Stark in der Gemeinschaft

Interview mit Michael Rolf und Jörg Axel Simon, Vorstand der NORDWEST Handel AG

Wirtschaftsforum: Herr Simon, Herr Rolf, die NORDWEST Handel AG hat eine beeindruckende Geschichte. Können Sie uns einen detaillierteren Überblick über die Entwicklung des Unternehmens und seine heutige Struktur geben?

Jörg Axel Simon: Sehr gern. Die NORDWEST Handel AG wurde 1919 in Bremen als Genossenschaft gegründet. Damals schlossen sich norddeutsche Eisenwarenhändler zusammen, um gegenüber der Industrie ein Gegengewicht zu bilden und bessere Einkaufskonditionen zu erzielen. Zu dieser Zeit waren der Einkauf und die Bündelung von Warenmengen zentrale Themen für uns. Kriegsbedingt zogen wir nach Hagen um. Seit 2016 befindet sich die NORDWEST-Zentrale am heutigen Standort in Dortmund. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich NORDWEST weiterentwickelt, insbesondere nach der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft im Jahr 1998. Allerdings gerieten wir Anfang der 2000er-Jahre in eine schwere Krise, die zu einer Neuordnung der Eigentümerstrukturen führte. Im Jahr 2010 übernahm die Rothenberger Holding ein erstes großes Aktienpaket, was uns den Weg für einen stabilen Neustart ebnete. Trotz dieser Umbrüche ist unser Ziel bis heute unverändert geblieben: die Förderung des mittelständischen Handels, insbesondere der inhabergeführten Unternehmen in diesem Bereich. Es war uns stets wichtig, unseren Partnern in diesen strukturellen und wirtschaftlichen Fragen zur Seite zu stehen. Heute unterstützen wir etwa 1.250 mittelständische Partner, insbesondere in den Bereichen Stahl, Bau, Handwerk und Industrie sowie Haustechnik. Diese breite Basis erlaubt es uns, flexibel auf Marktentwicklungen zu reagieren und ein starker Partner für unsere Händler zu sein.

Michael Rolf: Unser duales Beschaffungssystem ist hierbei besonders hervorzuheben. Es besteht aus zwei zentralen Säulen: der Zentralregulierung und dem Großhandelsgeschäft. In der Zentralregulierung kaufen unsere Partner direkt bei der Industrie ein, während die Abrechnung über uns läuft. Dadurch bieten wir unseren Händlern Planungssicherheit und entlasten sie von administrativen Aufgaben. Die zweite Säule ist unser Großhandelsgeschäft, das über unser Zentrallager abgewickelt wird. Dieses Zentrallager ist ein echter Wettbewerbsvorteil für unsere Partner. Es ermöglicht ihnen, aus einem umfassenden Sortiment Waren zu wettbewerbsfähigen Preisen zu beziehen, ohne selbst hohe Lagerbestände aufbauen zu müssen, da ein Großteil der Lieferungen in einem neutralen Karton mit dem Lieferschein unseres Fachhandelspartners direkt an den Endkunden unseres Partners erfolgt. Mit über 250 Millionen EUR Umsatz ist dieses Geschäftsfeld ein wesentlicher Bestandteil unseres Erfolgsmodells. 

Wirtschaftsforum: Was macht NORDWEST so besonders im Vergleich zu anderen Großhandelsverbänden und Unternehmen?

Michael Rolf: Einer unserer wesentlichen Erfolgsfaktoren ist unsere partnerschaftliche Arbeitsweise. Unser Leitspruch „Leistungen gleichen sich, Menschen machen den Unterschied“ beschreibt unsere Philosophie sehr treffend. Anders als in vielen anderen Großhandelsverbänden arbeiten wir eng und auf Augenhöhe mit unseren Partnern zusammen. Das heißt, wir sehen uns nicht als reinen Dienstleister, sondern als Partner, der aktiv zum Erfolg der Händler beiträgt. Dabei sind Teamdynamik und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit entscheidende Faktoren. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die Vielzahl an Dienstleistungen, die wir unseren Partnern anbieten. Je mehr Leistungen unsere Händler von uns nutzen, desto mehr können sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren – ihre Kunden und den Vertrieb. Die weniger lukrativen administrativen Aufgaben übernehmen wir. So haben wir beispielsweise Systeme entwickelt, die es den Händlern ermöglichen, ihre Prozesse zu digitalisieren.

