Chlordioxid aus Hannover für die Welt

Interview mit Boris Hinz, Geschäftsführer der Dr. Küke GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Hinz, Sie sind seit 13 Jahren bei der Dr. Küke GmbH. Wie hat sich das Unternehmen entwickelt?

Boris Hinz: Als ich 2012 anfing, waren wir vier Leute. Heute sind wir 37 Mitarbeiter, allein im letzten Jahr kamen zwölf dazu. Die Firma wurde 1996 als Ausgründung der TU Hannover gegründet. Dr. Fritz Küke (Gründer) hat als Chemiker ein patentiertes Verfahren entwickelt, um Chlordioxid sicher und stabil zu erzeugen – vorher war dieser Desinfektionsstoff mit Explosionsgefahr und Korrosion verbunden. Wir mussten als Unternehmen jahrelang Gremienarbeit leisten, um das Verfahren in regulierten Bereichen wie Trinkwasser überhaupt einsetzen zu dürfen.

Wirtschaftsforum: Wofür wird Chlordioxid eingesetzt?

Boris Hinz: Zur Desinfektion und Entfernung von Biofilm, überall dort, wo Wasser befördert, gelagert oder verbraucht wird – von Trinkwasser über industrielle Kühlsysteme bis zur Lebensmittelindustrie. Das Kundenspektrum reicht vom Camper über Krankenhäuser bis zum Chemiewerk. Wasserbehandler setzen dort ein Portfolio aus Pumpen, Messtechnik und verschiedenen Chemikalien zur Wasseraufbereitung ein. Wir sind Biozidhersteller und auf diesen einen Wirkstoff ausgerichtet. Wir bieten unterschiedlichste Chlordioxid-Erzeugungssysteme in verschiedenen Gebindegrößen an – von der 5-ml-Ampulle bis hin zum 1000-l-Container. Zu 95% verkaufen wir als White Label.

Wirtschaftsforum: Was macht Ihrer Meinung nach den Erfolg von Dr. Küke aus?

Boris Hinz: Der Hauptpunkt ist eindeutig die Regulatorik. Wir haben vor fast zehn Jahren unseren Fokus darauf gelegt, weil wir wussten: Die Biozidprodukte-Verordnung wird kommen. Wasserbehandler müssen wissen: Sind die Produkte zugelassen für diese Anwendung mit diesem Stoff in diesem Land? Unsere Abteilung Regulatory Affairs ist heute stärker besetzt als unsere Produktion. Natürlich gibt es viele andere Hersteller, die Stoffe herstellen, die als Biozid eingesetzt werden können, ohne dass das ihr eigentlicher Schwerpunkt ist. Nehmen wir Chlor: Es wird meist nicht primär hergestellt, um Wasser zu desinfizieren. Bei uns ist das anders: Wir produzieren Chlordioxid gezielt als Desinfektionsmittel. Dafür haben wir unser Wirkstoffdossier bei der europäischen Chemikalien­agentur eingereicht und verfügen über die komplette Analytik im Hintergrund. Somit können wir gewährleisten, dass die Kunden tiefgreifende Antworten zu ihren Anliegen bekommen. Die Kunden fühlen sich bei uns sicher aufgehoben. Mir fällt kein Wettbewerber ein, der sich so konsequent auf Chlordioxid konzentriert wie wir. Wir bedienen eine Nische, und darin haben wir eine sehr gefestigte Position.

Wirtschaftsforum: Warum ist die Regulatorik bei Ihnen stärker besetzt als die Produktion?

Boris Hinz: Das ist tatsächlich außergewöhnlich. Die Gründe für Regulierung akzeptiere ich vollkommen, schließlich wollen wir alle eine gesunde und sichere Zukunft. Aber gleichzeitig steht man als Chemieunternehmen oft unter Generalverdacht. Wir erleben in nahezu allen Bereichen einen massiven regulatorischen Überbau, der freies und effizientes Arbeiten zunehmend erschwert. Ich wünsche mir deshalb einen Bürokratieabbau – allerdings ausdrücklich nicht auf Kosten von Qualität, Umwelt oder Sicherheit. Es geht darum, unnötige Hürden zu beseitigen, ohne Abstriche bei den wichtigen Zielen zu machen. Wir brauchen eine Regulierung, die sinnvoll gestaltet ist und einen klaren, praktikablen Rahmen vorgibt.

Wirtschaftsforum: Nachhaltigkeit ist in vielen Bereichen zu einem zentralen Thema geworden. Welche Rolle spielt sie in Ihrem Arbeitsumfeld?

Boris Hinz: Der Begriff ist für mich inflationär geworden. Für uns ist selbstverständlich, dass wir nichts und niemandem bewusst schaden: Umwelt, Mensch, Tier, Boden, Wasser. Auch wir haben Solaranlage, Wärmepumpe, E-Fuhrpark – weil es sich rentiert. Aber ist das wirklich Nachhaltigkeit? Ich habe oft das Gefühl, dass die Chemiebranche unter Generalverdacht steht. Das Problem ist die Wahrnehmung der Chemie. Mir fallen keine Chemieunternehmen ein, die absichtlich Abfälle verklappen. Wenn man sich ansieht, wieviel die Branche zur Lösung beiträgt statt zum Problem, ist das beeindruckend. CO2-Einsparung durch Kühlsysteme, Legionellen-Reduktion, Bevölkerungsschutz – wir versuchen, Teil der Lösung zu sein.

Wirtschaftsforum: Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Boris Hinz: Wir eröffnen im zweiten Quartal 2026 einen neuen Produktionsstandort in Deutschland. Letztes Jahr haben wir in Frankreich eine Tochtergesellschaft gegründet. Die Strategie ist Wachstum, ob durch Ausweitung des Wassermarktes oder in andere Länder. Unser Claim: Chlordioxid kommt von Dr. Küke, und zwar überall. Wir haben eine ehrgeizige Marschrichtung. Außerdem liegt mir am Herzen, dass wir als Chemieunternehmen sichtbar werden und zeigen können, wie wichtig die Chemie für Deutschland und Europa ist. Die Branche steckt in existenziellen Schwierigkeiten, da ist jede Form von Sichtbarkeit gut. Ich möchte keine kurzfristige Profitsteigerung durch die Not anderer. Dazu zählt leider auch der Ausstieg einiger Firmen aus der Branche. Wenn der Wettbewerb nicht mehr da ist, wird es uns allen langfristig schlechter gehen – denn eine gesunde Konkurrenz ist wichtig für Qualität, Vielfalt und Weiterentwicklung. 

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