Die durchaus realen Probleme des Post-Öl-Zeitalters

Rohstoffe

Porsche marschiert gerade in eine Zukunft, in der die Zuffenhausener ein digitaler Premiumhersteller sein wollen. Eine Zukunft, die nach einhelliger Ansicht ausschließlich elektrisch motorisiert ist. Wer sich heute eine Ölheizung installieren lässt, erntet nicht selten fragende Blicke. Und wenn die unendliche Sisyphosarbeit namens Exploration von Erfolg gekrönt und ein neues Öl- oder Gasfeld entdeckt wird, liest man zwischen den Zeilen mancher Berichte fast schon Bedauern darüber heraus. Darüber, dass das Ende des Ölzeitalters abermals verschoben wurde. Zweifelsohne, die menschliche Nutzung von Öl hat, insbesondere wenn es als Energieträger verwendet wird, mannigfaltige globale Nachteile. Doch wäre eine ölfreie Welt nicht nur eitel Sonnenschein, vor allem in den ersten Jahrzehnten. Es warten eine Menge Problemstellungen auf die Menschheit.

1. Die Arbeitslosenzahlen

1,8 Millionen. Das ist alleine die Zahl der Beschäftigten in den acht größten Öl- und Gaskonzernen der Welt. Hinzu kommen weitere Millionen in den anhängigen Industrien, etwa:

  • Geologie
  • Werkzeug- bzw. Spezialmaschinenherstellung
  • Werften
  • Raffinerien
  • Motorenherstellung
  • Forschung & Entwicklung
  • Heizungsbau
  • Rohrnetz- bzw. Pipelinebau

Die Gesamtzahl aller Menschen, die global in diesen Industrien arbeiten, lässt sich nur schätzen, dürfte aber im zweistelligen Millionenbereich liegen. Selbst wenn Öl nur als Energieträger verschwände, stünden Millionen vor dem Ruin – und mit ihnen nicht nur die Staaten, für die Öl eine Haupt-Einnahmequelle ist, sondern auch solche, die den sozialen Anforderungen eines dadurch entstandenen Arbeitslosen-Heeres nicht gewachsen wären. Tatsächlich würde sich darüber ein Domino-Effekt generieren. Für viele Arbeiter könnte zwar eine Neuverwendung gefunden werden. Es blieben jedoch Unzählige, deren Kenntnisse ausschließlich Öl-zentriert sind. Und dieses Szenario ist selbst dann hochwahrscheinlich, wenn weiterhin Öl und Gas für andere Zwecke gefördert werden.

2. Die Welternährung

Zum Jahreswechsel 2017/18 lebten 7,6 Milliarden Menschen auf dem Planeten. Pro Sekunde kommen, nach Abzug der Todesfälle, 2,6 hinzu. Und je mehr vorhanden sind, desto schneller die Steigerung.  

Zwar ist es eine Tatsache, dass der Welthunger zwischen 2000 und 2017 um 27 Prozent sank. Dies ist aber nur einem einzigen Element zuzuschreiben, Stickstoff-Kunstdünger. Ohne dieses Material, das in der Hauptsache aus Erdgas gewonnen wird, wäre es schon heute unmöglich, alle Menschen zu ernähren. Denn: Um das ohne Kunstdünger zu gewährleisten, wären mehr als eine Milliarde Hektar zusätzliche Ackerfläche nötig. Zum Vergleich: Die gesamte Landfläche der Erde beträgt knapp 15 Milliarden Hektar, die derzeitige Ackerfläche etwa 1,5 Milliarden. Und die einzige Alternative zum Erdgas-Stickstoffdünger wäre solcher aus Nutztier-Exkrementen – dafür wäre wiederum die achtfache Menge der heutigen Bestände notwendig – mit entsprechenden CO2-Nachteilen.  Und weil Erdgas und -öl bei der Förderung untrennbar verbunden sind, ist eine Aufteilung in „gutes Gas, schlechtes Öl“ nicht machbar. Hinter vorgehaltener Hand sprechen Studien daher von mindestens 1,5 Milliarden Hungertoten.

3. Die Weltwirtschaft

Schon der Teil der Wirtschaft, der direkt mit dem Öl verknüpft ist, stünde bei einem Öl-Aus vor dem Abgrund. Tatsächlich wäre jedoch die gesamte Weltwirtschaft aufs Massivste bedroht.

  • Baumwolle
  • Getreide
  • Mais
  • Kaffee
  • Zucker
  • Gold
  • Silber

All diese Waren haben eines gemeinsam: Sie sind die wichtigsten börslich gehandelten Güter und haben ein großes Handels-Vorbild, nämlich Öl. Wie dieser Rohstoff werden sie sowohl physisch wie auch in Form von Futures und Spotgeschäften weltweit gehandelt. Und Öl ist dabei in dieser Auflistung der König.

Allein an den Börsen von London und New York wechseln wöchentlich Öl und Gas im Wert von mehreren Milliarden Dollar den Besitzer. Das gesamte Handelsvolumen können nicht einmal Experten beziffern, weil es so gigantisch ist. Selbst bei einem sehr langsamen Öl-Ausstieg hätte das massive Verwerfungen zur Folge, weil den Weltmärkten nicht nur eines der wichtigsten, sondern das mit Abstand wichtigste Spekulationsobjekt aus der Hand genommen wird – und alle anderen Waren aus der obigen Aufzählung hängen in Herstellung und Transport irgendwie mit Öl zusammen.

