Mehr als nur der "Schilderkönig"

Interview mit Helmut Jungbluth, CEO des Weltmarktführers für Kfz-Kennzeichen und Kennzeichen-Herstellungstechnik

Wirtschaftsforum: „Herr Jungbluth, viele Menschen denken, wenn sie zum Thema Kfz-Kennzeichen befragt werden, wohl nur an ein einfaches Stück Blech mit Buchstaben und Zahlen. Welche Bedeutung haben Autoschilder für Sie?“

Helmut Jungbluth: „Wie bei vielen Alltagsgegenständen machen sich die Autofahrer in Deutschland um Kennzeichen keine großen Gedanken, außer wenn sie neue benötigen. Dabei sind Autokennzeichen ein wichtiges ordnungspolitisches Mittel: Kfz-Kennzeichen sind nationale Dokumente, so wie Pässe oder Banknoten.

Das individuelle Nummernschild macht jedes Kraftfahrzeug unverwechselbar und ordnet es seinem Besitzer zu. Es dient so der Verbrechensprävention, Strafverfolgung und nicht zuletzt der staatlichen Refinanzierung in Form von Steuern und Abgaben. Dies gilt insbesondere in Ländern, in denen die staatliche Ordnung weit weniger stabil ist, als in Deutschland oder der EU.

Um die Fälschung oder den Missbrauch von Kennzeichen zu erschweren, versehen wir diese auf Kundenwunsch mit einer Reihe von Sicherheitsmerkmalen, wie beispielsweise Hologrammen und holografischer Prägefolie, Wasserzeichen, gelaserten Seriennummern oder Wasserzeichen. Ein Autokennzeichen ist schon lange kein einfaches Stück Blech mehr.“

Wirtschaftsforum: „Sie gelten in den Medien als der „Schilderkönig“. Macht Sie dieser Titel nicht stolz?“

Helmut Jungbluth: „Nun, manche Titel kann man sich nicht aussuchen – der „Schilderkönig“ ist vor langer Zeit einmal als griffiger Slogan von den Medien erfunden worden und führt seitdem ein munteres Eigenleben. Wir tragen diesen Titel natürlich mit einem gewissen Stolz.

Tatsache ist aber, dass Utsch schon seit Anfang der 60er Jahre auch im Bereich Maschinenbau sehr erfolgreich aktiv ist. Ein hochqualifiziertes Konstruktions- und Maschinenbauteam entwickelt und produziert hier am Standort Siegen Werkzeuge, Maschinen und Anlagen zur Herstellung von Kennzeichen.

Unser Flaggschiff, die von Utsch entwickelte und patentierte „Automatische Prägepresse“ (APP), ermöglicht die computergesteuerte, vollautomatische Herstellung von Kfz-Kennzeichen in großen Stückzahlen. Eine dieser Pressen produziert beispielsweise Kennzeichen für ganz Italien in der staatlichen Druckerei und Münzprägeanstalt, dem Istituto Poligrafico e Zecca dello Stato in Foggia.

Außerdem haben wir uns in den letzten 20 Jahren gezielt zu einem Systemanbieter weiterentwickelt. So können wir mittlerweile unseren Kunden auf Wunsch ein komplettes, individuell auf deren Bedürfnisse zugeschnittenes Kfz-Registrierungssystem anbieten, das alle fahrzeugrelevanten Prozesse und Dokumente von der Registrierung bis zum Recycling umfasst. Sie sehen also, der „Schilderkönig“ kann mehr als nur Schilder.“

Wirtschaftsforum: „Der Begriff „Prägen“ hat in Ihrem Haus auch eine besondere Bedeutung: Was war denn das prägendste Ereignis in der Unternehmensgeschichte und für Sie persönlich?“

Helmut Jungbluth: „Eines der prägendsten Ereignisse in der Unternehmensgeschichte war sicherlich 2001 die Umwandlung in eine AG, die völlig neue Führungs- und Organisationsstrukturen notwendig machte.

