Näher am Leben
Interview mit Markus Frenzer, Geschäftsführer der Nanz medico GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Herr Frenzer, Nanz medico feiert dieses Jahr 30-jähriges Jubiläum. Wie hat alles begonnen?
Markus Frenzer: Die Wurzeln liegen in einem Modellprojekt der Deutschen Rentenversicherung aus dem Jahr 1996. Unser Gründer Helmut Nanz senior hat sich früh daran beteiligt, mit viel Mut und Durchhaltevermögen, denn es war echtes Start-up-Terrain. Von den damals drei teilnehmenden Zentren betrieb Nanz medico zwei: in Stuttgart und in Berlin. Aus diesem Projekt ist die ambulante Reha als eigenständige Leistungsform im Sozialgesetzbuch entstanden. Heute sind wir in elf Bundesländern mit 40 Zentren aktiv und eröffnen noch dieses Jahr das 41. in Bochum und das 42. in Gütersloh. In den neun Jahren, seit mein Kollege Carsten Behrenz und ich die Geschäftsleitung übernommen haben, haben wir die Standortzahl von 20 auf 40 verdoppelt und auch die Mitarbeiterzahl entsprechend: Wir beschäftigen heute knapp 3.000 Menschen.
entscheidende Vorteil liegt in der engen Verzahnung von Therapie und Alltag: Erlernte Inhalte können direkt umgesetzt und in den weiteren Behandlungsverlauf integriert werden. Gleichzeitig profitieren Patienten von einer intensiven, strukturierten Therapie sowie von der engen Zusammenarbeit zwischen Akutmedizin und Rehazentrum vor Ort. Die Qualitätszahlen der Rentenversicherung bestätigen das: Die ambulante Reha schneidet durchweg sehr gut ab. Auch wirtschaftlich ist die ambulante Reha sehr attraktiv. Wir rechnen 15 Berechnungstage ab, stationäre Kliniken 21, da dort auch Wochenenden berücksichtigt werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kontinuität in der Betreuung: Durch die wohnortnahe Struktur können Behandlungsverläufe individuell angepasst und Patienten auch über die eigentliche Reha hinaus begleitet werden.
Wirtschaftsforum: Was sind die besonderen Stärken von Nanz medico?
Markus Frenzer: Wir verfolgen die mutigen Gründungsgedanken, die uns von jeher auszeichnen, konsequent weiter. Ein wichtiger Bestandteil unseres Ansatzes ist etwa die Verbindung von analoger Reha mit digitalen Einheiten, die wir aktiv mitentwickelt haben. Patienten erlernen den Umgang mit digitalen Übungseinheiten während der Reha. Die speziell für sie zur Verfügung gestellten digitalen Übungseinheiten sind ihnen vertraut, wenn sie anschließend zu Hause digital weiter üben. Ziel ist eine echte Veränderung des Lebensstils: Wer wegen Übergewicht, Bewegungsmangel oder Diabetes rehabilitationsbedürftig wurde, soll langfristig andere Gewohnheiten entwickeln. Dazu kommt unser Medical Fitness-Angebot: Viele ehemalige Patienten kommen als Selbstzahler weiter zu uns, weil sie spüren, dass es ihnen besser geht. Damit schaffen wir eine langfristige Begleitung, die über die eigentliche Rehabilitationsphase hinausgeht. Wir wollen weg vom reinen Reparatursystem hin zu präventivem Verhalten.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen Digitalisierung und KI in Ihren Kliniken?
Markus Frenzer: KI hält an vielen Stellen Einzug, etwa bei der Arztbrieferstellung und der Prozessoptimierung. Edukative Elemente wie Vorträge zum Nichtrauchen digitalisieren wir zunehmend, sodass Patienten sie abends zu Hause abrufen können. In der Neurologie sind Robotics schon lange Standard: Patienten mit Halbseitenlähmung trainieren mit Systemen, die Greifbewegungen unterstützen und die Nervenverschaltung neu anregen. Mit Virtual Reality-Brillen simulieren wir Alltagssituationen, die im Therapieraum nicht nachstellbar wären, wie das Überqueren einer Straße. Exoskelette ermöglichen es Patienten, beispielsweise mit Querschnittslähmungen, überhaupt wieder Schritte zu machen. In der Therapie üben wir gezielt den Umgang damit und trainieren gemeinsam Bewegungsabläufe. Hände ersetzen wird die KI in der Reha aber noch lange nicht.
Wirtschaftsforum: Der Rehabedarf steigt. Wie bewerten Sie die Marktentwicklung?
Markus Frenzer: Der Bedarf steigt nachweislich und auf mehreren Ebenen. Erkrankungen des Bewegungsapparats sind häufig Verschleißerscheinungen, begünstigt durch Diabetes, Bluthochdruck und Bewegungsmangel. Besonders stark wächst aber der psychosomatische Bereich: Psychische Belastungen und stressbedingte Erkrankungen nehmen spürbar zu. Gleichzeitig herrscht in Deutschland ein erheblicher Mangel an niedergelassenen Psychotherapeuten. Die jüngste Strukturreform hat ihre Vergütung gesenkt, viele weichen auf Privatpatienten aus. Die Folge sind lange Wartezeiten für Kassenpatienten. Die psychosomatische Rehabilitation übernimmt hier eine wichtige Funktion, indem sie Versorgungslücken schließt und Patienten zeitnah strukturierte therapeutische Angebote macht. Das ist für uns ein klares Signal, diesen Bereich weiter auszubauen.
Wirtschaftsforum: Was braucht die Branche strukturell am dringendsten?
Markus Frenzer: Drei Dinge: faire Vergütung, denn hochwertige Reha braucht eine finanzielle Grundlage, sonst können wir unser Personal nicht bezahlen. Zweitens muss die gesetzliche Rehabudgetdeckelung fallen: Wir brauchen Reha nach Bedarf, nicht nach Kassenlage. Und drittens die Direktzuweisung durch den Hausarzt. Heute kann ein Niedergelassener einen Patienten direkt ins Krankenhaus einweisen, aber keine Reha direkt verordnen. Der Antrag geht erst zum Kostenträger, der bei ausgeschöpftem Budget ablehnt. Diese bürokratische Hürde kostet wertvolle Zeit und schadet den Patienten.














