„Jammern ist leichter als Handeln“

Interview mit Prof. Dr.-Ing. Dieter Gerling, Gründer der FEAAM GmbH

Es war die Überzeugung, dass Handeln wichtiger ist als Klagen, die Professor Dieter Gerling vor über 19 Jahren zur Firmengründung bewegte. Der Professor für elektrische Antriebstechnik an der Universität der Bundeswehr München wollte die wissenschaftliche Exzellenz seines Instituts in die praktische Anwendung bringen. Gemeinsam mit ehemaligen Doktoranden, darunter der heutige Geschäftsführer Dr. Gurakuq Dajaku, entstand so die FEAAM GmbH. 

Dienstleistung statt Hardware

Die FEAAM GmbH verkauft keine Produkte im klassischen Sinne, sondern hoch spezialisierte Entwicklungsdienstleistungen. Im Auftrag anderer Firmen entwickelt das Team elektrische Antriebe mit einem klaren Fokus: höhere Leistung, besserer Wirkungsgrad und geringere Kosten – und das gleichzeitig. Was normalerweise widersprüchliche Ziele sind, gelingt dank der rund 80 Patente, die das Unternehmen entwickelt hat. Die Kundenliste ist beeindruckend: FEAAM arbeitete mit allen großen deutschen Automobilherstellern zusammen, entwickelte Lenkräder für Spielekonsolen der Marke Fanatec, die auch in der Formel 1 zum Fahrertraining eingesetzt werden, sowie Aufzugsmotoren für eines der höchsten Gebäude der Welt und Antriebe für akkubetriebene Werkzeugmaschinen namhafter Hersteller.

Wissenschaftliche Exzellenz trifft Praxis

Was die FEAAM GmbH von ihren Wettbewerbern abhebt, ist die enge Verbindung von wissenschaftlicher Exzellenz und praktischer Anwendung. Mehrere Mitarbeitende zählen laut einer Statistik des renommierten Elsevier-Verlags zu den weltweit besten 2% der Forschenden – ein Ranking, in dem sonst vor allem US-amerikanische Mediziner vertreten sind. Ein konkretes Beispiel: Für einen Hersteller entwickelte FEAAM einen E-Bike-Motor, der im gleichen Bauraum 40% mehr Leistung und 15% höheren Wirkungsgrad erreicht. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal betrifft die Unabhängigkeit von seltenen Erden aus China, die für Hochleistungsmagnete benötigt werden. FEAAM hat eine Technologie entwickelt, die komplett auf diese Magnete verzichten kann.

Durch Krisen hindurch

Auch die FEAAM GmbH bekam Coronapandemie und Ukrainekrieg zu spüren, kam aber gut durch diese Zeiten. Mittlerweile geht es deutlich wieder bergauf, allerdings mit einer bemerkenswerten Verschiebung: Mehr als 50% der Aufträge kommen inzwischen von außerhalb Europas, hauptsächlich aus den USA, China und Indien. Dieter Gerling bedauert die aktuelle Stimmung in der heimischen Wirtschaft: „Wir haben Technologien anzubieten, die auch den europäischen Kunden große Vorteile bringen.“ Für die Zukunft setzt das Unternehmen auf den Ausbau von Marketing und Sales. Und die Marktaussichten könnten kaum besser sein: Elektrische Antriebe werden in immer mehr Bereichen eingesetzt, von der Luftfahrt über Robotik bis hin zu autonomen Systemen und Defense. Auch künstliche Intelligenz für die Regelung von Antrieben wird ein Zukunftsthema. „Das Potenzial wird immer noch größer“, erklärt Dieter Gerling. „Sie können eigentlich hinsehen, wo Sie wollen – es wird immer mehr elektrifiziert.“

Optimismus statt Schwarzmalerei

Zum Abschluss kommt Dieter Gerling noch einmal auf sein Gründungsmotto zurück und äußert deutliche Kritik an der aktuellen Debatte über die deutsche Wirtschaft: „Ich finde es unheimlich schade, wie aktuell in Deutschland über die Wirtschaftslage gesprochen wird. Es wird schlechter geredet, als es wirklich ist.“ Natürlich gebe es Probleme, die er nicht ausblenden wolle. Doch durch das ständige Reden über die Krise entstehe eine Abwärtsspirale. Sein Wunsch: „Dass insbesondere von den Akteuren, die so häufig in den Medien präsent sind, vielleicht mal ein bisschen mehr positives Handeln gezeigt würde und weniger Jammern.“ Ein Appell, der zum Gründungsgedanken der FEAAM GmbH passt – und der gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten an Bedeutung gewinnt.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Schnell reagieren können