Das prägendste Ereignis war für mich im Folgejahr 2002, als ich die Nachfolge vom bisherigen Vorstandvorsitzenden Manfred Utsch, der Vorsitzender des Aufsichtsrates wurde, angetreten habe. Dazu kommt noch unsere sehr erfolgreiche Jubiläumsfeier mit allen Mitarbeitern sowie über 300 Gästen aus aller Welt zum 50jährigen Bestehen des Unternehmens im September 2011 – ein prägendes Ereignis für alle, die daran beteiligt waren.“

Wirtschaftsforum: „Alle Hidden Champions, so verschieden sie doch sind, haben ein Erfolgsgeheimnis. Welches ist Ihres?“

Helmut Jungbluth: „Wir haben uns in erster Linie auf konsequente Marktorientierung, den persönlichen Kontakt mit unseren Kunden und eine ausgeprägte Qualitätsphilosophie verlassen. Damit haben wir über die Jahrzehnte eine hohe Kundenbindung aufgebaut, die auf Vertrauen und Verlässlichkeit basiert. Dies ist umso wichtiger, da ein Großteil unserer Auslandskunden staatliche Behörden und Regierungsstellen sind.

Hinzu kommen natürlich auch die engagierten Mitarbeiter sowie ein qualifiziertes Leitungsteam, das wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg der Erich Utsch AG beiträgt.“

Wirtschaftsforum: „Internationalität ist nach den Worten von Professor Hermann Simon, dem Autor des Buches „Hidden Champions“, ein enormer Wachstumstreiber. Sie sind in über 130 Ländern aktiv. Haben Sie von Anfang an eine konsequente Internationalisierungsstrategie verfolgt, und wo werden Ihre Zukunftsmärkte sein?“

Helmut Jungbluth: „Was den internationalen Erfolg von Utsch anbelangt: Dieser geht auf Manfred Utsch zurück, der sich Anfang der 70er Jahre persönlich und mit Nachdruck um den Einstieg in das Auslandsgeschäft mit Kennzeichen und Maschinen, damals vornehmlich im Nahen und Mittleren Osten, gekümmert hat. Seitdem ist der Anteil des Auslandsgeschäftes am Umsatz kontinuierlich angestiegen, bis im Jahr 2002 erstmals die Exportumsätze über denen des Inlandes lagen. Diese Entwicklung war eine langfristige Angelegenheit, die Ausdauer, persönliches Engagement und strategischen Weitblick erforderte.

Der große Zukunftsmarkt für uns ist natürlich Asien, insbesondere die Riesen-Länder China und Indien. Allerdings mussten wir feststellen, dass es schwierig ist, in dieser Weltregion Fuß zu fassen – dort müssen wir noch weiter dicke Bretter bohren. Ein anderer großer Zukunftsmarkt ist Südamerika, vor allem durch die kommende Wirtschaftsgroßmacht Brasilien. Dort sind wir bereits heute mit Tochterunternehmen sehr gut aufgestellt und sehen der künftigen Entwicklung optimistisch entgegen.“

Wirtschaftsforum: „Hochkarätige Unternehmen, die in der „globalen Liga spielen“, leben nicht nur von ihren Produkten und ihren herausragenden Leistungsmerkmalen, sondern auch von starken Führungspersönlichkeiten? Was zeichnet Ihre Führungsstärke aus?“

Helmut Jungbluth: „Einerseits ein Gespür für Chancen und Marktlücken zu haben und diese auch zu nutzen. Und andererseits auch bereit zu sein, unpopuläre Entscheidungen zu treffen und zu verantworten.“

Wirtschaftsforum: „Welche Rolle spielt Innovationskraft für ihr Unternehmen?“

Helmut Jungbluth: „Innovation ist für uns der Motor des Erfolges, gerade in dem so schmalen Marktsegment, das wir bedienen. Unsere globalen Mitbewerber versuchen natürlich zu uns aufzuschließen, indem sie beispielsweise unsere Techniken und Verfahrensweisen kopieren. Wir müssen also im Gegenzug versuchen, durch Neuentwicklungen den Abstand zu wahren und uns im Markt zu behaupten.“

