Online-Krankschreibung: Patientensicherheit bestimmt die Grenzen des Angebots

Interview mit Dr. Jur. Can Ansay, CEO der Dr. Ansay AU-Schein GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Ansay, mit AU-schein.de bieten Sie eine Online-Krankschreibung für Arbeitnehmer, bei der kein persönlicher Arztbesuch notwendig ist. Wo sehen Sie den größten Vorteil in Ihrem Angebot für Nutzer, wo seine Grenzen?

Can Ansay: Für den Patienten bedeutet unser Dienst eine enorme Zeitersparnis. Innerhalb weniger Minuten kann er die digitale Checkliste ausfüllen und ein Tele-Arzt prüft daraufhin, ob die Symptome einer Erkältung entsprechen. Das heißt, man muss nicht länger wegen einer Erkältung in die volle Arztpraxis und womöglich stundenlang wegen des Krankenscheins im Wartezimmer ausharren. Stattdessen kann der Patient sich zuhause auskurieren und entlastet damit gleichzeitig auch die niedergelassenen Ärzte, die sich auf die schwer kranken Patienten fokussieren können. Das entspricht auch dem Wunsch nach mehr Zeit für die Patienten aus der Antrittsrede des neuen Präsidenten der Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt.

Besonders für kleine Unternehmen, die meist schon ab dem ersten Krankheitstag einen AU-Schein von ihren Mitarbeitern brauchen, bedeutet das eine große Erleichterung. Um von der Krankenkasse die Ausfallzeit des Mitarbeiters schon ab Tag 1 erstattet zu bekommen, brauchen sie den Krankenschein. Wir haben in diesem Kontext auch schon Kooperationen mit kleinen Unternehmen, die die Kosten für unseren Service übernehmen. Hier spielt ebenso Präsentismus eine große Rolle, also die Tatsache, dass ein kranker Arbeitnehmer, der zur Arbeit erscheint, statt sich zu erholen, doppelt so hohen wirtschaftlichen Schaden für das Unternehmen anrichtet. Bei Erkältung vervielfacht sich dieser Schaden sogar durch Ansteckung von Mitarbeitern.

Die Grenzen liegen in der Patientensicherheit – das hat für uns höchste Priorität. Deshalb gibt es aktuell auch nur AU-Scheine für Erkältungen, maximal drei Tage und höchstens zweimal im Jahr. Zusätzlich hat unser ärztlicher Beirat Risikofaktoren ermittelt, die eine digitale Krankschreibung ausschließen, beispielsweise Fieber oder eine Schwangerschaft. Durch die Ausschlusskriterien des Fragebogens ist zudem für die Patientensicherheit gewährleistet, dass nur Patienten mit einer einfachen Erkältung und ohne Risikofaktoren eine AU erhalten. Das ist wohl der Hauptgrund dafür, dass uns bei über 12.000 AUs noch keine Fehldiagnose gemeldet wurde.

Die Grenzen liegen zudem darin, dass die zu diagnostizierenden Erkrankungen bestimmte Kriterien erfüllen müssen. Sie müssen insbesondere ungefährlich und allein über Fragen ausreichend verlässlich zu diagnostizieren sein. Unser Service kann den direkten Arzt-Patienten-Kontakt nicht ersetzen und das ist auch gar nicht unser Anspruch! Stattdessen bieten wir die Möglichkeit, Patienten bei risikoarmen Erkrankungen den Gang zum Arzt zu ersparen, um einen AU-Schein für den Arbeitgeber zu bekommen.

Dr. Jur. Can Ansay
„Unser Service kann den direkten Arzt-Patienten-Kontakt nicht ersetzen und das ist auch gar nicht unser Anspruch!“ Can Ansay

Wirtschaftsforum: Sie nutzen als Plattform Ihres Dienstes WhatsApp. Wie sehen dabei die wichtigsten Schritte in der Nutzung aus?