Jörg Axel Simon: Neben den Dienstleistungen für unsere Partner legen wir großen Wert auf eine offene und kollegiale Unternehmenskultur. 2021 entwickelte sich dann in unserem Unternehmen die Duz-Kultur. Diese Entscheidung hat zu einer viel offeneren und dynamischeren Arbeitsatmosphäre geführt. Wir sind überzeugt, dass diese Werte wie Gemeinschaft, Eigeninitiative und Zuverlässigkeit nicht nur unser internes Team stärken, sondern auch unseren Umgang mit Partnern prägen. Dies schafft eine besondere Vertrauensbasis, die uns vom Wettbewerb abhebt.

Wirtschaftsforum: Digitalisierung ist in der heutigen Zeit ein wichtiges Thema. Wie sieht die Digitalstrategie der NORDWEST Handel AG aus?

Michael Rolf: Die Digitalisierung ist tatsächlich ein zentraler Bestandteil unserer Strategie. Wir unterstützen unsere Händler dabei, digitale Lösungen schnell und effizient in ihren Alltag zu integrieren. Beispielsweise haben wir es während der Coronakrise geschafft, innerhalb von nur 48 Stunden voll funktionsfähige Onlineshops für Händler aufzubauen. Solche Projekte zeigen, wie flexibel wir auf die Bedürfnisse unserer Partner eingehen können. Neben solchen Lösungen bieten wir auch eine Reihe von digitalen Dienstleistungen an, die unsere Partner bei der täglichen Arbeit entlasten. So können sich beispielsweise unsere Kunden direkt an unsere E-Commerce-Plattform anbinden. Die Bestellungen werden neutral verpackt und aus unserem Zentrallager mit dem Lieferschein des jeweiligen Händlers verschickt. Dies ermöglicht es unseren Partnern, ihren Kunden einen erstklassigen Service zu bieten, ohne hohe Lagerbestände vorhalten zu müssen.

Wirtschaftsforum: Herr Simon, wie wichtig ist das Thema Unternehmensnachfolge für NORDWEST?

Jörg Axel Simon: Die Unternehmensnachfolge ist für uns von zentraler Bedeutung. Unsere Partner sind überwiegend mittelständische Familienunternehmen, bei denen die Übergabe an die nächste Generation oft eine große Herausforderung darstellt. Hier sehen wir uns in der Verantwortung, diese Nachfolgeprozesse zu begleiten und zu unterstützen. Wir bieten nicht nur wertschöpfende Dienstleistungen an, die es unseren Partnern ermöglichen, mit den großen Konzernstrukturen zu konkurrieren, sondern wir pflegen auch enge persönliche Beziehungen zu den Unternehmern und ihren Nachfolgern. Diese langfristige Bindung ist uns sehr wichtig, da wir den nächsten Generationen zeigen möchten, dass wir ihnen eine nachhaltige Zukunftsperspektive bieten können. Unsere Philosophie der Offenheit und Partnerschaft überzeugt nicht nur die aktuellen Unternehmer, sondern auch die zukünftigen Führungskräfte.

Wirtschaftsforum: Welche großen Projekte stehen in der nahen Zukunft an?

Jörg Axel Simon: Eines unserer größten Zukunftsprojekte ist der Bau eines neuen Logistikzen-trums in Alsfeld. Auf einer Fläche von 135.000 m² wird eine Halle von 72.000 m2 entstehen und die größte Investition in der Geschichte der NORDWEST Handel AG sein. Mit diesem neuen Logistikzentrum möchten wir noch mehr Prozesse für unsere Händler übernehmen – von der Warenbeschaffung bis hin zur Lieferung an den Endkunden.