Wirtschaftsforum: „Können Sie ein Beispiel nennen?“

Helmut Jungbluth: „Ein sehr schönes Beispiel für unsere Strategie ist die im vergangenen Jahr auf dem Markt eingeführte U-Press: Die netzwerkfähige Prägepresse schließt die Lücke zwischen manuellen und automatischen Prägepressen und verbindet auf innovative Art und Weise die Präzision und Leistungsfähigkeit unserer bewährten Utsch-Prägepressen mit den Erfordernissen und Sicherheitsansprüchen der modernen Informationsgesellschaft. Features, wie der biometrische Login, die optische Kontrolle der verwendeten Platinen oder lückenlose Dokumentation aller Arbeitsvorgänge bieten größtmöglichen Schutz vor Missbrauch und senken spürbar die Arbeitskosten im täglichen Betrieb. Für solch ein Produkt haben wir derzeit die weltweite Alleinstellung inne. Fünf dieser Pressen haben wir aktuell an den australischen Bundesstaat Victoria verkauft.“

Wirtschaftsforum: „Wie werden Kfz-Kennzeichen in Zukunft aussehen? Welche Innovationen dürfen wir beispielsweise in den nächsten Jahren erwarten?“

Helmut Jungbluth: „Für die deutschen Kennzeichen wird sich in technischer Hinsicht nicht viel ändern, unsere Nummernschilder sind bewährt und unser deutsches Zulassungssystem sicher.

In anderen Teilen der Welt muss für die Sicherheit auf der Straße aber mehr getan werden. Dort wird die RFID-Technologie in Zukunft noch mehr zum Zuge kommen, auch in diesem Bereich sind wir weltweit Vorreiter.

Schon 2002 haben wir mit dem „Intelligent License Tag“, ein „smartes“ Kennzeichen in Form eines scheckkartengroßen Aufklebers mit integriertem Speicherchip plus Transponder als intelligente Ergänzung zum herkömmlichen Alukennzeichen auf den Markt gebracht. Der RFID-Chip speichert verschlüsselte Fahrzeug- und Halterdaten und kann von Polizei oder Zoll, aber auch durch fest installierte Lesegeräte an neuralgischen Punkten ausgelesen werden.

Die Möglichkeiten sind vielfältig, natürlich zur Kriminalitätsbekämpfung, aber auch bei der Mauterhebung oder als Zugangskontrolle für Sicherheitsbereiche. Zurzeit arbeiten wir daran, auch traditionelle Alukennzeichen mit RFID-Technologie auszustatten und stehen kurz vor der Markreife.“

Wirtschaftsforum: „Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in ein paar Jahren, und welche Vision verbinden Sie mit diesem Blick in die Zukunft?“

Helmut Jungbluth: „Das Unternehmen wird sich weiter internationalisieren, um noch schneller und flexibler weltweit vor Ort agieren zu können. Aktuell engagieren wir uns bereits in über 50 Ländern auf fünf Kontinenten mit Holdings und Joint Ventures und sind damit ein echter Global Player. Außerdem werden wir unser technisches, kaufmännisches und administratives Know-how noch stärker zu einem ganzheitlichen Konzept bündeln, um unsere Leistungsfähigkeit weiter zu erhöhen. Bei aller weltweiten Verflechtung werden wir auch in Zukunft bleiben, was wir immer schon waren: ein deutsches Unternehmen, das tief in unserer Heimatregion Südwestfalen verwurzelt ist.“

Wirtschaftsforum: „Im kommenden Jahr werden Sie nicht mehr in der Position des Vorstandsvorsitzenden bei Utsch tätig sein. Welches Resümee ziehen Sie nach über 35 Jahren, in denen sie die Firmengeschichte entscheidend mitgeprägt haben?“

Helmut Jungbluth: „Ohne das Vertrauen von Manfred Utsch und die gute Zusammenarbeit mit ihm wäre mein beruflicher Werdegang bei Utsch so nicht möglich gewesen.“

Wirtschaftsforum: „Haben Sie ein Motto, eine Lebensweisheit oder eine Erfolgsformel?“

Helmut Jungbluth: „Geht nicht, gibt‘s nicht!“

Wirtschaftsforum: „Vielen Dank für das Interview, Herr Jungbluth.“

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