Webcode:

Um einen Artikel aus dem Print-Magazin online zu lesen, geben Sie bitte nachfolgend den Webcode ein, der im Magazin unter dem Artikel zu finden ist.

https://www.getdigital.de - Gadgets und mehr für Computerfreaks

Günstige T-Shirts können auch sauber produziert werden

Interview mit Daniel Rüfenacht, Chief Executive Officer der bluesign technologies ag

Social Share
Teilen Sie diesen Artikel

Wirtschaftsforum: Herr Rüfenacht, bluesign präsentiert sich in seiner Außendarstellung als Lösungsanbieter und Wissensvermittler. Was unterscheidet Sie von den zahlreichen Zertifizierungsstellen?

Daniel Rüfenacht: Wir verstehen uns nicht als Zertifizierungsanbieter, sondern als Systempartner der Brands und Kleidungshersteller. Wir wollen sie auf ihrem Weg zu einer besseren Nachhaltigkeitsbilanz und insbesondere zu einer geringeren negativen Auswirkung ihres Handelns auf die Umwelt konsequent unterstützen und nicht nur am Schluss ihrem Produkt ein Etikett aufdrücken.

Wirtschaftsforum: Wie genau sieht diese Unterstützung aus?

Daniel Rüfenacht: Im Allgemeinen besteht unsere Zusammenarbeit mit unseren Partnern aus drei Phasen. Am Anfang steht eine tiefgreifende Analyse: Welche Chemikalien werden für welche Zwecke bei welchen Prozessen im Zusammenspiel mit welchen Anlagen verwendet? Daraufhin bietet bluesign eine umfassende Evaluation all dieser Elemente an, um einen kohärenten Überblick über den Ist-Zustand im Chemikalien- und Prozessmanagement zu erhalten. Schließlich folgt der wichtigste Schritt, die Transformation im Rahmen unserer Systempartnerschaft: Wie lässt sich die negative Auswirkung des hergestellten Produkts auf die Umwelt weiter reduzieren oder gar ganz beseitigen?

Wirtschaftsforum: Wie groß ist die ökologische Ambition der Marken tatsächlich?

Daniel Rüfenacht: Als Greenpeace im Jahr 2011 mit seiner Detox-Kampagne gegen den Einsatz gefährlicher Chemikalien in der Textilindustrie Stellung bezog, war das für viele ein Weckruf. Seitdem ist nicht nur das Bewusstsein des Endkonsumenten größer geworden, sondern auch das Bewusstsein bei den Firmen, dass die Verantwortung eigentlich bei ihnen liegt und nicht bei ihren Kunden. Denn der Kunde kauft ein Produkt, weil es schön ist, weil es ihm gefällt und weil die Marke bestimmte Emotionen transportiert – nicht weil es grün ist.

Wirtschaftsforum: Haben sich aber nicht mittlerweile auch viele Endverbraucher einer nachhaltigen Lebensweise verschrieben?

Daniel Rüfenacht: Sicherlich, aber darauf kommt es zumindest im Hinblick auf die Textilindustrie gar nicht so sehr an. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: 2005 habe ich für die Switcher SA am saubersten T-Shirt der Welt gearbeitet, das wir zunächst auch so beworben haben: Es wurde aus Biobaumwolle hergestellt, unter ökologisch vertretbaren Bedingungen transportiert und hatte einen erstklassigen Human-Rights-Track-Record. Nur: Niemand wollte es kaufen. Dann haben wir all die Labels zu seiner besonders guten Ökobilanz entfernt und es zu den anderen T-Shirts getan. Von da an rissen es uns die Leute aus den Händen – weil es einfach ein schönes Kleidungsstück war, und nicht wegen seiner Nachhaltigkeitsbilanz.

Wirtschaftsforum: Der größte Feind der Nachhaltigkeit ist also nicht günstige Mode von Primark?

Daniel Rüfenacht: Genau diesen Irrglauben, dass nachhaltige Kleidung teuer sein muss, wollen wir bei bluesign bekämpfen. Wieso sollte Primark denn keine sauberen T-Shirts verkaufen können? Dann liegt der Einkaufspreis statt bei einem Euro eben bei fünfzig Cent mehr – das mag eine Steigerung um 50% sein, doch weil die Kosten ohnehin so gering sind, ist die Preisänderung des Endprodukts doch nur marginal und kein Endverbraucher wird ihnen abspringen, selbst wenn sein Budget noch so gering ist. Die Vorstellung mancher Firmen, sie müssten ihre Kleidung billig und dreckig einkaufen, ist im Aussterben begriffen, weil sie einfach nicht mehr stimmt.

Wirtschaftsforum: Was genau muss sich dann aus Ihrer Sicht im Textilmarkt ändern?

Daniel Rüfenacht: Ich möchte, dass sich die Brands an der Auswirkung orientieren und gemeinsam mit uns realistische und zugleich ambitionierte Ziele setzen: eine Reduktion des Wasserverbrauchs in der Lieferkette um einen bestimmten Prozentsatz, die Umstellung der eingesetzten Chemikalien auf bessere und nachhaltigere Varianten, stringentere Ansprüche an die Einhaltung der Menschenrechte oder einen geringeren CO2-Ausstoß im Herstellungsprozess. Wer in naher Zukunft noch profitabel im Markt operieren will, darf hier sowieso nicht den Anschluss verlieren: Denn Nachhaltigkeit und Ökobilanz sind schon heute ausschlaggebende Kriterien im Corporate Reporting und bei der Kreditvergabe.

Wirtschaftsforum: Die Ausgestaltung der einzelnen Nachhaltigkeitslabels ist manchmal ein regelrechter Dschungel. Täte hier nicht mehr Übersichtlichkeit gut?

Daniel Rüfenacht: Für mich liegt die Zukunft überhaupt nicht in der Dichotomie zwischen dem Erzeuger und dem Zertifizierer, sondern in der konsequenten Zusammenarbeit zwischen dem Hersteller und seinem Systempartner, der die notwendige wirtschaftliche und ökologische Expertise mitbringt, um die nachhaltigen Ambitionen weiter voranzutreiben. Derzeit entwickeln wir bei bluesign eine Strategie, die genau diesen umfassenden Blick auf die gesamte Lieferkette forcieren soll. Daran arbeiten wir seit drei Monaten fieberhaft – und schon bald können wir der Öffentlichkeit alle Details präsentieren.

TOP