„Mehr Tickets mit weniger Aufwand“
Interview mit Johannes Tolle, Mitgründer und Geschäftsführer der Reservix GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Tolle, Reservix ist vor einem ganz konkreten Hintergrund entstanden. Wie kam es dazu?
Johannes Tolle: Von Haus aus bin ich Dirigent und Pianist, vor der Gründung von Reservix habe ich in Freiburg einen Chor geleitet. Mein Mitgründer Johannes Güntert war Sänger in diesem Ensemble, jedoch im Hauptberuf Softwareentwickler und hatte 2002 die spontane Idee, eine Software zu programmieren, mit der sich Tickets zu Hause ausdrucken ließen und dann am Eingang per Barcode gescannt wurden. Und plötzlich waren unsere Konzerte viel voller als früher. Da wurde uns klar: Das könnte auch für andere Veranstalter funktionieren. 2003 haben wir dann Reservix gegründet und ein webbasiertes Ticketingsystem entwickelt. Damals mussten Ticketing-Systeme häufig noch vor Ort installiert werden. Mit unserer Lösung waren wir deutlich schneller und flexibler und hatten sofort Erfolg. Ein wichtiger Meilenstein war 2004, den SC Freiburg als Kunden zu gewinnen.
Der SC vertraute uns zunächst die Internetbuchungen und nach Ablauf einer Saison dann auch die Dauerkartenverkäufe an – woraus eine bis heute andauernde Zusammenarbeit erwuchs. Später kam die Partnerschaft mit ADTicket in Frankfurt hinzu. Wir ergänzten uns prima – 2015 sind die Unternehmen schließlich fusioniert.
Wirtschaftsforum: Wie hat sich Reservix seitdem entwickelt?
Johannes Tolle: Wir sind über viele Jahre organisch stark gewachsen, zeitweise mit jährlichen Wachstumsraten von 20 bis 30%. Hinzu kamen Übernahmen, darunter Tic Tec 2009 und Tixoo 2013. Heute arbeiten rund 480 Menschen an neun Standorten in Deutschland und Österreich für Reservix. Dabei sind wir bis heute inhabergeführt. Wir betreuen mehr als 7.500 Veranstalter und verfügen über ein Netz von mehr als 2.000 Vorverkaufsstellen. Über dieses Netzwerk werden jährlich Tickets für mehr als 180.000 Veranstaltungen angeboten. Trotz dieser Größe sind unsere Wurzeln geblieben: Wir denken wie Veranstalter. Technik ist wichtig, aber ebenso Beratung, Branchenkenntnis und Nähe zum Kunden. Ein kleines Theater hat andere Anforderungen als ein Bundesligaverein. Deshalb setzen wir auf modulare, offene Lösungen, die sich an unterschiedliche Prozesse anpassen lassen, ohne dass für jeden Kunden eine komplett neue Software entwickelt werden muss.
Wirtschaftsforum: Sie sprechen von „mehr Tickets mit weniger Aufwand“. Was bedeutet das konkret?
Johannes Tolle: Der Veranstalter soll sich auf seine Kernkompetenz konzentrieren können: gute und attraktive Veranstaltungen. Wir hingegen wollen ihm alles rund um den Ticketverkauf vereinfachen: über Buchhaltung, Marketing, CRM bis hin zu seinem Einlasssystem. Gleichzeitig ist wichtig, dass der Veranstalter seine Kunden kennt, ihre Interessen versteht und die Beziehung zu ihnen weiterentwickeln kann. Deshalb bleibt die Hoheit über seine Kundendaten grundsätzlich bei ihm. Über unsere Portale reservix.de und ADticket.de, unser Vertriebsnetz und gezielte Marketingmaßnahmen schaffen wir zusätzlich Reichweite. Für Ticketkäufer wiederum muss die Buchung möglichst einfach und intuitiv sein. Genau das meinen wir mit „mehr Tickets mit weniger Aufwand“.
Wirtschaftsforum: Wie verändert künstliche Intelligenz das Ticketing?
Johannes Tolle: KI ist für uns schon seit Längerem eines der wichtigsten technologischen Themen. Wir setzen entsprechende Tools intern bereits in verschiedenen Bereichen ein, natürlich in der Softwareentwicklung, aber auch bei Datenanalysen oder im Marketing. Gleichzeitig bieten wir Veranstalter neue Möglichkeiten, etwa für Verkaufsanalysen, Prognosen oder Marketingempfehlungen. Wichtig ist, früh zu erkennen, welche Entwicklungen wirklich einen Mehrwert schaffen und sie dann sinnvoll in unsere Lösungen zu integrieren.
Wirtschaftsforum: Der Ticketing-Markt ist stark in Bewegung. Wie positionieren Sie Reservix?
Johannes Tolle: Auf der einen Seite gibt es sehr große, etablierte Anbieter, auf der anderen junge, agile Unternehmen. Wir sind davon überzeugt, die Stärken beider Welten zu verbinden: moderne, flexible Technologie, ein großes Vertriebsnetz, Reichweite und persönliche Beratung. Diesen Weg wollen wir weitergehen: technologisch vorn bleiben, neue Möglichkeiten wie KI sinnvoll integrieren und zugleich die Komplexität für den Veranstalter reduzieren. Dazu gehören auch der Ausbau unserer Marketingkompetenz und starke Medienpartnerschaften. Entscheidend bleibt für uns die Frage: Wie helfen wir dem Veranstalter, erfolgreich zu sein?
Wirtschaftsforum: Sie selbst sind bis heute auch Musiker. Welchen Stellenwert hat die Veranstaltungsbranche für Sie persönlich?
Johannes Tolle: Natürlich einen sehr großen! Bei aller Technologie darf man nicht vergessen: Sie ist nur das Mittel zum Zweck. Der eigentliche Kern ist die Veranstaltung, mit all den Erlebnissen, zu dem ein Ticket Zugang verschafft. Diese besonderen Augenblicke, an die man sich noch Jahre später erinnert, sind es, worum es letztlich geht. Gerade in einer sehr digitalen Welt ist es etwas Wertvolles und Einzigartiges, wenn Menschen persönlich an einem Ort zusammenkommen und gemeinsam unvergessliche Momente erleben.