Michael Rolf: Ein weiteres wichtiges Thema ist die Internationalisierung. Wir merken, dass der internationale Markt für uns immer bedeutender wird, insbesondere im Bereich E-Commerce und digitale Dienstleistungen. Wir arbeiten bereits an ersten Schritten, um auch international an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen und unseren Händlern entsprechende Lösungen anzubieten.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Wenn Logistik zum ­Balanceakt wird

Interview mit Xaver Bosch, Geschäftsführer der Internationale Logistik Spedition Xaver Bosch GmbH

Wenn Logistik zum ­Balanceakt wird

Ob Lebensmittel, Pflanzen oder Industriegüter: Ohne verlässliche Transporte geraten Lieferketten schnell ins Stocken. Zugleich erschweren Fahrermangel und enge Zeitfenster den Alltag. Die Internationale Logistik Spedition Xaver Bosch GmbH mit Sitz…

Handwerk als strategischer Vorteil

Interview mit Matthias Fischer, Geschäftsführer der Fischer Markenschuh GmbH

Handwerk als strategischer Vorteil

Wenn Konsumsegmente unter globalem Preisdruck schwanken, zeigt ein Produkt besondere Stabilität: der Hausschuh. Während in vielen Sparten schnelle Trends dominieren oder Billigware den Markt flutet, behaupten sich Anbieter wie die…

„Unser Kerngeschäft ist Massivholz“

Interview mit Moreno Vender, Geschäftsführer der Vender Legnami s.r.l.

„Unser Kerngeschäft ist Massivholz“

Holz ist einer der ältesten Baustoffe der Welt und zugleich einer, der heute aktueller denn je ist. Wer nachhaltig bauen, bestehende Gebäude sanieren oder historische Bausubstanz erhalten möchte, kommt an…

Spannendes aus der Region Dortmund

Arbeitssicherheit strategisch gedacht

Interview mit Marc Riegel, Geschäftsführer und Jennifer Stöckel, Chief of Staff der SAFETEE GmbH

Arbeitssicherheit strategisch gedacht

Globale Krisen, geopolitische Spannungen und wachsende Anforderungen an Großprojekte verändern die Rahmenbedingungen der Arbeitssicherheit spürbar. Wie Unternehmen auch unter unsicheren Vorzeichen handlungsfähig bleiben und Sicherheit strategisch verankern, zeigt die SAFETEE…

„Deutschland ist ein Stehaufmännchen“

Interview mit Kai Peppmeier, Geschäftsführer der TMC Turnaround Management Consult GmbH

„Deutschland ist ein Stehaufmännchen“

Restrukturierungs- und Sanierungsexperten sind angesichts der schwierigen gesamtwirtschaftlichen Lage in Deutschland derzeit sehr gefragt: Neben gewachsenem Management- und Branchenwissen komme es in diesem Geschäftsfeld insbesondere auch auf zwischenmenschliche Empathie an,…

Wie Gesundheitsdaten echten Mehrwert schaffen

Interview mit Andreas Kaysler, Geschäftsführer VISUS Health IT GmbH

Wie Gesundheitsdaten echten Mehrwert schaffen

Wer über die Zukunft des Gesundheitswesens spricht, spricht meist über Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Vernetzung. Für die VISUS Health IT GmbH aus Bochum sind das jedoch keine Schlagworte, sondern der…

Das könnte Sie auch interessieren

Der Kunde will online – wir machen es möglich

Interview mit Bernd Lietke, Geschäftsführer der Bauwelt Glas- und Stahlprodukte Online GmbH

Der Kunde will online – wir machen es möglich

Der Onlinehandel erlebt seit Jahren einen Boom und hat unser Einkaufsverhalten grundlegend verändert. Längst landen nicht mehr nur Kleidung, Schuhe, Elektronikartikel oder Bücher im elektronischen Warenkorb; auch maßgeschneiderte Duschkabinen, Vordächer…

Bereit für atemberaubende Reisen

Interview mit Sandra Tüter, Geschäftsführeri der SOMA Caravaning Center Bremen GmbH

Bereit für atemberaubende Reisen

Das SOMA Caravaning Center Bremen hat sich in den letzten Jahren vom reinen Händler von Campern und Reisemobilen zum ganzheitlichen Partner seiner Kunden weiterentwickelt und bietet in diesem Zuge inzwischen…

Handwerk als strategischer Vorteil

Interview mit Matthias Fischer, Geschäftsführer der Fischer Markenschuh GmbH

Handwerk als strategischer Vorteil

Wenn Konsumsegmente unter globalem Preisdruck schwanken, zeigt ein Produkt besondere Stabilität: der Hausschuh. Während in vielen Sparten schnelle Trends dominieren oder Billigware den Markt flutet, behaupten sich Anbieter wie die…

TOP