Can Ansay: Ab sofort bieten wir unseren Service optional auch ohne WhatsApp an. Der Patient erhält dann per Email einen Link und per SMS einen Code, mit dem er auf unserer Webseite vom deutschen Server seine AU als PDF herunterlädt und entschlüsselt. Im Übrigen ist der Prozess identisch:

Patienten geben über unsere Plattform ihre Symptome und Risikofaktoren ein. Unser Algorithmus prüft die Symptome und informiert sofort den Patienten, wenn die Krankschreibung nicht ausgestellt werden kann. Wenn grundsätzlich das Krankheitsbild einer Erkältung ohne Risikofaktoren vorliegt, geht der Patient zum nächsten Schritt und gibt seine persönlichen Informationen ein. Diese benötigen wir, um die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sachgemäß ausfüllen zu können. Anschließend wird der Patient zum Bezahlprozess geführt. Unser Tele-Arzt erhält dann die Informationen und prüft noch einmal, ob er wirklich eine Erkältung diagnostiziert. Hält unser Arzt es für nicht vertretbar eine Krankschreibung auszustellen, wird dies dem Patienten sofort mitgeteilt und das Geld erstattet. Durch unsere digitale Checkliste kommt das allerdings sehr selten vor. Wenn der Patient vor 10 Uhr morgens seine Krankschreibung anfragt, erhält er die digitale Version als PDF noch bis zum Mittag des gleichen Tages auf sein Smartphone. Das Original wird ihm per Post zugeschickt.

„Wenn der Patient vor 10 Uhr morgens seine Krankschreibung anfragt, erhält er die digitale Version als PDF noch bis zum Mittag des gleichen Tages auf sein Smartphone. Das Original wird ihm per Post zugeschickt.“ Can Ansay
Dr. Jur. Can Ansay

Wirtschaftsforum: Seit Sie mit Ihrem Unternehmen gestartet sind, gibt es auch zahlreiche kritische Stimmen. Wie begegnen Sie den Bedenkenträgern aus den Reihen der Mediziner und Juristen?

Can Ansay: Wir können die Skepsis natürlich nachvollziehen und sind mit den betreffenden Stellen im Dialog. Unser Produkt ist vollkommen neu und sehr disruptiv, die Änderung des Telemedizingesetzes noch sehr neu. Daher ist es nur verständlich, dass es Unbehagen bei einigen auslöst. In den acht Monaten seit unserem Start gab es allerdings noch keinen einzigen Arbeitgeber, der die Krankschreibung nicht akzeptiert hat und keinen Patienten, der uns gemeldet hat, dass die Diagnose falsch war. Das stimmt uns sehr zuverlässig. Trotzdem entwickeln wir unseren Service natürlich weiter und nehmen die Kritik sehr ernst. Soweit Mediziner jedoch fordern, jeder einfache Erkältungsfall müsse vom Praxis-Arzt diagnostiziert werden, bedeutet das circa 200 Millionen zusätzliche Arztbesuche pro Jahr. Unser Ziel ist jedoch, die Zahl der unnötigen Arztbesuche zu verringern. Mit unserem Service lösen wir daher auch ein Problem von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: ‘In Deutschland ist die Zahl der durchschnittlichen Arztbesuche auch deswegen so hoch, weil Patienten nur für (…) Kurzzeitkrankschreibungen immer zum Arzt müssen‘.

Dr. Jur. Can Ansay
„Kranke Arbeitnehmer verursachen dem Arbeitgeber einen doppelt so hohen Schaden, wenn sie sich krank zur Arbeit schleppen. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Präsentismus sind 60-mal höher als durch Blaumacher.“ Can Ansay

Wirtschaftsforum: Oft wird in Interviews das Thema Blaumachen angesprochen. Inwiefern können Sie die moralischen Bedenken dahingehend teilen?

Can Ansay: Ich hatte ja bereits das Thema Präsentismus angesprochen. Kranke Arbeitnehmer verursachen dem Arbeitgeber einen doppelt so hohen Schaden, wenn sie sich krank zur Arbeit schleppen. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Präsentismus sind 60-mal höher als durch Blaumacher. Ich bin der festen Überzeugung, dass hier ein Umdenken stattfinden muss. Zusätzlich ist unser Service auf zwei Mal im Jahr und maximal 3 Tage beschränkt, um das Risiko durch Blaumacher zu kontrollieren.

Wirtschaftsforum: Auch wenn viele darüber reden, zählt doch am Ende das Feedback Ihrer Kunden. Wie fällt es bis heute aus und gibt es Wünsche nach einer Erweiterung Ihres Services?

Can Ansay: Wir sind sehr stolz, sagen zu können, dass wir bei eKomi mit im Schnitt 4,3 Sternen von unseren Nutzern bewertet werden. Natürlich gibt es noch Verbesserungspotenzial: Viele Nutzer wünschen sich, dass der Service auch auf andere Krankheitsbilder ausgeweitet wird. Das Wichtigste ist natürlich die Verlässlichkeit und Usability – das hat für uns höchste Priorität produktseitig.

Interview: Markus Büssecker | Fotos: AU-Schein GmbH

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