Interview mit Steven Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH Kunststoffverarbeitung

Schnell reagieren können

Wie wird aus einem kleinen Familienbetrieb ein hochmoderner Kunststoffspezialist mit 150 Maschinen? Steven ­Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH in Spechtsbrunn bei Sonneberg, kennt die Antwort. Im Interview spricht er über…

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Interview mit Tom Segert, Mitgründer und CEO der Berlin Space Technologies GmbH

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Kaum ein Unternehmen dürfte derart komplex zu gründen und zu skalieren sein wie ein Satellitenhersteller: Tom Segert und seine Partner haben es dennoch getan – mit beachtlichen Erfolgen, die sich…

Software für den Praxisalltag

Interview mit Fabian Gundlach, Geschäftsführer der ergosoft GmbH

Software für den Praxisalltag

Aus einer Abrechnungssoftware für Psychotherapeuten ist bei ergosoft über drei Jahrzehnte eine umfassende Lösung für den Praxisalltag entstanden. Geschäftsführer Fabian Gundlach setzt auf Spezialisierung, engen Kundenkontakt und neue Technologien wie…

Spannendes aus der Region Landkreis München

„Mein Rat an Camper? Hinterlasst höchstens eine Reifenspur!“

Interview mit Stefan Christner, Geschäftsführer der bimobil – von Liebe GmbH

„Mein Rat an Camper? Hinterlasst höchstens eine Reifenspur!“

Seit fast einem halben Jahrhundert steht bimobil für langlebige und hochwertige Reisemobile – in einem Markt, der in den letzten Jahren einen enormen Boom erlebt hat. Warum die ursprüngliche Idee…

Farbe im Regal, Charakter in der Tasse

Interview mit Ralf Heincke, Geschäftsführer der Kaffeerösterei Martermühle GmbH

Farbe im Regal, Charakter in der Tasse

Der Kaffeemarkt ist gesättigt – und dennoch gibt es Raum für Unternehmen mit einem klaren Profil. Während industrielle Anbieter vor allem über Menge und Preis konkurrieren, setzen kleinere Röstereien auf…

Engineering für besondere Aufgaben

Interview mit Dr. Wolfgang Heimberg, Geschäftsführer der HTI Automation GmbH

Engineering für besondere Aufgaben

Vom Physiker in der Automobilentwicklung zum Unternehmer in der Laborautomation: Dr. Wolfgang Heimberg hat mit der HTI Automation GmbH einen Spezialisten aufgebaut, der sich bewusst zwischen Standard und Individualität positioniert.…

Das könnte Sie auch interessieren

Leidenschaft, die in ­jedem Teil steckt

Interview mit Mathias Körber, Geschäftsführer der OKP Parts and Engineering GmbH

Leidenschaft, die in ­jedem Teil steckt

Klassische Automobile sind weit mehr als Fortbewegungsmittel. Sie verkörpern Design, Klang, Geschichte und ein Lebensgefühl, das viele moderne Fahrzeuge kaum noch vermitteln können. Damit diese automobilen Ikonen auch nach Jahrzehnten…

BMW im Herzen, Weitblick im Gepäck

Interview mit Julian Schnapp, Prokurist der Autohaus Sperber GmbH & Co. KG

BMW im Herzen, Weitblick im Gepäck

Steigende Kosten, neue Marken, unsichere Politik – der Autohandel ist kein einfaches Pflaster. Autohaus Sperber aus Bamberg trotzt dem Gegenwind: Mit durchschnittlich 10 bis 12% Wachstum pro Jahr…

Wir reparieren keine Autos, wir lösen Probleme

Interview mit Timo Szabo, Geschäftsführer der Szabo GmbH

Wir reparieren keine Autos, wir lösen Probleme

Kaum eine Branche verändert sich derzeit so dynamisch wie der Automobilhandel. Zwischen Elektromobilität, Digitalisierung und wachsendem Wettbewerbsdruck sind klare Strategien gefragt. Die Szabo GmbH begegnet diesem Wandel mit einer konsequenten…

TOP