„Auch Beratung im Homecare-Bereich muss vergütet werden“

Interview mit Lukas Kramer, Geschäftsführer und Inhaber der Geria+med GmbH & Co. KG

Seit 2019 lenkt Lukas Kramer die Geschicke der Geria+med GmbH & Co. KG, seit 2024 als alleiniger Inhaber. Sein Anspruch: „Wir wollen Patienten nicht einfach nur mit Produkten beliefern, sondern sie bestmöglich beraten und individuell versorgen.“ Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte. Gegründet wurde Geria+med im Jahr 2000 von Dietrich Zeidler. Aus einem kleinen Berliner Sanitätshaus mit dem Fokus auf Inkontinenzmittel entwickelte sich über die Jahre ein stark wachsender Spezialanbieter. Bereits 2006 erhielt das Unternehmen die entscheidende Präqualifizierung, die eine direkte Abrechnung mit Krankenkassen ermöglichte. Ab 2009 gewann Geria+med wichtige Ausschreibungen, darunter die der BKK und später auch der Barmer. Der größte Meilenstein folgte 2016 mit dem Zuschlag der AOK Nordost – ein Auftrag, der das Unternehmen deutlich wachsen ließ, was einen Umzug in größere Räumlichkeiten im Berliner Osten notwendig machte. 2018 lernte Lukas Kramer den Gründer kennen, ein Jahr später trat er in die Geschäftsführung ein. Nach einer Übergangsphase übernahm er 2020 die alleinige Verantwortung und

führte das Unternehmen durch die schwierige Coronazeit. „Wir verkaufen keine Luxusgüter, sondern Hilfsmittel, die unsere Kunden unbedingt brauchen. Ein Lieferstopp war schlicht keine Option“, betont Lukas Kramer. Mit großem organisatorischen Aufwand gelang es, die Versorgung in einer Zeit aufrechtzuerhalten, in der Lieferketten unterbrochen waren und viel Unsicherheit herrschte.

Zwischen Versorgung und Vergütung

Heute beschäftigt Geria+med rund 40 Mitarbeiter in den Bereichen Beratung, Außendienst und Logistik. 2022 wurde die gesamte Logistik ins Haus geholt, um die Zuverlässigkeit zu sichern – ein Schritt, der laut Lukas Kramer entscheidend für die Qualität ist: „Am Ende muss das richtige Produkt zur richtigen Zeit beim Kunden sein. Nur wenn wir beides – Beratung und Lieferung – in einer Hand haben, können wir unser Versprechen halten.“ Die größte Herausforderung sieht er in der Finanzierung durch die Krankenkassen. „Wir arbeiten mit Pauschalen, die oft nicht ansatzweise die gestiegenen Kosten abbilden“, kritisiert der Geschäftsführer. Während die Kosten für Personal, Energie und Wareneinkauf massiv gestiegen sind, blieben die Erstattungen teilweise gleich oder sanken sogar. Viele Anbieter hätten den Bereich Inkontinenz inzwischen aufgegeben, berichtet er. Geria+med hingegen wächst weiter – auch, weil das Unternehmen in Beratung und Betreuung investiert. „Wir sind keine reinen Lieferanten. Unsere Mitarbeiter entlasten Pflegekräfte, Ärzte und Angehörige durch kompetente Anamnese und individuelle Empfehlungen.“ Für Lukas Kramer ist das eine zentrale Botschaft an die Politik: „Beratung im Homecare-Bereich muss endlich auch vergütet werden“, sagt er. Gemeinsam mit anderen Unternehmen engagiert sich Geria+med deshalb in einer Initiative, die dieses Thema stärker in den Fokus rückt.

Digitalisierung mit Augenmaß

Die Digitalisierung ist ein weiteres Feld, das Geria+med aktiv vo­rantreibt. Schon heute berät das Unternehmen Kunden per Videocall, WhatsApp oder E-Mail und setzt KI-gestützte Prozesse ein. „Aber am Ende bleibt der Mensch entscheidend. Keine künstliche Intelligenz ersetzt das empathische Gespräch“, betont Lukas Kramer. Dennoch erleichtern digitale Tools die Arbeit erheblich: Bestellungen und Abrechnungen laufen zunehmend digital, und auch die Kommunikation mit Krankenkassen wird in Zukunft vermehrt elektronisch erfolgen. „In den kommenden fünf Jahren wird die Branche nahezu vollständig digitalisiert sein – auch wenn regulatorische Vorgaben heute noch oft für Papierberge sorgen.“ Nachhaltigkeit spielt ebenfalls eine Rolle. Zwar sind Inkontinenzprodukte aufgrund ihrer Materialien schwer recycelbar, doch setzt Geria+med auf umweltfreundliche Verpackungen, das DHL-GoGreen-Programm und bewussten Ressourceneinsatz im Betrieb. „Wir können das Problem nicht vollständig lösen, aber wir können dazu beitragen, Abfall und Emissionen zu reduzieren“, erklärt Lukas Kramer. Spannend findet er auch neue Produktentwicklungen: smarte Hilfsmittel, die den Materialverbrauch senken und dadurch sowohl ökologisch als auch ökonomisch Vorteile bringen.

