Wie Amazon nur kleiner

Interview mit Kristina Hardok, Gesellschaftsführende Gesellschafterin der WVS Versand Service

Die Gespräche über eine mögliche Übernahme des Kommissionierungs- und Versandgeschäfts begannen 2017, als die bisherige Inhaberin beabsichtigte, das Unternehmen aufzugeben und händeringend nach einem Nachfolger suchte. Kristina Hardoks Mutter war damals Teil der Belegschaft. Als sie die gelernte Industriekauffrau mit Schwerpunkt Buchhaltung fragte, ob sie sich vorstellen könne, das Unternehmen weiterzuführen, zögerte Kristina Hardok nur einen kurzen Moment.

Die richtige Einstellung

„Meine bisherigen Erfahrungen haben mich darauf vorbereitet, diese Herausforderung erfolgreich anzunehmen“, sagt Kristina Hardok. „Ich war zuvor in einem anderen kleinen Unternehmen tätig, in dem von den Mitarbeitenden erwartet wurde, dass sie mit anpacken, wenn sie gebraucht werden. Diese Einstellung hat mir sehr geholfen.“ Eine Station bei einem großen Logistikunternehmen hat der Unternehmerin zudem Branchenkenntnisse beschert.

Nachfolge gesichert

Nach einer Kennenlernphase konnte die damals 25-Jährige die Bedenken der Inhaberin zerstreuen, dass sie nicht in der Lage sein könnte, sich gegenüber der wesentlich älteren Belegschaft durchzusetzen. „Dann ging es zur Bank, um die nötige Finanzierung zu sichern“, erinnert sich Kristina Hardok. „Ich habe das Unternehmen dann zum 1.1.2020 komplett übernommen“

Wie Amazon nur kleiner

Kristina Hardok beschreibt das Unternehmen wie folgt: „Wie Amazon, nur kleiner. Wir sind ein Fulfillment-Lager. Wir lagern die Waren der Kunden, konfektionieren sie und organisieren den Versand an die Kunden. Dabei sehen wir uns nicht so sehr als Dienstleister, sondern eher als Partner unserer Kunden.“

Diese haben sehr unterschiedliche Produkte im jeweiligen Angebot, die sie dann WVS Versand Service anvertrauen. „Am Anfang war das Unternehmen auf Werbemittel und Giveaways spezialisiert“, beschreibt Kristina Hardok. „Da war der Konfektionierungsaufwand relativ hoch und das Unternehmen konnte einen deutlichen Mehrwert anbieten. So sind mit der Zeit weitere Branchen auf uns aufmerksam geworden, sodass wir heute ganz unterschiedliche Produkte im Lager haben.“

Abwechslungsreicher Kundenstamm

Von Flugzeugbeleuchtung über Medizinbedarf bis hin zu Musterproben, Prospekten und Werbemitteln für Außendienstler – die Produkte, die täglich durch das Lager strömen sind ganz unterschiedlich. Inzwischen bedient die Firma zudem Privatkunden.

„Das sind vor allem Privatanbieter, die Waren über online Verkaufsportale wie eBay verkaufen“, erklärt Kristina Hardok. „Wir kümmern uns um die Verpackung und den Versand. Durch unsere wettbewerbsfähigen Preisen bieten wir auch diesen Kunden eine sehr attraktive Alternative.“

Leistungsstarker Partner

Mit Ausnahme eines Großkunden bedient das Unternehmen Kunden in einem Umkreis von etwa 15 km. „Wir fahren regelmäßige Touren, um die Ware bei unseren Kunden abzuholen“, beschreibt Kristina Hardok. „Die konfektionierten Waren werden dann mit großen Paketdienstleistern verschickt.“

Mit einer Fehlerquote von unter 0,1% und sehr geringen Vorlaufzeiten gilt WVS Versand Service als zuverlässiger und leistungsstarker Partner. „Wir sind sehr flexibel“, bestätigt Kristina Hardok. „Wir richten uns nach den Wünschen der Kunden und haben ein offenes Ohr für neue Ideen oder Vorschläge. Unser Motto heißt: Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen“.“

Coronazeit gut überstanden

„Meine Einführung hätte zu kaum einem schwierigeren Zeitpunkt so kurz vor der Pandemie erfolgen können. Doch letztes Jahr haben wir einen neuen Kunden gewinnen können, der uns geholfen hat, die Coronazeit gut zu überstehen. Es kommen jetzt mehr Aufträge rein und wir sind wieder auf dem gleichen Stand wie vor der Pandemie.“

Der neue Besen kehrt gut

In den letzten fünf Jahren hat Kristina Hardok ihre mutige Entscheidung zu keinem Zeitpunkt bereut. „Die einzige Erfahrung, die mir damals fehlte, war die der Mitarbeiterführung“, blickt die Unternehmerin auf die Anfangszeit zurück. „Diese Wissenslücke konnte ich durch Kurse ausgleichen. Insgesamt lege ich sehr viel Wert auf Weiterbildung im gesamten Unternehmen.“

Den Führungswechsel hat Kristina Hardok als Chance genutzt, um Arbeitsprozesse und Kommunikationswege kürzer und effizienter zu gestalten. Der 20-köpfige und überwiegend weibliche Mitarbeiterstamm hat die Veränderungen, die Kristina Hardok eingeläutet hat, gut angenommen.

