Pionier der Immobilienverrentung

Interview mit Özgün Imren, Geschäftsführer der DEGIV – Die Gesellschaft für Immobilienverrentung GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Imren, Sie haben DEGIV 2015 mitgegründet. Wie entstand damals die Idee zur Immobilienverrentung?

Özgün Imren: Ich habe Versicherungskaufmann gelernt, Betriebswirtschaftslehre studiert und anschließend 15 Jahre für die Allianz gearbeitet. Während meiner Zeit bei der Allianz habe ich über zwei Jahre eine Weiterbildung zum Diplom-Sachverständigen für Immobilien in Freiburg gemacht. In dieser Zeit ist die Idee für die Immobilienverrentung gereift. Das war für mich der Anlass, bei der Allianz zu kündigen und 2015 die DEGIV zu gründen. Sie war damals als eines der ersten Unternehmen in Deutschland, das sich überhaupt mit Immobilienverrentung beschäftigte. Es gab kein Vorbild, kein Konkurrenzmodell, nichts, wovon man hätte abschreiben können. Wir mussten das Thema von Grund auf selbst entwickeln. Gleichzeitig haben wir viel Aufklärungsarbeit geleistet: Zahlreiche Berichte in Medien wie Spiegel und Handelsblatt haben das Thema bekannter gemacht, ebenso unser Podcast, der von einer hessischen Tageszeitung als einer der besten Podcasts für Senioren ausgezeichnet wurde – dort lagen wir sogar auf Platz 2 oder 3. Heute blicke ich mit Stolz auf rund 1.000 bis 1.500 begleitete Verrentungen zurück. Seit Anfang 2023 führe ich die Firma allein und sehe, wie stark dieses Thema inzwischen in Deutschland angekommen ist.

Wirtschaftsforum: Immobilienverrentung war lange unbekannt. Welche Veränderungen im Markt und im Mindset der Menschen machen dieses Modell heute möglich?

Özgün Imren: Die größte Veränderung ist ein kultureller Wandel. In Deutschland galt Immobilienbesitz jahrzehntelang vor allem als Erbe für die Kinder. Viele ältere Menschen leben in teuren Häusern, haben aber wenig Rente – sie sind ‘steinreich, aber nicht liquide’. Andere Länder wie Großbritannien sehen Eigentum längst als Teil der Altersfinanzierung. Dieses Denken kommt nun auch bei uns an: Immer mehr Kinder sagen, sie möchten gar nicht das Haus erben, sondern dass ihre Eltern sich jetzt etwas gönnen. Gleichzeitig spüren Senioren, dass sie sich mit 70 oder 80 ruhig mehr Lebensqualität erlauben dürfen. Die demografische Entwicklung und steigende Lebenshaltungskosten verstärken das zusätzlich. All das führt zu einem Umdenken – und zu dem Wunsch, vorhandenes Vermögen sinnvoll zu nutzen.

Wirtschaftsforum: Gesetzlich ist der Bereich kaum reguliert. Welche Herausforderungen sehen Sie – und wie stellen Sie Qualität sicher?

Özgün Imren: Wir arbeiten hier mit dem wichtigsten Vermögensgegenstand vieler Menschen. Darum wünsche ich mir viel strengere gesetzliche Regeln. Solange die fehlen, setzen wir eigene Standards: TÜV- und DEKRA-Zertifizierungen, jährliche Audits, Testkunden, volle Transparenz aller Modelle sowie eine Beratung, die wirklich 360 Grad abdeckt – nicht nur ein Produkt. Wir erklären alle Wege mit ihren Vorteilen und Nachteilen. Dazu gehört auch das Modell Nießbrauch: Viele wissen nicht, dass sie selbst nach einem Verkauf weiterhin mietfrei wohnen und im Pflegefall die Immobilie sogar vermieten dürfen, um die Pflegekosten zu finanzieren. Wichtig ist mir zudem Aufklärung: Wir sind Ansprechpartner für Medien, Verbraucherzentralen und Organisationen, die Einschätzungen zur Marktentwicklung brauchen.

Wirtschaftsforum: Wer nutzt diese Modelle – und wer investiert in solche Immobilien?

Özgün Imren: Unsere Kunden sind überwiegend 65 plus, zunehmend aber auch Menschen ab 50, die flexibel bleiben möchten. Auf Investorenseite sind es zu 99% private Kapitalanleger – Ärzte, Unternehmer, Handwerksbetriebe oder Großeltern, die langfristig für Enkel investieren möchten. Viele schätzen den sozialen Charakter: Sie ermöglichen Senioren ein schöneres und freieres Rentenleben und erhalten zugleich eine Immobilie, die meist liebevoller gepflegt ist als eine klassische Kapitalanlage. In erstaunlich vielen Fällen entstehen sogar enge Kontakte: Manche Investoren besuchen ‘ihren’ Senior an Weihnachten oder Ostern – manchmal ersetzt das sogar eine fehlende Familie. Auch finanziell funktioniert das Modell: Die Käufer erwerben die Immobilie zu einem angepassten Preis, haben kaum Aufwand und profitieren langfristig vom Wertzuwachs.

Wirtschaftsforum: Die Jahre 2022 und 2023 haben die Branche stark getroffen. Wie hat DEGIV diese Phase gemeistert?

Özgün Imren: 2022 war für den gesamten Immobilienmarkt ein Schock: Ukrainekrieg, Zinsen, Unsicherheit. Ein Dozent brachte es damals auf den Punkt: „Der Markt ist defekt.“ In dieser Phase stieg mein Mitgründer aus – und ich habe gelernt, dass Abbau viel härter ist als Wachstum. Wir sind von 30 Mitarbeitenden wieder auf ein effizientes Team von heute 13 zurückgegangen und haben das Backoffice radikal verschlankt: Was früher zehn Personen erledigten, schaffen wir heute zu dritt oder viert – dank Digitalisierung, KI-gestützter Prozesse und der starken Arbeit meines langjährigen Mitarbeiters Erol Jasharoski, der Digitalisierung, Marketing und IT verantwortet. Gleichzeitig ist unsere Nachfrage durch organischen Content – vor allem YouTube und Podcast – deutlich gestiegen. 2025 haben wir den höchsten Halbjahresgewinn der Unternehmensgeschichte erzielt, obwohl der Umsatz niedriger ist als in der Boomphase. Qualität schlägt Quantität – und das stabiler als je zuvor.

Wirtschaftsforum: Wohin entwickelt sich DEGIV?

Özgün Imren: Wir setzen klar auf Qualität, nicht auf Wachstum um jeden Preis. Neue Mitarbeitende stellen wir nur ein, wenn die Kapazitäten es zwingend erfordern. Produktseitig wird es Innovationen geben – gleichzeitig ist der große Hype, den Modelle wie etwa der Teilverkauf zwischen 2021 und 2024 erlebt haben, vorbei. Perspektivisch sehen wir großes Potenzial im Ausland: Die Vorbereitungen für Österreich und die Schweiz liegen fertig in der Schublade, wurden während der Krise aber bewusst pausiert. Demografisch und strukturell ähneln viele Länder Deutschland – auch Frankreich, Spanien oder Italien. Entscheidend bleibt für uns: Menschen im Alter echte Handlungsoptionen zu geben. Eine Kundin von uns, 83 Jahre alt, sagte einmal: „Mit 80 kann ich mir endlich die 1.-Klasse-Schiffsreise leisten.“ Genau dafür machen wir diese Arbeit. Für Selbstbestimmung, Würde und ein gutes Leben im Alter.

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