„Mich reizt die Komplexität!“
Interview mit Nikola Tubic, Vorsitzender und CEO der Wyss&Lila AG

Wirtschaftsforum: Herr Tubic, Sie sind seit 22 Jahren in der Bahnbranche tätig – seit 2022 mit der Wyss&Lila AG auch in Ihrem eigenen Unternehmen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Nikola Tubic: Mich reizen die Komplexität und die enorme Vielfalt des Bahnumfelds. Um hier erfolgreich zu sein, braucht man weit mehr als Kapital. Man muss die Materie in der Tiefe verstehen und alle relevanten Schnittstellen kennen. Genau daraus entstand auch die Idee von Wyss&Lila: technische Verantwortung nicht in einzelne Pakete aufzuteilen, sondern sie über den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs zu übernehmen.
Wirtschaftsforum: Mit welchem Leistungsspektrum tritt Wyss&Lila am Markt auf?
Nikola Tubic: Wir wollten dem Markt in drei Segmenten eine Alternative zum bestehenden Angebot bieten. Den ersten Geschäftsbereich bildet das Engineering, in dessen Rahmen wir übergeordnete Fahrzeugmodernisierungen realisieren. Derzeit arbeiten wir an drei Luxuszugprojekten, die wir vom Engineering über Supply Chain und Projektmanagement bis zur Umsetzung begleiten. Dadurch entfallen für unsere Kunden zahlreiche Schnittstellen. Traditionell werden für Engineering, Zulassung, Überwachung, Projektmanagement und Umsetzung unterschiedliche Partner beauftragt. Dadurch entstehen zahlreiche Schnittstellen und Verantwortungsübergänge. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir bündeln diese Kompetenzen und übernehmen bis zum Abschluss die technische und organisatorische Verantwortung. Wir bringen die Züge konsequent auf die Schiene. Dafür stehen uns Engineering-Center in Deutschland, Serbien, Italien und der Schweiz zur Verfügung.
Wirtschaftsforum: Der zweite Geschäftsbereich ist die Instandhaltung. Wie sind Sie dort aufgestellt?
Nikola Tubic: Wir kümmern uns um die Instandhaltung von Schienenfahrzeugen, darunter Straßenbahnen, Lokomotiven und Reisezugwagen. Der europäische Maintenance-Markt ist historisch stark durch OEM-Strukturen und einzelne Werkstattstandorte geprägt. Wir bauen bewusst eine herstellerunabhängige Alternative auf: ein offenes europäisches Instandhaltungsnetzwerk aus eigenen und Partnerwerkstätten, mobilen Teams und Engineering-Kompetenz. Der Betreiber soll entscheiden können, wo sein Fahrzeug instand gehalten wird und wer Zugriff auf seine Daten und technischen Informationen hat. Gerade bei Lokomotiven müssen Betreiber teilweise tagelang warten, bis eine Werkstatt das Fahrzeug überhaupt aufnehmen kann. In den vergangenen Jahren haben wir ein europäisches Netzwerk aus Werkstätten, Partnerstandorten und mobilen Teams aufgebaut. Zudem bieten wir mobile Instandhaltungsleistungen in weiten Teilen Europas an. Unser klares Ziel ist es, unsere Kunden entlang der Verkehrskorridore von der Nordsee bis zum Bosporus zu unterstützen. Inzwischen haben wir außerdem eine eigene Maintenance Academy gegründet, die von wichtigen Leasinggesellschaften und Staatsbahnen anerkannt wird.
Wirtschaftsforum: Ihre dritte Business Unit trägt den Namen Infrastruktur. Was umfasst dieser Bereich?
Nikola Tubic: Damit engagieren wir uns grundsätzlich weltweit im Infrastrukturdesign. 2025 waren wir beispielsweise an einem Assessment in der westukrainischen Stadt Lwiw beteiligt. Dabei wurde untersucht, welche finanziellen Mittel nach Ende des Krieges erforderlich sein werden, um die Straßenbahninfrastruktur wiederaufzubauen und ausreichende Werkstattkapazitäten zu schaffen.
Wirtschaftsforum: 2022 begannen Sie mit sechs Ingenieuren, heute arbeiten mehr als 170 Menschen für Wyss&Lila. Wie ist Ihnen dieses schnelle Wachstum gelungen?
Nikola Tubic: Zum einen mit spannenden Projekten: Wir arbeiten derzeit unter anderem an außergewöhnlichen internationalen High End- und Luxuszugprojekten. Zum anderen überzeugen wir mit agilen und flexiblen Prozessen, in die sich engagierte und ambitionierte Menschen unmittelbar einbringen können. Gleichzeitig sind unsere Strukturen bereits ähnlich schlagkräftig wie die großer Namen der Branche. Darin wird auch künftig eine wichtige Grundlage für den Erfolg von Wyss&Lila liegen. Das Bahnsegment durchläuft derzeit einen tiefgreifenden Wandel, weil in den entsprechenden Berufen über Jahre hinweg viel zu wenige Menschen ausgebildet wurden.
Wirtschaftsforum: Warum wurde in der Branche zu wenig Nachwuchs ausgebildet?
Nikola Tubic: Junge Menschen interessieren sich heute stark für die IT-Branche und Themen wie KI. Unsere Aufgabe ist es, ihnen auch die Bahnindustrie mit ihren anspruchsvollen, vielfältigen und zukunftssicheren Berufen als attraktives Tätigkeitsfeld vorzustellen. Deshalb haben wir bei Wyss&Lila ein eigenes Traineeprogramm eingeführt, in dem unsere Nachwuchskräfte, Auszubildenden und Werkstudierenden möglichst viele unterschiedliche Aufgabenfelder und Stationen kennenlernen. Der starke Zulauf junger Mitarbeitender – darunter erfreulicherweise auch viele Frauen – scheint uns recht zu geben. Gleichzeitig arbeiten zahlreiche bereits pensionierte Fachkräfte in Teilzeit für uns und bringen ihre jahrzehntelange Erfahrung ein. Für uns ist gerade diese Verbindung entscheidend: Junge Talente bringen neue Technologien und neue Denkweisen mit, erfahrene Bahnexperten geben Wissen weiter, das man aus keinem Lehrbuch lernen kann.
Wirtschaftsforum: Wie sehen Sie die Zukunft des Bahnverkehrs in Europa?
Nikola Tubic: Europa wird nicht einfach nur mehr Züge brauchen – wir müssen vor allem die vorhandenen Flotten besser nutzen, modernisieren und verfügbar halten. Gleichzeitig müssen wir die heute noch sehr fragmentierte Bahnlandschaft stärker miteinander verbinden. Dafür brauchen wir schnellere politische Entscheidungen, interoperable Systeme und deutlich weniger technische und organisatorische Barrieren zwischen den Ländern. Für die Instandhaltung bedeutet das einen Wandel von geschlossenen Strukturen hin zu offenen, vernetzten und zunehmend datenbasierten Modellen. Predictive Maintenance, transparente Asset-Daten und ein europäisches Netzwerk von Werkstätten und mobilen Teams werden dabei eine große Rolle spielen. Am Ende muss der Betreiber die Kontrolle über sein Fahrzeug, seine Daten und seine Entscheidungen behalten. Bis ein Hochgeschwindigkeitszug pro nicht im Regen stehen lässt blemlos von Sofia nach Berlin fahren kann, wird es sicherlich noch dauern. Aber genau an diesen Schnittstellen liegt für mich auch die große Chance der europäischen Bahnindustrie.














