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Jede Karriereleiter braucht die richtige Wand

Interview mit Anja Niekerken, Autorin, Vortragsrednerin und Führungskräftetrainerin

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Wirtschaftsforum: Frau Niekerken, Sie waren während Ihrer beruflichen Laufbahn in verschiedenen Positionen tätig, unter anderem als Geschäftsführerin. Kennen Sie das in Ihrem Buch beschriebene Gefühl der Montagsübelkeit selbst?

Anja Niekerken: Ja, klar. Einer meiner Top-Werte ist Freiheit und das kollidierte mit meinen Tätigkeiten bei verschiedenen Großunternehmen. Dann hatte ich natürlich Montagsübelkeit, wenn ich eine Aufgabe erledigen musste, bei der ich den Sinn dahinter nicht gesehen habe oder der Ablauf meinen persönlichen Vorstellungen zuwiderlief. Grundsätzlich gehören solche Situationen zum Job dazu, gar keine Frage, aber da waren immer kleine Störgefühle.

Von meiner Seite aus bin ich irgendwann darauf gekommen, dass ich die falschen Fragen in Bezug auf meinen Beruf stelle. Ich hatte meine Karriereleiter tatsächlich an die falsche Wand gestellt und realisierte, dass eine Karriere in einem Konzern überhaupt nicht zu mir passt, weil sie nicht meinen Wertvorstellungen entspricht. Also habe ich meine Karriereleiter umgestellt. Seitdem geht’s.

„Ich hatte meine Karriereleiter tatsächlich an die falsche Wand gestellt und realisierte, dass eine Karriere in einem Konzern überhaupt nicht zu mir passt, weil sie nicht meinen Wertvorstellungen entspricht.“ Anja Niekerken
Anja Niekerken

Wirtschaftsforum: Sie gehen in einem Kapitel recht ausführlich auf die heutigen Ansprüche an den Beruf ein. Inwiefern sind diese Ihrer Meinung nach überhöht?

Anja Niekerken: Natürlich stellen wir heute andere Ansprüche an unsere Arbeit. Wir sind mittlerweile eine Sinnsucher-Gesellschaft. Wir schauen nicht mehr auf die Grundbedürfnisse wie Essen und ein Dach über dem Kopf, weil diese alle erfüllt sind.

Sinnhaftigkeit ist die nächste Stufe, wenn wir die Bedürfnispyramide des US-Psychologen Abraham Maslow bemühen wollen. Entscheidender ist für mich nicht das, sondern ob wir die richtigen Fragen nach dem Sinn stellen.

Ich habe das Beispiel des jungen Architekten angeführt, der Visionen vom Bau der Stadt der Zukunft hat und nach Abschluss des Studiums eine Reihenhaussiedlung nach der anderen hochzieht. Das ist natürlich ernüchternd für ihn. Nur: Der Architekt fragt sich überhaupt nicht, ob es Sinn macht, einer Familie mit dem Reihenhaus bezahlbares Wohnen und ein Zuhause zu ermöglichen. Reicht das nicht als `Sinn´?

Ich möchte außerdem eine Lanze für all die tollen Jobs brechen, die wir haben. Wir neigen dazu, in eine Spirale hineinzugeraten, wo alles immer nur noch schlechter und schlechter wird. Die Berater- und Coachingbranche springt natürlich auf diesen Zug ein Stück weit mit auf: `Wenn du einen Job hast, den du liebst, wirst du keinen Tag mehr arbeiten´. Das stimmt ja so nicht. Ich liebe meinen Job, den ich mache wahnsinnig gern. Aber ich muss durchaus Sachen machen, die ich echt doof finde. Ich raste bestimmt nicht vor Begeisterung aus, wenn ich mal wieder eine Umsatzsteuervoranmeldung machen darf.

Anja Niekerken
„Dienst nach Vorschrift heißt 100% Leistung. Darauf baut unsere Wirtschaft und darauf verlassen sich unsere Führungskräfte.“ Anja Niekerken

Wirtschaftsforum: Jetzt befinden wir uns in Deutschland in einem Arbeitnehmermarkt mit fast schon paradiesischen Zuständen. Trotzdem gaben in der Gallup-Studie zuletzt 71% der Angestellten in Deutschland an, Dienst nach Vorschrift zu machen, 14% haben innerlich gekündigt. Warum wollen wir uns beruflich nicht verändern?

Anja Niekerken: Ich würde gern einmal diese 71%, also Dienst nach Vorschrift, relativieren. Dienst nach Vorschrift heißt 100% Leistung. Darauf baut unsere Wirtschaft und darauf verlassen sich unsere Führungskräfte. Wenn ich etwas sage, wird der Job gemacht. Das hat immer so einen negativen Beigeschmack, da wir in einer Leistungsgesellschaft leben und wer nicht 120% gibt, der macht etwas falsch. Das stimmt nicht.

Das finde ich extrem wichtig herauszustellen, weil eben genau diese Gruppe immer so negativ dargestellt wird und das begreife ich als Coach überhaupt nicht. Das ist die Gruppe, die letztendlich auch unsere Wirtschaft trägt. Die darf ich als Arbeitgeber nicht vergessen. Denen muss ich auch etwas bieten. Dass sie so stiefmütterlich behandelt wird, gefällt mir überhaupt nicht. Das muss besser werden und zwar von Arbeitgeber- und von Führungsseite.

