Die Krise schweißt uns zusammen und macht uns stärker

Interview mit Dr. Rüdiger Ackermann, Geschäftsführer der Schill + Seilacher ‘Struktol’ GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Ackermann, welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Ihr Unternehmen?

Dr. Rüdiger Ackermann: Noch ist das schwer abzuschätzen. Wirtschaftlich werden wir für das Jahr 2020 ein Delta erleben, das Jahr wird nicht so gut wie 2019. Aber wir stellen fest, dass sich die Märkte seit August wieder erholen. April, Mai und Juni waren sehr schwierige Monate. Im August, September und Oktober konnten wir eine deutliche Erholung verzeichnen. Wir haben eine große Palette von 3.000 verschiedenen Produkten. Durch diese breite Aufstellung können wir Schwankungen in den einzelnen Branchen ausgleichen.

Zum Beispiel haben wir Additive für die Gummi-Industrie, die ja sehr stark an der Automobilindustrie hängt. Werden weniger Autos produziert und neu zugelassen, werden weniger Reifen benötigt. Das bedeutet, es wird weniger Gummi verarbeitet und das wirkt sich dann auf unser Geschäft in diesem Bereich aus. Aber wir decken auch andere Sparten ab, wie zum Beispiel die Bauchemie. Es wird mehr gebaut, gibt viele Wohnungsbauprojekte. Die Bauchemie ist deshalb exponentiell angestiegen, während die Gummi-Industrie sich langsamer erholt.

Wirtschaftsforum: Welche besonderen Anforderungen stellt diese Zeit an Führungskräfte?

Dr. Rüdiger Ackermann: Die Anforderungen sind in Zeiten wie diesen auf jeden Fall höher. Man muss sich um Dinge kümmern, die zu normalen Zeiten Selbstläufer, Selbstverständlichkeiten sind, die zum Routinealltag gehören. Jetzt muss man sich verstärkt auch hier involvieren. Zum Beispiel ist die Mitarbeiter-Motivation ein noch größeres Thema als vor der Krise. Wenn Umsätze einbrechen, wird auch die Stimmung im Unternehmen schlechter. Man muss mit den Mitarbeitern intensiver kommunizieren und für die Mitarbeiter verstärkt da sein, das heißt Kommunikation nicht nur mit den Führungskräften und Hauptabteilungsleitern, sondern zum Beispiel in der Kantine auch das Gespräch mit einem Produktionsmitarbeiter suchen.

Die Corona-Maßnahmen bedingen ja zum Teil auch neue Arbeitsmodelle – Stichwort Homeoffice. Das war bei uns vor der Krise kein gängiges Modell. Hier muss man entsprechende Signale geben, dass man auch offen ist für neue Überlegungen, die es bislang noch nicht gab. Auch Videokonferenzen sind Tools, die jetzt vermehrt genutzt werden. Es ergeben sich neue Möglichkeiten in der Kommunikation mit dem Kunden, da der Kreis der teilnehmenden Mitarbeiter und die Häufigkeit des Austausches mit dem Kunden flexibler gehandhabt werden können als eine Geschäftsreise. Auch hier ist man als Geschäftsführer zeitlich mehr involviert.

Wirtschaftsforum: Welche Lehren für die Zukunft ziehen Sie aus der Corona-Zeit?

Dr. Rüdiger Ackermann: Es ist nicht nur eine Phrase, dass eine Krise auch immer Chancen eröffnet. Die Corona-Krise eröffnet Chancen für Unternehmen, sich in vielerlei Hinsicht zu modernisieren und neu aufzustellen. Vor Corona hat man zum Beispiel selten zu Video Conferencing gegriffen. Man hat telefoniert oder sich persönlich getroffen. Jetzt sind Videokonferenzen Standard und hier ist in vielen Unternehmen stark nachgerüstet worden. Wir haben an all unseren Standorten enorm in digitale Technologien investiert. Wir hatten schon vor Corona damit begonnen, unsere Arbeitszeitmodelle zu überdenken. Corona hat unsere Bestrebungen hier noch beflügelt.

