Gemeinsam Zukunft gestalten
Interview mit Gunther Gamst, CEO der Vaventus AG Kälte Klima Lüftung

Wirtschaftsforum: Herr Gamst, können Sie kurz erklären, was die Vaventus AG macht?
Gunther Gamst: Die Vaventus AG ist ein Unternehmen aus der Kälte-, Klima-, Lüftungs- und Wärmepumpentechnik, das regionale Fachbetriebe akquiriert, die keinen Nachfolger finden. Ziel ist es, diese in der Region und unter ihrem Namen mit dem ehemaligen Inhaber und dem bestehenden Team zu erhalten und mithilfe unserer Kompetenzen in den Bereichen Controlling, Marketing, Human Ressource, Key Account und Finance zu regionalen Marktführern zu machen. Das heißt, die Vaventus löst als 100%ige Eigentümerin gemeinsam mit dem ehemaligen Inhaber und dem Team ein Nachfolgeproblem, das in den meisten Fällen sonst ungelöst bliebe; diese Firmen würden einfach vom Markt verschwinden. Wichtig ist uns, dass es dabei um Partnerschaften auf Augenhöhe geht.
Wirtschaftsforum: Die Gründe für Nachfolgeprobleme sind vielfältiger Art. Oft gibt es keine geeigneten Nachfolger in der Familie, Mitarbeiter verfügen nicht über die notwendigen finanziellen Mittel, es gibt zu hohe bürokratische Hürden oder eine mangelnde Vorbereitung. Können Sie Beispiele für Firmen geben, die Vaventus übernommen hat?
Gunther Gamst: Die älteste von uns akquirierte Firma war 105 Jahre alt. Mit unserer Arbeit können wir eine solche über Generationen geschaffene Lebensleistung in die Zukunft führen; das ist uns wichtig. Diese Firmen zu erhalten, ist eine besondere Herausforderung und Herzensangelegenheit, bei der es weniger um die Vaventus als um die Betriebe geht. Wir selbst treten auf der Homepage der Betriebe bewusst nicht in Erscheinung. Die Betriebe sind für die regionale Abwicklung der Projekte zuständig, wir unterstützen sie nur dabei. Seit der Vaventus-Gründung am 1. Februar 2021 konnten wir 23 Betriebe übernehmen und mit knapp 700 Mitarbeitenden 105 Millionen EUR umsetzen. Wir fokussieren uns dabei auf mittelständische Betriebe mit Umsätzen zwischen 3 und 15 Millionen EUR.
Wirtschaftsforum: Was hat Sie persönlich zu Vaventus geführt?
Gunther Gamst: Ich komme aus der Kälte-, Klima- und Lüftungstechnik, bin gelernter Mechatroniker für Kältetechnik, habe Energie- und Kraftwerkstechnik studiert und war 25 Jahre für den japanischen Klimaanlagen- und Wärmepumpenhersteller Daikin tätig. Nach dieser langen Zeit in einem Großkonzern war für mich irgendwann der Moment gekommen, etwas Eigenes zu machen. Gemeinsam mit einem Architekten habe ich zunächst die VIVAERO GmbH gegründet und ein Konzept für die dezentrale Beheizung, Lüftung und Klimatisierung von Mehrfamilienhäusern entwickelt. Im Magdeburger Klinke-Viertel konnten wir ein Pilotprojekt mit 95 Einheiten realisieren. Jede Wohnung wird autark mit einer Wärmepumpe betrieben und mit einer zentralen PV-Anlage inklusive Speicher versorgt. Damit sind die Wohnungen bis zu 85% energieautark und dank grünem Strom beinah CO2-neutral. Es folgten weitere Projekte, bis ich 2021 mit drei Kollegen die Vaventus gegründet habe.
Wirtschaftsforum: Sie kommen aus der Branche und bringen entsprechende Erfahrung und Know-how mit. Das allein reicht aber wahrscheinlich nicht, um 23 Firmen zu übernehmen und erfolgreich in die Zukunft zu führen. Wie sieht das Konzept der Übernahmen genau aus?