Vision und Motivation

Mit einem Jahresumsatz von rund 5 Millionen EUR wächst Geria+med stetig. Lukas Kramer hat dabei stets die Vision vor Augen, die hohe Versorgungsqualität zu sichern und das Angebot um kundenfreundliche Services zu erweitern. Dazu gehört etwa, Patienten mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen, indem sie ihre Versorgung auch eigenständig anpassen oder digital verwalten können. Sein persönlicher Antrieb? „Es macht mir unglaublich viel Freude, täglich an Lösungen zu arbeiten, die Menschen das Leben erleichtern. Gerade in einer so sensiblen Branche ist es erfüllend, wenn Kunden uns langfristig vertrauen.“ Für ihn ist es genau diese Mischung aus gesellschaftlicher Verantwortung und unternehmerischer Gestaltungskraft, die den Reiz ausmacht. „Solange es Herausforderungen gibt, die wir meistern können, bleibt die Arbeit spannend.“

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Gesundheit, Medizin & Pharma

„Brauchen Aufklärung und Entstigmatisierung“

Interview mit Matthias Glaser, Geschäftsführer der Canopy Growth Germany GmbH

„Brauchen Aufklärung und Entstigmatisierung“

Cannabis ist nicht nur ein Lifestyle-Produkt. Als Tochter des kanadischen Mutterkonzerns Canopy Growth Corporation vertreibt die Canopy Growth Germany GmbH mit Sitz in St. Leon-Rot medizinisches Cannabis und steht dabei…

Medizin, die zuhört und weiterdenkt

Interview mit Florian König, Geschäftsführer der HNO-Klinik Bogenhausen Dr. Gaertner GmbH

Medizin, die zuhört und weiterdenkt

Die Gesundheitsbranche in Deutschland befindet sich im tiefgreifenden Wandel: Kostendruck, Fachkräftemangel, Digitalisierung und die Krankenhausreform stellen Kliniken vor enorme Herausforderungen. Gerade in diesem Umfeld zeigen kleinere, spezialisierte Häuser, wie patientennahe…

Medikamente managen, Fachkräfte entlasten

Interview mit Dr. Michael Felski, Head of Sales der i-meds GmbH

Medikamente managen, Fachkräfte entlasten

Wenn Senioren täglich fünf, zehn oder noch mehr Medikamente einnehmen, steigt das Risiko für Verwechslungen – vor allem in Pflegeheimen und bei der häuslichen Versorgung. Die i-meds GmbH hat sich…

Spannendes aus der Region Berlin

„Wir schützen, was unseren Kunden wichtig ist.“

Interview mit Tarik Yilmaz, Geschäftsführer der EITNER SECURITY GmbH

„Wir schützen, was unseren Kunden wichtig ist.“

In der sich rasch verändernden Sicherheitsbranche ist die EITNER SECURITY GmbH ein innovativer Vorreiter, der sich den Herausforderungen des Personalmangels mit technologischen Lösungen stellt. Geschäftsführer Tarik Yilmaz erläutert im Interview,…

Handeln – nicht erst, wenn‘s brennt!

Interview mit Christian Kühn (li.), Geschäftsführer und Marius Schanz, Prokurist der Schlentzek & Kühn GmbH

Handeln – nicht erst, wenn‘s brennt!

Ihr Angebot reicht von Entrauchungslösungen über Brandmeldeanlagen bis zur Betreuung von Bestandsgebäuden: Die Schlentzek & Kühn GmbH aus Berlin ist seit fast drei Jahrzehnten ein spezialisierter Anbieter im vorbeugenden Brandschutz.…

Technik, die Räume lebendig macht

Interview mit Ralph Höher, Geschäftsführer der ITV - Ingenieur Team ­Versorgungstechnik GmbH

Technik, die Räume lebendig macht

Seit mehr als 20 Jahren prägt die ITV – Ingenieur Team Versorgungstechnik GmbH das Berliner Stadtbild entscheidend mit. Ob Wohnungsbau, Verwaltungsgebäude oder Sanierungen im Bestand: Das Ingenieurbüro sorgt dafür, dass…

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr Wildnis als Wohlfühlzone: Was Unternehmer von Otto Bulletproof lernen können

Interview mit Ottogerd Karasch, Geschäftsführer der Bulletproof GmbH

Mehr Wildnis als Wohlfühlzone: Was Unternehmer von Otto Bulletproof lernen können

Wer Ottogerd Karasch heute erlebt, sieht einen Mann, der sich sichtbar wohlfühlt im Unbekannten: allein in der Wildnis, auf harten Touren, vor der Kamera – und im Unternehmertum. Unter dem…

Formvollendet

Interview mit Rainer Schenk, Geschäftsführer der FBR Facondrehteile GmbH

Formvollendet

Seit über 40 Jahren bringt die FBR Facondrehteile GmbH aus Kirchhaslach in Schwaben Metall in die richtige Form. Was bescheiden in einem Keller begann, ist heute ein international agierendes Unternehmen,…

TOP