Wirtschaftsforum: Das heißt, Corona führt bei Ihnen nicht zu einem radikalen Umdenken, sondern beschleunigt Prozesse, die sie bereits vorher angestoßen hatten?

Dr. Rüdiger Ackermann: Genau. Wir haben bei vielen Produkten einen Technologievorsprung. Auf diesen legen wir jetzt noch größeren Wert. In der Forschung und Entwicklung legen wir weiter zu, um mögliche Defizite auszugleichen. Wir müssen in Zukunft die Wertschöpfung, die unsere Produkte unseren Kunden bringen, noch stärker herausarbeiten. Als es noch keine digitalen Zeiterfassungsprodukte gab, musste ein Schwimmer beim Wettkampf sichtbar, eine Handbreit vor dem Konkurrenten am Beckenrand, anschlagen. Mit der digitalen Leistungserfassung genügt schon eine Tausendstelsekunde – die das menschliche Auge ja gar nicht erfassen kann. In diesen Zeiten müssen wir unsere Leistungsfähigkeit für unsere Kunden noch sichtbarer machen. Wer sich jetzt den Marktanforderungen entzieht, wird nach der Corona-Zeit die Quittung dafür bekommen.

Wirtschaftsforum: Welche besonderen Anforderungen stellen Sie zurzeit an sich selbst als Geschäftsführer?

Dr. Rüdiger Ackermann: Mitarbeitermotivation und eine gute Personalführung sind für mich sehr wichtig. Wir bei Schill + Seilacher sind ein People-Business – wir leben von guten Mitarbeitern, nicht von Maschinen – in der Entwicklung, in der Forschung und im Vertrieb. All das sind Peoplemade-Leistungen. Man muss die Menschen für die Firma interessieren, auch über den eigenen Arbeitsplatz hinaus. Mitarbeiter, die gerne zur Arbeit kommen, arbeiten sehr viel besser. Motivierte Mitarbeiter arbeiten besser als unmotivierte Mitarbeiter. Unsicherheit ist gefährlich, die überträgt sich auf die Arbeitsmoral und die Arbeitsleistung. Deshalb ist das eine der Hauptanforderungen, die ich in dieser besonderen Zeit an mich selber stelle und diese möchte ich besonders gut bewältigen können. Ich bin auf jeden Einzelnen unserer Mitarbeiter sehr stolz. Wir sind hier eine große Familie. Durch die Krise hat der Zusammenhalt unseres Teams noch weiter zugenommen. Wenn man mit einer Segelmannschaft gemeinsam durch den Sturm fährt, schweißt das zusammen. Zusammenhalt ist ein echter Erfolgsfaktor für ein Unternehmen.

Wirtschaftsforum: Wie wird Ihre Unternehmenswelt nach Corona aussehen?

Dr. Rüdiger Ackermann: Es wird irgendwann eine Post-Corona-Ära geben. Aber Corona wird nicht spurlos an uns vorübergehen. Wenn der Virus vielleicht irgendwann durch einen Impfstoff besiegt ist, machen wir ja nicht da weiter, wo wir im März 2020 aufgehört haben. Unternehmen müssen sich jetzt an die neuen Gegebenheiten anpassen. Viele der Neuerungen sind nicht nur der Corona-Krise geschuldet, sondern sind Entwicklungen, die jetzt einfach beschleunigt wurden. Die neuen Technologien, Prozesse und Modelle werden ja nicht wieder ‘im Keller’ verschwinden.

Man wird in Zukunft die Unternehmenskommunikation verstärken müssen, auch mit diesen neuen digitalen Tools, zum Beispiel, um Mitarbeiter, die remote – im Homeoffice – arbeiten, weiterhin ans Unternehmen zu binden oder um Kontakt zu internationalen Kunden zu halten. Wir haben zum Beispiel auf unserer Website einen virtueellen Messestand eingerichtet, mit einem Showroom, den der Kunde virtuell besuchen kann, um sich über unsere Produkte und Neuerungen zu informieren. Wir werden diese neue Plattform sicherlich auf weitere Geschäftssparten ausdehnen.

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