Ein One-Stop-Shop für die Industrie von morgen
Interview mit Hermann W. Reiter, Geschäftsführer der DigiKey Germany GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Reiter, DigiKey wurde 1972 gegründet. Wie hat sich das Unternehmen entwickelt?
Hermann W. Reiter: Die Geschichte begann mit einem kleinen Gerät für Funkamateure. Unser Gründer hatte Bauteile übrig und bot diese zunächst über Anzeigen und später in einem Katalog an. Damals umfasste das Sortiment 36 Artikel. Heute sind auf unserer Website mehr als 17,4 Millionen Produkte von über 3.000 Herstellern verfügbar. Trotz dieser Größenordnung ist ein Gedanke unverändert geblieben: Technische Informationen sollen jederzeit digital zugänglich sein. DigiKey hatte bereits 1996 eine eigene Website und war damit sehr früh im Onlinegeschäft aktiv.
Wirtschaftsforum: Was unterscheidet DigiKey von klassischen Distributoren?
Hermann W. Reiter: Unser Schwerpunkt liegt auf einem sehr breiten Sortiment und hoher Verfügbarkeit. Wir sind vor allem dort stark, wo Kunden kleine Stückzahlen und eine große Auswahl benötigen: etwa in der Entwicklung, beim Prototyping, bei der Einführung neuer Produkte oder später bei Wartung und Reparatur. Wir wollen für unsere Kunden ein One-Stop-Shop sein, in dem sie schnell das passende Produkt finden und unmittelbar bestellen können.
Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung hat dabei die digitale Suche?
Hermann W. Reiter: Sie ist zentral. Viele Kunden kommen nicht mit einer fertigen Artikelnummer zu uns, sondern mit einer technischen Idee und bestimmten Anforderungen: Stromstärke, Temperaturbereich, Gehäuseform oder Material. Über unsere parametrische Suche können sie das passende Bauteil eingrenzen. Gleichzeitig stellen wir technische Daten, Produktinformationen, Foren, Videos und Schulungsmodule bereit. Unser Ziel ist es, Wissen nicht nur im persönlichen Gespräch zu vermitteln, sondern digital für möglichst viele Nutzer verfügbar zu machen.
Wirtschaftsforum: DigiKey arbeitet mit einem zentralen Lager in Minnesota. Wie funktioniert die Versorgung Europas?
Hermann W. Reiter: Von unserem zentralen Standort aus liefern wir weltweit täglich etwa 28.000 Bestellungen aus. Bestellungen nach Europa werden äußerst schnell von unserem Lager aus versandt, was durch hochgradig automatisierte Prozesse und eine eng getaktete Logistik ermöglicht wird. Unsere Kunden geben ihre Bestellungen in der Regel in dem Bewusstsein auf, dass sie ihre Lieferung von DigiKey schnell erhalten, sodass sie schon bald mit Innovation und Gestaltung fortfahren können.
Wirtschaftsforum: Warum braucht es dennoch eine starke Präsenz in Deutschland und Europa?
Hermann W. Reiter: Digitalisierung ersetzt nicht das lokale Marktverständnis. Unsere Teams arbeiten mit europäischen Herstellern zusammen, entwickeln das passende Portfolio, unterstützen Marketingaktivitäten und bieten technischen Service in unterschiedlichen Sprachen. In Deutschland beschäftigen wir rund 60 Mitarbeiter, europaweit etwa 250. Wir wollen für den Kunden lokal agieren – mit passenden Währungen, Sprachen, Zahlungsmöglichkeiten und transparenten Prozessen, bei denen keine unerwarteten Zollkosten entstehen.
Wirtschaftsforum: Ein wichtiger Wachstumsbereich ist die Industrieautomation. Welche Chancen sehen Sie dort?
Hermann W. Reiter: Die Industrieautomation ist inzwischen unsere zweitgrößte Business Unit und einer der am schnellsten wachsenden Bereiche. Wir führen bereits Produkte von mehr als 500 Herstellern. Viele Unternehmen dieser Branche arbeiten noch mit stark lokalen und teilweise manuellen Vertriebsstrukturen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an digitalen Beschaffungsprozessen, europäischen Lösungen und globalen Lieferketten.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt Europa in Ihrer Strategie?
Hermann W. Reiter: Europa ist für DigiKey ein bedeutender Wachstumsmarkt. Gerade der Mittelstand passt sehr gut zu unserem Modell: Viele Unternehmen entwickeln komplexe Produkte in kleinen Stückzahlen, benötigen schnell verfügbare Komponenten und wollen auf ein breites Lager zurückgreifen. Auch wenn ein Teil der späteren Serienproduktion außerhalb Europas stattfindet, entstehen hier weiterhin viele Ideen und Innovationen. Genau dort setzen wir an, bei der Frage: Ich habe eine Idee, wie kann ich sie schnell umsetzen?
Wirtschaftsforum: Wie blicken Sie auf die kommenden Jahre?
Hermann W. Reiter: Sehr positiv. Wir sehen seit längerer Zeit eine wachsende Zahl aktiver Kunden und beobachten, dass wieder mehr Entwickler an neuen Produkten arbeiten. Das ist für uns ein wichtiger Frühindikator. Neben Elektronik und Automation sehen wir Potenzial in Bereichen wie Medizintechnik, Landwirtschaft, Bahn, Automotive sowie Luft- und Raumfahrt. Entscheidend bleibt, täglich viele Details richtig zu machen: Produkte verfügbar halten, Daten pflegen, Prozesse verbessern und zuverlässig liefern. Unser Anspruch ist es, Innovation für unsere Kunden so einfach und schnell wie möglich zu machen.












