Entscheidungen, die Wachstum schaffen
Interview mit Leo Scherr, Geschäftsführer der Scherr BIO GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Scherr, Nachhaltigkeit spielt heute in vielen Unternehmen eine wichtige Rolle. Bei Scherr BIO entstand dieser Ansatz jedoch schon lange bevor das Thema so präsent war, und zwar aus ganz pragmatischen Überlegungen.
Leo Scherr: Das stimmt. Für uns war Nachhaltigkeit zunächst kein strategisches Konzept, sondern eine praktische Antwort auf die damaligen Gegebenheiten. Wir hatten keinen Gasanschluss und mussten deshalb einen anderen Weg für die Beheizung unserer Gewächshäuser finden. So haben wir uns früh für Biomasse entschieden und unsere Wärme mit Holzhackgut erzeugt. Seit 2012 betreiben wir ein eigenes Biomasseheizwerk, das inzwischen rund 70.000 m2 Produktionsfläche vollständig mit Wärme versorgt. Was zunächst aus den örtlichen Voraussetzungen heraus entstand, hat sich langfristig als großer Vorteil erwiesen. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir unser Unternehmen entwickelt haben: Wir haben immer versucht, aus den vorhandenen Möglichkeiten das Beste zu machen.
Wirtschaftsforum: Aus einer pragmatischen Entscheidung ist also ein echter Wettbewerbsvorteil entstanden?
Leo Scherr: Ja, das kann man durchaus so sehen. Rückblickend war das nicht nur bei der Energieversorgung so. Ursprünglich waren wir ein kleiner gemischter Landwirtschaftsbetrieb in der Südoststeiermark. Da sich Standardprodukte auf unserer Fläche wirtschaftlich kaum darstellen ließen, suchten wir nach einer intensiveren Nutzung und begannen mit dem Gemüseanbau. Die dafür benötigten Jungpflanzen zogen wir zunächst nur für uns selbst an. Bald fragten jedoch auch Kollegen und Nachbarn danach. Daraus entstand Schritt für Schritt ein eigenes Geschäftsfeld, auf das wir uns schließlich vollständig spezialisiert haben. Aus dem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb entwickelte sich so im Laufe der Jahre ein professioneller Jungpflanzenproduzent.
Wirtschaftsforum: Wo liegen heute die Schwerpunkte Ihres Unternehmens?
Leo Scherr: Wir arbeiten mit zwei klar getrennten Produktionszweigen. Rund die Hälfte unserer Produktionsfläche wird biologisch, die andere Hälfte konventionell bewirtschaftet. Bei der Bio-Produktion erzeugen wir unter anderem ganzjährig Topfkräuter für den österreichischen Lebensmitteleinzelhandel. Konventionell haben wir uns auf veredelte und erdelose Jungpflanzen für den professionellen Gewächshausanbau spezialisiert. Dieses Geschäftsfeld haben wir in den vergangenen Jahren gezielt aufgebaut, weil sich insbesondere in Mittel- und Südosteuropa moderne Gewächshausbetriebe entwickelt haben, die hochwertige Jungpflanzen nachfragen. Heute beliefern wir unter anderem Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Slowenien und Rumänien, sodass wir mittlerweile rund 30% des Umsatzes in diesem Segment im benachbarten Ausland erzielen.
Wirtschaftsforum: Welche Veränderungen beobachten Sie im Markt?
Leo Scherr: Mit den allgemeinen Preissteigerungen ist die Nachfrage preissensibler geworden, wodurch sich die Entwicklung im Bio-Bereich etwas abgeschwächt hat. Bio wird aus meiner Sicht dennoch seinen festen Platz behalten. Entscheidend werden künftig vor allem Regionalität und nachvollziehbare Herkunft sein. Gleichzeitig schreitet der Strukturwandel voran: Wir bedienen heute weniger Kunden als früher, produzieren für diese jedoch deutlich größere Mengen. Der Markt bewegt sich zunehmend zwischen kleinen spezialisierten Anbietern und großen professionellen Produzenten. Darauf müssen auch wir unsere Strukturen ausrichten.
Wirtschaftsforum: Was schätzen Ihre Kunden besonders an Scherr BIO?
Leo Scherr: An erster Stelle steht die Qualität der Pflanzen. Hinzu kommen Produktsicherheit, Liefertreue und ein persönlicher Service. Als Familienunternehmen können wir sehr flexibel reagieren und Lieferungen beispielsweise bei angekündigtem Schlechtwetter kurzfristig vorziehen. Möglich macht das ein engagiertes Team: Wir beschäftigen rund 60 feste Mitarbeiter und in der Saison zusätzlich 30 bis 40 Aushilfen. Geeignete Mitarbeiter zu finden, wird allerdings zunehmend schwieriger. Gerade im Gartenbau braucht es neben Fachwissen auch die Bereitschaft, in Spitzenzeiten flexibel mit anzupacken.
Wirtschaftsforum: Kann die Digitalisierung dazu beitragen, diese Herausforderungen aufzufangen?
Leo Scherr: Ja, sie spielt bei unserer künftigen Ausrichtung eine wichtige Rolle. Gewächshäuser in unserer Größenordnung lassen sich längst nicht mehr manuell steuern. Moderne Systeme übernehmen bereits Aufgaben bei Klima, Bewässerung und Düngung; zunehmend kommen KI-gestützte Anwendungen hinzu, die Daten auswerten und die Steuerung optimieren. Sie können Arbeitsabläufe erleichtern, den erfahrenen Blick des Gärtners aber nicht ersetzen. Diese Weiterentwicklung planen wir bereits gemeinsam mit der nächsten Generation: Unser Sohn arbeitet seit zwei Jahren im Unternehmen, unsere Tochter wird nach ihrem Studium ebenfalls einsteigen. Derzeit erarbeiten wir gemeinsam einen Plan für die nächsten fünf Jahre: von den künftigen Produktschwerpunkten bis zum weiteren Ausbau von Automatisierung und Digitalisierung.
Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie Scherr BIO in den kommenden Jahren?
Leo Scherr: Viele unserer Kunden wachsen weiter, und diesen Weg möchten wir als verlässlicher Partner mitgehen. Für mich ist dabei wichtig, dass wir uns trotz aller Weiterentwicklung treu bleiben: flexibel handeln, nah an unseren Kunden sein und Entscheidungen weiterhin gemeinsam in der Familie treffen. Genau diese Haltung hat uns dorthin gebracht, wo wir heute stehen, und sie soll auch die nächste Generation prägen. So können wir neue Chancen nutzen, ohne das aus den Augen zu verlieren, was unser Unternehmen seit jeher auszeichnet.














