Exzellenz statt Masse
Interview mit Piero Giachi, Präsident der Jackytex – Industria Tessile Della Maglia S.p.A

Wirtschaftsforum: Herr Giachi, Jackytex blickt auf mehr als 50 Jahre Unternehmensgeschichte zurück. Wie hat alles begonnen?
Piero Giachi: Jackytex wurde 1972 von meinem Vater gegründet. Er war Teil eines größeren Textilunternehmens, das aufgeteilt wurde. Er entschied sich für den Bereich Rundstrickerei und gründete Jackytex mit einem klaren Ziel: die Spielregeln des damaligen Marktes zu verändern. Zu der Zeit wurde für große Kaufhäuser relativ einfache Massenware produziert, ohne besonderes Augenmerk auf Design oder Geschmack. Gleichzeitig entstand gerade das italienische Prêt-à-porter. Giorgio Armani, Gianni Versace, Gianfranco Ferré, Romeo Gigli – das waren damals alles Newcomer. Mein Vater erkannte, dass dort die Zukunft lag. Jackytex ist mit diesen Designern groß geworden und hat sich gemeinsam mit ihnen entwickelt.
Wirtschaftsforum: Welche Stoffe produziert Jackytex genau, und aus welchen Materialien?
Piero Giachi: Wir sind auf Rundstrickstoffe spezialisiert, also Maschenware, die auf Rundstrickmaschinen in einer kontinuierlichen Schlaufe entsteht. Von schweren bis zu sehr feinen Qualitäten, in allen Gewichtsklassen. Bei den Fasern setzen wir vor allem auf natürliche Materialien: Seide, Kaschmir, feinste Wolle, Baumwolle, Leinen. Synthetische Fasern verwenden wir nur aus technischen Gründen, wenn sie für bestimmte Bindungen nötig sind. 65% unserer eingekauften Rohstoffe tragen Nachhaltigkeitszertifizierungen wie GOTS, GRS, RWS oder SFA.
Wirtschaftsforum: Ihre Kundenliste liest sich wie das Who‘s who der Luxusmode. Wie sieht Ihr Zielmarkt aus?
Piero Giachi: Wir arbeiten direkt mit den großen internationalen Marken zusammen. Auf der französischen Seite sind das Chanel, Dior, Saint Laurent, Paco Rabanne und Hermès. In Italien beliefern wir Gucci, Tom Ford, Armani, Brunello Cucinelli und Gruppen wie Max Mara. Der Kern unseres Geschäfts liegt in Europa – Frankreich, England, Italien. Wir sind aber auch auf dem amerikanischen Markt aktiv, haben Agenten in New York und Los Angeles und bedienen Kunden in Asien und im Nahen Osten. Insgesamt beliefern wir Kunden in 29 Ländern.
Wirtschaftsforum: Wie vermarkten Sie Ihre Kollektionen international?
Piero Giachi: Unsere Leitmesse ist die Milano Unica, wo wir mit einem eigenen Stand vertreten sind. Aber eine Messe pro Saison reicht heute nicht mehr. Die Zeitpläne der Branche haben sich stark verändert – es gibt Precollections, Cruise-Kollektionen, Capsule-Linien. Deshalb sind wir auch auf Vorkollektionsmessen in Frankreich präsent, auf Messen in München, Japan und China. In Mailand betreiben wir einen eigenen Showroom, der sich in den letzten Jahren auch für internationale Kunden zu einem wichtigen Anlaufpunkt entwickelt hat. Viele französische und englische Einkäufer kommen mittlerweile gezielt nach Mailand.
Wirtschaftsforum: Die Textilbranche hatte nach dem Post-Pandemie-Boom einen deutlichen Einbruch zu verzeichnen. Wie hat sich das auf Jackytex ausgewirkt?
Piero Giachi: Die Jahre 2023 und 2024 waren nach der Pandemie zwei sehr starke Jahre, in denen die Auftragslage regelrecht explodiert ist. Das war aber keine Normalität, sondern ein Nachholeffekt. Seit 2025 hat sich der Markt spürbar abgekühlt. Die geopolitischen Konflikte, die Krise der asiatischen Märkte, die US-Zölle – das alles drückt auf die Nachfrage.
Wirtschaftsforum: Das Thema Nachhaltigkeit hat die Textilindustrie in den letzten Jahren massiv beschäftigt. Wie erleben Sie das?
Piero Giachi: Die Anforderungen der großen Marken an Nachhaltigkeit sind in sehr kurzer Zeit enorm gestiegen. Von nahezu null Aufmerksamkeit zu einer fast übertriebenen Kontrolle, worauf die Lieferkette nicht vorbereitet war. Das erinnert mich an die deutsche Automobilindustrie: Auch dort wurden Umstellungsfristen gesetzt, die viele Unternehmen überfordert haben. Wir haben bereits vor drei bis vier Jahren ein eigenes Nachhaltigkeitsbüro eingerichtet, mit dedizierten Managern, die alle regulatorischen Änderungen im Blick behalten. Wir veröffentlichen jährlich einen Nachhaltigkeitsbericht, arbeiten nach dem ZDHC-Chemikalienmanagement-Protokoll und haben Zertifizierungen wie GOTS, GRS, RWS, FSC und SFA. Was mir persönlich aber noch fehlt, ist der letzte Schritt: die Kommunikation an den Endverbraucher. Im Supermarkt lesen wir jede Zutatenliste. Aber bei Kleidung wissen die meisten Käufer nicht, wie der Stoff produziert wurde, womit er gefärbt ist, woher die Faser kommt. Dabei trägt man das Material direkt auf der Haut.
Wirtschaftsforum: Wie sehen Sie die Zukunft der europäischen Textilproduktion?
Piero Giachi: Textile Produktion wird in Europa nur dann überleben, wenn sie auf allerhöchstem Niveau stattfindet. Massenfertigung können andere billiger. Wir müssen Exzellenz liefern – in der Qualität, in der Kreativität, in der Nachhaltigkeit. Jedes Unternehmen muss eine klare, eigene Identität finden. Italienische Stoffe müssen müssen sprechen wie der italienische Lebensstil: Man wählt sie, weil sie einzigartig, langlebig und verlässlich sind. Das ist unser Anspruch seit unserer Gründung 1972, und in Zukunft muss dieses Konzept noch stärker hervorgehoben und perfektioniert werden.














