r.l.

Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis 1979 zurück. Seit 1993 ist Nearchimica in Legnano ansässig; dort sind Produktion, Forschung und Entwicklung sowie das Lager gebündelt. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 36 Mitarbeitende. Acht davon arbeiten im Labor beziehungsweise in der Anwendungstechnik. „Mehr als 20% unserer Ressourcen entfallen auf Forschung, technische Unterstützung und Entwicklung“, sagt Roberto Camera Magni. Die Internationalisierung begann Ende der 1990er-Jahre zunächst im Mittelmeerraum. Ab 2003 baute Nearchimica seine Präsenz in Asien systematisch aus und folgte damit der Verlagerung der Textilproduktion in Richtung Südostasien. Im Jahr 2014 wurde außerdem eine Tochtergesellschaft in Südamerika gegründet. Parallel wurde die Anwendungstechnik kontinuierlich erweitert. Seit 2015/2016 verfügt das Unternehmen über einen eigenen Bereich für die Behandlung fertiger Kleidungsstücke.
Moderne Anlagen ermöglichen es, textile Prozesse im kleinen Maßstab nachzubilden und Entwicklungen praxisnah bis zum fertigen Kleidungsstück zu begleiten. Nearchimica ist nach Angaben von Roberto Camera Magni in 43 Ländern präsent, in rund 18 davon mit einem größeren Geschäftsvolumen. Italien bleibt mit etwa 35 bis 40% der wichtigste Markt. Der Jahresumsatz liegt laut Roberto Camera Magni bei rund 14 Millionen EUR. Besonders in Asien hat das Unternehmen sein Exportgeschäft ausgebaut. Die Störungen der Verkehrswege über den Suezkanal hätten das Geschäft jedoch stark belastet: Lieferzeiten seien länger geworden, während Kunden zunehmend kurzfristige Verfügbarkeit erwarteten.
Mehr als ein chemisches Produkt
Nearchimica positioniert sich im Premiumsegment. Entscheidend sei nicht allein das Produkt, sondern dessen Anwendung. „Unser Hauptvorteil besteht darin, uns nicht darauf zu beschränken, das Produkt zu liefern, sondern es entsprechend den Bedürfnissen des Kunden zu interpretieren“, erklärt Roberto Camera Magni. Im Anwendungslabor lassen sich Prozesse vom Textil bis zum fertigen Kleidungsstück im kleinen Maßstab nachvollziehen. Auch international setzt Nearchimica deshalb auf technische Nähe zum Kunden. Lokale Händler und Partner identifizieren geeignete Unternehmen, während Exportmanager die Märkte regelmäßig besuchen und den direkten Kontakt zu den Kunden pflegen. Messen dienen vor allem dazu, das Unternehmen in Märkten bekannter zu machen, in denen persönliche Reisen für Kunden schwieriger sind. Ein zentrales Entwicklungsfeld ist die Nachhaltigkeit. Eine Photovoltaikanlage deckt laut Roberto Camera Magni rund 30 bis 40% des eigenen Energiebedarfs. Zugleich arbeitet das Unternehmen an Verfahren mit niedrigeren Behandlungstemperaturen und geringerem Wasserverbrauch. Für Roberto Camera Magni ist Nachhaltigkeit kein einzelnes Label: „Sie ist eine Gesamtheit von Prozessen.“ Dazu zählt er Ressourceneffizienz, geringere Umweltbelastung, Recyclingfähigkeit und angemessene Arbeitsbedingungen. Für die kommenden Jahre richtet Nearchimica den Blick verstärkt auf den Mittelmeerraum, insbesondere auf Ägypten. Gleichzeitig soll das Asiengeschäft durch Partnerschaften widerstandsfähiger gegen logistische Schwierigkeiten werden. Hinzu kommt der Generationenwechsel: Führungsaufgaben werden schrittweise an jüngere Kräfte übergeben. Kritisch sieht Roberto Camera Magni zudem die Vielzahl unterschiedlicher Zertifizierungssysteme. Unabhängige Prüfungen seien notwendig, ähnliche Anforderungen würden jedoch häufig mehrfach abgefragt. „Man muss ein Gleichgewicht bei den Zertifizierungen schaffen“, sagt Roberto Camera Magni. Er plädiert für stärker vereinheitlichte Regeln, damit mehr Ressourcen in Forschung und Entwicklung fließen können.