Das können wir schon jetzt erleben: Der Handelsstreit zwischen den USA, China und der EU hat bereits dazu geführt, dass die Kraftstoffpreise sich sprunghaft verteuerten. Nicht nur ausgesprochene Pessimisten sind der Ansicht, dass einem echten Öl-Aus folgende Börsencrashs alles bisher Gesehene bei Weitem in den Schatten stellen. Sie würden weitere Millionen und Abermillionen Arbeitslose produzieren und selbst in starken, Öl-unabhängigen Ländern die Wirtschaft zum Erliegen bringen – auch weil solche Länder Ziel von Massen-Wanderungsbewegungen, auch aus anderen Erstweltländern, würden.

4. Die Sicherheitslage

Es gilt nach wie vor, je abrupter das Öl-Ende, desto gewaltiger und gewalttätiger werden die Beben sein, die unsere Zivilisation dadurch erfährt. Vor allem letzteres ist das Stichwort, denn ohne Öl wird es gleichzeitig an unzähligen Ecken der Welt zu brennen beginnen:

  • In den ölproduzierenden Nationen, weil die Haupteinnahmequelle ausbleibt
  • In den abhängigen Nationen, weil der Transportsektor und die Nahrungsmittelversorgung zusammenbrechen
  • In den ölbesitzenden Nationen, weil jeder sich die letzten Reste sichern will
  • In den unangetasteten Gebieten, weil mit militärischer Macht verzweifelt nach Öl gesucht werden wird
  • In nahezu allen Ländern, deren Nahrungsversorgung durch Landwirtschaft sichergestellt wird – und das sind dank einer globalisierten Welt praktisch alle.

Plünderungen und Aufstände werden für beinahe jedes Land der Erde vorausgesagt, je nach Ausgangsszenario nur für kurze Zeit oder bürgerkriegsartig. Das Recht des Stärkeren greift dort um sich, wo der Staat mangels Transportmöglichkeiten nicht mehr eingreifen kann – kein unrealistisches Szenario, denn weder der zivile Transportsektor noch die staatlichen Organe irgendeines Landes sind derzeit auch nur annähernd in der Lage, ohne Kraftstoffe mobil zu bleiben.  

Militärisch potente Länder werden ihre strategischen Reserven dafür nutzen und um das, was noch förderbar ist oder auch nur vermutet wird, Feldzüge führen. Doch auch der letzte Tropfen Diesel wird irgendwann durch den Motor eines Panzers gewandert sein. Je nachdem, wie schwer die Konflikte waren, könnte selbst in heute stabilen, sicheren Nationen ein „jeder gegen jeden“ herrschen. 

5. Der Umweltschutz

Dass eine Menschheitsepoche, in der nicht mehr täglich hundert Millionen Barrel (1 Barrel = 159 Liter) verbraucht werden, schon ob des dramatisch reduzierten CO2-Ausstoßes für die Umwelt vorteilhaft wäre, ist unbestritten. Nur Umweltvor- ohne -nachteile, wie es oft impliziert wird, hätte eine solche Epoche jedoch nicht.

Fakt ist: die Menschheit möchte es warm haben. Witterungsschutz (also u.a. Wärme) und Obdach gehören zu den geringsten menschlichen Grundbedürfnissen. Fakt ist aber ebenso, dass alle Seltenen Erden, selbst wenn sie hemmungslos ausgebeutet würden, nicht annährend dafür ausreichen, um damit Systeme herzustellen, welche diese Wärme produzieren könnten. Ebenso wenig stünde genug Ackerfläche zur Verfügung, um darauf sowohl Kunstdünger-lose Nahrungsmittel anzubauen und Pflanzen, die sich zur Biomasse-Energieversorgung eignen. Übrig bliebe Solarthermie, die aber ein gewisses Sonneneinstrahlungs-Mindestmaß benötigt, sowie ferner Atomkraft– denn auch Erdgas wäre in einer solchen Welt natürlich weitgehend aus dem Spiel.

Dann würde vieles darauf hinauslaufen, dass aufgrund dieses menschlichen Ur-Bedürfnisses zwei fossile Energieträger eine gigantische Bedeutung bekämen: Kohle und Holz. Wie es sich auf die Umwelt auswirken würde, wenn künftig wieder in jedem Haus ein Holz- bzw. Kohleofen stünde und noch mehr Kohle verbrannt werden muss, mag sich jeder heute selbst ausmalen.

Fazit

Die Menschheit muss weg vom Öl. Das ist schon deshalb unbestritten, weil irgendwann selbst die ausgefeiltesten Techniken die Produktion nicht mehr aufrechterhalten können. Doch die Menschheit ist in ihrer Gesamtheit viel zu träge. Denn auch wenn sich aktuell ein massives Bewusstsein dafür herausbildet, so stehen wir global gesehen doch erst am Anfang dieses Umdenkens. Und je länger gezögert wird, je weniger konsequent an 1:1 tragfähigen Alternativen geforscht wird, desto schwerer werden all die hier skizzierten Verwerfungen sein.

 

Bildquellen:
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