Gender Shift darf nicht nur ein Feigenblatt für Unternehmen sein

Interview mit Christof Lanzinger

Wirtschaftsforum: Herr Lanzinger, Sie bezeichnen Megatrends als ‚Blockbuster der Veränderung‘. Sind das wirklich Blockbuster oder einfach nur gehypte Pilotfilme?

Christof Lanzinger: Gemäß unserem Verständnis von Megatrends sind das tatsächlich Blockbuster und wahre Klassiker des Filmgenres, wie das bei ‚Vom Winde verweht‘ oder ‚Citizen Kane‘ der Fall ist. Einige Merkmale: Megatrends haben eine Wirkkraft von etwa 50 Jahren, sie wirken global und in alle Aspekte der Gesellschaft hinein. Gleichzeitig beeinflussen sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung. Gehypte Filme wären dagegen eher wie relativ kurzlebige Moden.

Wirtschaftsforum: Kommen wir zum ersten Megatrend ‚Silver Society‘, den Sie als den Unverstandenen tituliert haben. Worin liegt dieses Missverständnis?

Christof Lanzinger: Ein Missverständnis liegt darin, dass eine Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, hauptsächlich mit Problemen und Belastungen assoziiert wird. Dabei gibt es viele Aspekte, die diesen Gedankengang als zu einfach entlarven. Ein Beispiel ist die höhere Lebenserwartung in vielen Regionen der Erde. Zusätzlich wächst in den westlichen Ländern die gesunde Lebenserwartung. Menschen fallen ab dem Erreichen eines bestimmten Alters nicht aus der Gesellschaft heraus, sondern ihr Gesundheits- und Aktivitätslevel bleibt sehr lange auf einem hohen Niveau. Natürlich kann es eine Phase der Betreuung geben, die verlängert sich aber nicht, sondern verschiebt sich nach hinten.

Christof Lanzinger
Ein Missverständnis liegt darin, dass eine Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, hauptsächlich mit Problemen und Belastungen assoziiert wird. Christof Lanzinger

Das zweite Missverständnis ist die ausschließliche Assoziation von Jugend mit Neuerung und Dynamik und die gleichzeitige Geringschätzung von Erfahrungswissen. Wir glauben, dass die Silver Society ein Trend ist, der letzteres wieder verstärkt als einen positiven Wert in den Fokus rücken wird und vielleicht auch zu einer neuen Definition des Wachstumsgedankens überhaupt führt; von einem ‚Mehr‘ hin zu einem ‚Besser‘.

Wirtschaftsforum: Inwiefern wird die Weltbevölkerung irgendwann in Summe zu einer Silver Society?

Christof Lanzinger: In Ländern, in denen es wirtschaftlichen Aufschwung gibt, stellt sich sehr rasch ein Rückgang der Geburtenzahlen ein. Das heißt: Die Demografie erzählt uns, dass auch in Ländern mit aktuell sehr hohen Geburtenraten die Zahlen sicher zurückgehen werden und die Gesellschaften dadurch älter werden. Das lässt sich anhand der Entwicklung in vielen Ländern, in den letzten Jahren gerade in Asien, dokumentieren. Entsprechend kann man diese Prognose auch für die sich gerade entwickelnden Länder Afrikas abgeben. Deshalb glaube ich ebenfalls, dass Länder wie Deutschland und Japan mit einer jetzt schon älteren Gesellschaft in Zukunft einen gewissen Erfahrungsvorsprung haben werden, da sie die Kontexte kennengelernt haben, die eine ältere Gesellschaft mit sich bringt und dieses Wissen für andere Länder attraktiv werden kann.

Wirtschaftsforum: Gender Shift ist unser nächster Trend. Dabei geht es unter anderem darum, mehr Frauen in die Arbeitswelt zu bringen. Aber ein Mehr allein reicht nicht, oder?

Christof Lanzinger: Nein, generell ist es so, dass Frauen sicherlich Ausgangspunkt für Diversität sind. Aus verschiedenen Lebenserfahrungen und -kontexten bringen sie eben auch andere Blickwinkel auf Probleme mit. Das führt dann zu innovativen Lösungen oder innovativen Produkten. Es gibt in diesem Kontext eine sehr interessante Studie von PricewaterhouseCoopers, nach der es eine Art Trigger-Effekt gibt: Es braucht bestimmte Prozentsätze von Frauen im Management, um messbare Effekte auszulösen. 20% ist eine Schwelle, die man überschreiten muss, wenn Frauen mehr zu Umsätzen oder Innovationen beitragen sollen. Das heißt, wenn Unternehmen diese Schwelle überschreiten, sind sie auch erfolgreicher. Das muss doch ein Ansporn sein, hier mehr zu tun.

Wenn eine Frau ganz allein Diversität in ein Team bringen soll, dann steht sie auf verlorenem Posten. Christof Lanzinger
Christof Lanzinger

Wirtschaftsforum: Jetzt müsste eine solche Zahl das Personalkarussell zum Drehen bringen. Warum steht es weiter still?

Christof Lanzinger: Das kann eben genau an dieser genannten Schwelle liegen. Wenn eine Frau ganz allein Diversität in ein Team bringen soll, dann steht sie auf verlorenem Posten und kann sich nur schwer gegen die tradierten Strukturen durchsetzen. Gender Shift darf nicht nur ein Feigenblatt oder eine reine Erkenntnis für ein Unternehmen sein, sondern muss in der Kultur verankert werden und das braucht eben viel Zeit.

Wirtschaftsforum: Kommen wir zur Neo-Ökologie. Von wem muss diese angekurbelt werden, dass sie auch wirklich in die Umsetzung kommt und existierende Widerstände überwindet?

Christof Lanzinger: Ich habe im Studium den Satz gelernt: Endzweck des Wirtschaftens ist der Konsum. Insofern gibt es praktisch den Mächtigsten in diesem ganzen System in Person des Konsumenten. Gleichzeitig empfindet sich der Konsument aber auch als der Ohnmächtigste, weil er gefühlt keinen Einfluss darauf haben kann, wie sein Strom hergestellt wird oder welche Mobilitätsangebote er nutzen kann. Trotzdem ist der Treiber in die Richtung einer Neo-Ökologie für mich der Konsument. Als Einzelperson und als Teil der Gesellschaft kann er Druck auf die Politik ausüben, indem er für eine ökologischere Wirtschaft eintritt.

Wirtschaftsforum: Dieser Schritt ist aber unabdingbar?

Christof Lanzinger: Er ist unabdingbar, weil er zugleich so viel wirtschaftliches Potenzial birgt. Wenn man bei Wirtschaft mehr in Kreisläufen denkt, ressourcenschonend denkt, dann eröffnet dies viele neue Möglichkeiten. Wer immer neu verbraucht, hat am Ende Zyklen, die weder vorne noch hinten geschlossen sind. Dann ist man immer ressourcenabhängig und es kann sich eine Vielzahl an Problemen ergeben. Ökologisches Wirtschaften ist nicht nur einfach so ‚gut‘, sondern es muss auch ökonomisch reizvoll sein. 

Interview: Markus Büssecker | Bilder: Zukunftsinstitut GmbH

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