Die nächste Herausforderung

Für die Zukunft hat Kristina Hardok ehrgeizige Pläne. „Langsam wachsen wir über unsere räumlichen Kapazitäten hinaus“, bemerkt die Geschäftsführerin. „Leider gibt es an unserem jetzigen Standort keine Vergrößerungsmöglichkeiten. Meine Vorstellung ist es, ein Grundstück zu kaufen und neu zu bauen. Die ersten Gespräche mit der Stadt haben jedoch zu keinem positiven Ergebnis geführt.“ Kristina Hardok macht sich deshalb aber keine Sorgen, denn die richtige Chance wird sich schon ergeben. Und sie hat bereits den nötigen Mut bewiesen, solche Chancen mit beiden Händen zu ergreifen.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Serielle Baukonzepte für einen veränderten Markt

Interview mit Mario Haubner, Geschäftsleiter und Stefanie Haubner, Geschäftsleiterin der Haubner Holding GmbH

Serielle Baukonzepte für einen veränderten Markt

Modulares Bauen gewinnt angesichts steigender Kosten und hoher Zinsen zunehmend an Bedeutung. Die Haubner Holding GmbH setzt dabei auf industrielle Vorfertigung, klare Prozesse und eine strategisch breit angelegte Ausrichtung. Mario…

Mehr als eine Auszeit

Interview mit Bernd Niemeyer, Geschäftsführer der Müller-Touristik GmbH & Co. KG

Mehr als eine Auszeit

Reisen ist mehr als Ortswechsel – es ist ein Gefühl von Freiheit, ein Ausbruch aus dem Alltag und eine bewusste Entscheidung für das Leben. Besonders Party- und Gruppenreisen bündeln diese…

Proteine, Prozesse, Partnerschaft

Interview mit Georg Wienker, Geschäftsführer der Nöll & Co. GmbH

Proteine, Prozesse, Partnerschaft

Wenn Lieferketten unter Druck geraten und Rezepturen immer anspruchsvoller werden, braucht die Lebensmittelindustrie Partner, die schnell, verlässlich und transparent liefern. Die Nöll & Co. GmbH verbindet Handel, Distribution und Produktion…

Spannendes aus der Region Kreis Soest

Von der Garage zum Global Player

Interview mit Mareike Boccola, geschäftsführende Gesellschafterin der Hauschild GmbH & Co. KG

Von der Garage zum Global Player

Die Hauschild GmbH & Co. KG aus Hamm hat mit ihrem Speedmixer das Mischen von Materialien revolutioniert. Statt klassischer Rührelemente nutzt das mittelständische Unternehmen rührwerklose Technologie auf Basis von Zentrifugalkräften.…

Vom Stall bis zur Wallbox – Energie intelligent nutzen

Interview mit Dipl.-Ing. Andreas Kulke, Gründer und Geschäftsführer der alcona Automation GmbH

Vom Stall bis zur Wallbox – Energie intelligent nutzen

Die Landwirtschaft steht unter Druck – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich. Gleichzeitig boomt die Elektromobilität, und auch die Energiewende verlangt nach innovativen Lösungen. Genau an diesen Schnittstellen positioniert sich die alcona…

Nie wieder Schadsoftware – garantiert

Interview mit Torsten Valentin, Geschäftsführer der seculution GmbH

Nie wieder Schadsoftware – garantiert

In Zeiten, in denen Virenscanner regelmäßig versagen und Ransomware-Angriffe ganze Behörden lahmlegen, braucht es neue Denkweisen in der IT-Sicherheit. Die seculution GmbH aus Werl geht mit ihrem radikal anderen Ansatz…

Das könnte Sie auch interessieren

Strategie statt Chaos in der Kommunikation

Interview mit Björn Bröhl, Geschäftsführer der Scompler Technologies GmbH

Strategie statt Chaos in der Kommunikation

In Zeiten der digitalen Kommunikation produzieren Unternehmen mehr Content denn je – doch häufig fehlt die Strategie dahinter. Social Media-Posts werden ad hoc erstellt, Kampagnen ohne roten Faden gestartet. Die…

Vom Service zum System:  Fluid Management neu definiert

Interview mit Erdem Ates, Geschäftsführer der Fluid Service Plus GmbH

Vom Service zum System: Fluid Management neu definiert

Kühlschmierstoffe und Prozessflüssigkeiten sind entscheidend für stabile Fertigungsprozesse – und doch oft unterschätzt. Im Interview spricht Erdem Ates, Geschäftsführer der Fluid Service Plus GmbH, über seinen Weg ins Familienunternehmen, die…

Wie Agenturstrukturen Leistungsfähigkeit sichern

Interview mit Philipp Hannemann, Geschäftsführer der MAI Marketing Automation Intelligence GmbH

Wie Agenturstrukturen Leistungsfähigkeit sichern

Die Agenturbranche steht unter starkem Veränderungsdruck: Konjunkturelle Unsicherheiten, intensiver Wettbewerb und technologische Umbrüche prägen den Markt. Die MAI Gruppe begegnet diesen Herausforderungen mit einer klar strukturierten Gruppenstrategie und hoher operativer…

TOP