Gunther Gamst: Hinter uns steht ein Family Office mit mehreren Unternehmerfamilien. Wir sind davon überzeugt, dass Unternehmer mit Unternehmern sprechen müssen. Wir sprechen dank unserer Historie die gleiche Sprache, wissen, was wichtig ist, worum es wirklich geht. So haben wir einen anderen Zugang zu den Betrieben und können ihre Entwicklung anders steuern. Um die Betriebe regional zu unterstützen, arbeiten wir mit 26 Mitarbeitenden in einem Shared Service Center. Weil es uns nicht allein um Zahlen geht, sondern genauso um Kulturen und Geschichten, darum, 23 Betriebe, verschiedene Universen und Philosophien zusammenzubringen, stellen wir den Menschen immer in den Mittelpunkt. Unsere Kunden sind Menschen und unsere Mitarbeitenden sind Menschen, die wir fördern und fordern wollen und müssen. Deshalb haben wir unter anderem eine Führungskräftewerkstatt ins Leben gerufen, in der wir Nachwuchskräfte aus den Unternehmen weiterentwickeln, aber auch Unternehmenskulturen und Leitbilder. Für den klassischen Handwerker ist das häufig noch Neuland. Deshalb ist es wichtig, zunächst Vertrauen aufzubauen, etwa durch eine offene, transparente Kommunikation. Die Mitarbeitenden sollen spüren, dass sie dazugehören und ein wichtiger Teil des Ganzen sind. Entscheidungen sollen weiter in der Region getroffen werden, wir unterstützen dabei im Hintergrund, wenn es notwendig ist. Zu diesem Thema haben wir zwei weitere Firmen gegründet. Die Klimea GmbH, eine Wissensplattform für den privaten Endkunden rund um die Nutzung einer Wärmepumpe oder eines Klimageräts, sowie die Recruitingmarke Grad°macher. Da Ausbildung ein zentrales Thema für uns ist, verfügen wir über ein eigenes Ausbildungszentrum in Münster und bauen derzeit ein zweites an unserem Standort in Frechen auf. Aktuell absolvieren 87 Auszubildende ihre Ausbildung in verschiedenen Bereichen.
Wirtschaftsforum: Welche Herausforderungen stellen sich häufig bei einer Übernahme und wie geht Vaventus damit um?
Gunther Gamst: Betriebe und Monteure müssen sich unter Umständen an neue Produkte und Prozesse gewöhnen und sich umstellen. Wir nehmen uns Zeit, um mit Mitarbeitenden über die Gründe zu sprechen, sie zu involvieren, um so Verständnis zu schaffen. Einmal im Jahr organisieren wir eine Veranstaltung mit 150 Mitarbeitenden, bei der es um das Zusammenwachsen geht. Dort ist es beeindruckend zu sehen, wie viel in den vergangenen Jahren passiert ist, welche Stimmung dort herrscht, wie wir zusammengewachsen sind, wie Mitarbeitende sich austauschen und netzwerken.
Wirtschaftsforum: Wie entwickelt sich der Markt momentan für Vaventus?
Gunther Gamst: Wir sind für dieses Jahr fast ausgelastet. Man muss sagen, dass wir von Deutschlands Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen profitieren. Wir können jedes Gebäude, egal ob neu oder alt, mit effizienter Kälte-, Klima- und Lüftungstechnik ausstatten. Deshalb sehen wir auch in Zukunft großes Potenzial.
Wirtschaftsforum: Das heißt, Vaventus soll weiter wachsen?
Gunther Gamst: Ja. In ein paar Jahren wollen wir ganz Deutschland abdecken und einen Umsatz von 300 Millionen EUR erreichen. In den nächsten fünf Jahren werden tausende von Firmen schließen. Wenn Kunden keinen Handwerker mehr vor Ort haben, ist das eine ernsthafte Herausforderung, aber auch eine große Chance für uns.
Wirtschaftsforum: Welche dieser Firmen ist für Vaventus interessant?
Gunther Gamst: Firmen, die bereit sind, mit innovativen, nachhaltigen Technologien zu arbeiten. Das Entscheidende sind immer die Menschen; Menschen, die sich engagieren, sich in eine Struktur einbringen wollen, um etwas nachhaltig zu entwickeln und zu gestalten. Wenn man vom Kollegen zur Führungskraft wird, ist das eine seltene Chance, zugleich aber auch eine außergewöhnliche Herausforderung. Deshalb stehen wir in engem Austausch mit den Mitarbeitenden und organisieren gezielte Schulungen, damit sie gestärkt in ihre die neue Rolle hineinwachsen können. Besonders wichtig ist uns zu vermitteln, dass sie eine Vorbildfunktion haben, kritikfähig sein und souverän mit Menschen umgehen können müssen.














