„Mitarbeiterbindung bietet entscheidenden Wettbewerbsvorteil“

Interview mit Julian Tesche, Head of Market Development in der DACH-Region bei Peakon

Wirtschaftsforum: Peakon wurde 2015 gegründet. Was war der entscheidende Impuls zur Gründung: Haben Sie selbst schlechte Erfahrungen in einem Unternehmen gemacht und konnten kein Feedback geben?

Julian Tesche: Peakon wurde gegründet, um Mitarbeiterengagement und -bindung zu verbessern. Für Dan Rogers, einer unserer Gründer und der wesentliche Ideengeber von Peakon im Gründerteam, war sein erster Job bei JP Morgan in London eine sehr prägende Erfahrung. Er bekam zwar viel Geld für einen Mitte 20-Jährigen und arbeitete an spannenden Technologien, aber seine Arbeit erfüllte ihn nicht.

Mitarbeiterbindung ist auch den anderen Peakon-Gründern wichtig gewesen. Denn: Drei der vier Gründer haben zuvor das Projektmanagement-Tool Podio aufgebaut und 2012 an Citrix verkauft. Danach mussten die drei mit ansehen, wie sich das Kernteam nach und nach verabschiedete. Der Unterschied zwischen Start-up-Kultur und Konzern-Kultur ist zu groß gewesen.

Diese Erfahrungen im Zusammenspiel mit anderen Entwicklungen, wie zum Beispiel den Folgen des demografischen Wandels auf unsere Arbeitswelt, führten schließlich zur Gründung von Peakon. Es ist ein Tool, das mit Hilfe von Machine Learning und Algorithmen, viel häufiger als bisher, Mitarbeiter befragen kann.

Julian Tesche
„Es geht bei Peakon nicht um eine allgemeine Bewertung des Arbeitgebers, sondern um das Engagement von Mitarbeitern und somit der Produktivität von Teams und Abteilungen.“ Julian Tesche

Wirtschaftsforum: Mit kununu können bereits seit zehn Jahren Unternehmen bewertet werden. Warum braucht es Peakon, wenn es europaweit etablierte Plattformen gibt?

Julian Tesche: Es geht bei Peakon nicht um eine allgemeine Bewertung des Arbeitgebers, sondern um das Engagement von Mitarbeitern und somit der Produktivität von Teams und Abteilungen. Das Feedback via kununu oder Glassdoor kommt für Unternehmen meistens zu spät, um darauf reagieren zu können. Denn oft stammt es von Personen, die das Unternehmen bereits verlassen haben. Außerdem können einzelne Führungskräfte daraus nur selten Rückschlüsse auf konkrete Verbesserungen für ihr Führungsverhalten und ihren Führungsstil ziehen.

Peakon ist ein strategisches Tool, mit dem wir auf wissenschaftlicher Basis Einsichten liefern, um proaktiv die Kultur und den Arbeitsplatz zu verbessern. Unser Umfragetool lernt ständig dazu. Mitarbeiter werden in sogenannten Pulsbefragungen um Feedback gebeten. Die Auswertung erfolgt automatisch und berücksichtigt dabei zum Beispiel die verschiedenen Phasen der Betriebszugehörigkeit. Damit können Unternehmen kritische Bewertungen wie auf kununu oder Glassdoor umgehen.

„Teams und Unternehmen mit höherem Engagement haben erwiesenermaßen eine höhere Kundenzufriedenheit, eine höhere Produktivität und somit höheren Profit.“ Julian Tesche
Julian Tesche

Wirtschaftsforum: Wenn sich Unternehmen mit dem erhaltenen Feedback auseinandersetzen wollen, nimmt das zentrale Ressourcen wie Zeit und Geld in Anspruch. Inwieweit lohnt sich deren Einsatz dennoch?

Julian Tesche: Teams und Unternehmen mit höherem Engagement haben erwiesenermaßen eine höhere Kundenzufriedenheit, eine höhere Produktivität und somit höheren Profit. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass motivierte Mitarbeiter das Unternehmen verlassen.

Wenn man bedenkt, dass es im Durchschnitt rund 40.000 EUR kostet, eine Stelle neu zu besetzen, dann ist es meines Erachtens die Mitarbeiterbindung, die heutzutage einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bietet. Auf die Bindung folgt letztendlich auch eine gesunde Feedback- und Dialogkultur.

Julian Tesche
„Unsere Vision ist es, alle Mitarbeiter dabei zu unterstützen, ihr volles Potenzial zu entfalten.“ Julian Tesche

Wirtschaftsforum: Sie haben bei Peakon ein wissenschaftlich fundiertes Fragenset, das kontinuierlich an die Mitarbeiter Ihrer Kunden gesandt wird: Aktiv sein ist ausdrücklich erwünscht. Wie schwierig ist es, einen solchen Prozess bei den Mitarbeitern zu verankern? Wo liegt die größte Hürde?

Julian Tesche: Die größte Hürde ist, dass Peakon als Werkzeug nur so gut ist wie es eingesetzt wird. Wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, dass ihr Feedback nicht ernst genommen wird, ist das ein Problem. Wenn das Unternehmen beziehungsweise deren Führungskräfte aber mit den Rückmeldungen arbeitet, dann verankert sich der Feedbackprozess bei den Mitarbeitern automatisch.

Unsere Vision ist es, alle Mitarbeiter dabei zu unterstützen, ihr volles Potenzial zu entfalten. Deswegen fokussieren wir uns zunehmend auf das Empowerment von Managern, indem wir sie im Umgang mit den Tool schulen und sie mit kleinen Online-Kursen trainieren. Denn letztendlich ist es so, dass Mitarbeiter dem Unternehmen beitreten, aber wegen ihrer Führungskräfte wieder gehen.

„Letztendlich ist es so, dass Mitarbeiter dem Unternehmen beitreten, aber wegen ihrer Führungskräfte wieder gehen.“ Julian Tesche
Julian Tesche

Wirtschaftsforum: Sie haben das Tool selbst in Ihrem Unternehmen integriert und bekommen mit, welche Feedbacks zurückkommen. Ist Ihnen eine Rückmeldung oder eine Erkenntnis daraus besonders in Erinnerung geblieben?

Julian Tesche: Wir konnten gezielt unsere Büroumzüge planen und wussten genau, was das für unsere Teams bedeutet. So haben wir eine Blaupause für unsere Expansion geschaffen und sind mittlerweile erfolgreich in Auckland, New York und Berlin tätig.

Als Teil des Leadership-Teams ist es aber auch wichtig, Rückmeldungen kritisch zu begegnen. Das Wichtigste ist der Austausch und die Kommunikation. Ich erinnere mich, dass vor einem Jahr jemand das Feedback gegeben hat, dass wir nie Stifte und Marker im Büro hätten. Das könnte man natürlich belächeln und sagen, warum wird das jetzt thematisiert? Unser CRO, Neil Ryland, hat dann am nächsten Tag zwei Boxen voller Stifte und Marker mitgebracht. Eine kleine Geste mit großer Wirkung.

Nach meinen circa zweieinhalb Jahren bei Peakon ist mir auch bewusst geworden, dass die Balance zwischen dem großen Ganzen, der langfristigen Vision, und den alltäglichen Belangen nicht immer leicht ist. Unser Tool gibt hier eine entscheidende Hilfe und Orientierung für uns und auch andere Unternehmen.

Interview: Vera Gaidies / Fotos: Peakon

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