Diese 14%, die innerlich gekündigt haben, die sollten entweder von sich aus gehen oder sie müssen von den Arbeitgebern beziehungsweise den Chefs aussortiert werden, weil durch sie das Betriebsklima nachhaltig geschädigt wird. Aus Sicht dieses Arbeitnehmers, der schon innerlich gekündigt hat, bleibt festzuhalten, dass wir Menschen Gewohnheitstiere sind.

Eine Veränderung ist erst immer einmal etwas, das uns Angst macht. Das ist evolutionär begründet. Man muss sich erst diesen Mechanismen bewusst werden, die da steuern. Erst, wenn ich das klar erkenne, kann ich den nächsten Schritt machen. Dann muss ich ins Tun kommen, denn Wissen allein bringt überhaupt nichts.

Wirtschaftsforum: Jetzt ist es auch so, dass viele Arbeitnehmer in ihrem Unternehmen etwas verändern möchten, aber nicht können. Wie fällt hier der Faktor Führungsetage ins Gewicht?

Anja Niekerken: Die Frage, die ich bei meinen Coachings immer stelle, lautet: `Was hast du denn gemacht, um deine Ideen in das Unternehmen zu tragen? ´ Die häufigste Antwort ist `Ich habe es mal in einem Meeting gesagt´ oder `Ich habe es meinem Chef erzählt´. Sonst noch? Dann kommt nichts mehr. Das reicht nicht! Die Menschen, die viele Ideen haben, die verzweifeln schnell. Das kann ich verstehen, aber wenn ich mir diese Idee sehr gut vorstellen kann und sie mir wichtig ist, dann kann ich ein, zwei Etagen höher gehen. Dann schreibe ich eben ein Vorstandspapier.

Ein anderer Weg: In großen Unternehmen gibt es meistens Ideeninitiativen. Häufig kennen wir die nicht. Großunternehmen haben so viele tolle Sachen, aber rein statistisch gesehen kennen nur 30 bis 40% der Belegschaft alle Möglichkeiten, die angeboten werden. Ich muss mich also erst einmal für mein Unternehmen interessieren und schauen, was machbar ist. Wenn ich in einem kleinen Unternehmen arbeite und das schon direkt mit dem Geschäftsführer besprochen habe und es heißt `Lass mal, geht nicht´ und ich mir drei, vier Mal eine blutige Nase geholt habe, dann würde ich sagen: `Geh mit Gott! Suche dir ein Unternehmen, das ähnlich gestrickt ist wie du. Das so tickt, dass es die Ideen auch aufnehmen würde´.

Wenn ich mich aus einem sicheren Job heraus bewerbe, dann habe ich zudem Zeit, um mir ein solches Unternehmen zu suchen.

„Ich muss wirklich die richtigen Fragen stellen. Ich darf nicht die Frage nach dem Gehalt und dem Image zentral in den Vordergrund rücken.“ Anja Niekerken
Anja Niekerken

Wirtschaftsforum: Das ist ein weiterer Punkt, bei dem Sie mahnend Ihren Zeigefinger heben. Wir wechseln, wenn wir wechseln, in ein ähnliches Arbeitsfeld. Warum ist das für Sie keine gute Lösung?

Anja Niekerken: Vertrautes fühlt sich zunächst immer gut an. Wir kommen zwar aus einer Situation, die wir nicht so toll fanden, die aber bekannt und gewohnt war. Wir neigen dazu, wieder das Bekannte zu wählen und geraten so in einen Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen. Ich muss wirklich die richtigen Fragen stellen. Ich darf nicht die Frage nach dem Gehalt und dem Image zentral in den Vordergrund rücken.

Ich muss mir den Chef anschauen. Ticken wir ähnlich? Verstehen wir uns? Haben wir eine ähnliche Chemie? Ich muss mir die Kollegen angucken. Stehen da die großen Jammerrunden in der Küche oder sind das Leute, die Lust auf Veränderung haben. Ich muss schauen, ob das Umfeld, in das ich reingehe zu mir passen wird. Das herauszufinden, ist nicht ganz einfach. Das bedeutet ein Probearbeitstag oder sich mal eine Woche für das potenziell neue Unternehmen frei zu nehmen, um das auszuprobieren. Das ist eine andere Herangehensweise und diese ist erfolgsversprechender als das, was wir bisher gemacht haben.

Wirtschaftsforum: Eine letzte Frage: Haben Sie persönlich einen Lieblingstag? Wenn ja, welcher und was machen Sie an diesem?

Anja Niekerken: Nein. Ich habe keinen Lieblingswochentag, aus dem einfachen Grund, dass ich als Selbständige keine festen Arbeitszeiten habe. Das ist mal gut, mal schlecht, aber ich genieße es eben sehr, keinen festen Rhythmus zu haben. Manchmal nehme ich mir den Freitag komplett frei.

In festen Bahnen von 8 bis 17 Uhr zu laufen, ein Ablauf, den ich ja auch noch kenne, kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen. Ich schreibe aber auch, dass alles seinen Preis hat. Man hat beispielsweise keine finanzielle Sicherheit. Diese Ungewissheit in Form einer emotionalen Achterbahn muss man aushalten können. 

Interview: Markus Büssecker Fotos: Anja Niekerken

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