Im Rhythmus des Meeres

Interview mit K. Matthias Rolle, Ärztlicher Leiter und Inhaber des OCÉANO Hotel Health Spa – Tenerife

Wirtschaftsforum: Herr Rolle, die Geschichte von OCÉANO Reisen beginnt im Jahr 1965 auf Teneriffa. Was waren seitdem die wichtigsten Etappen des Unternehmens?

K. Matthias Rolle: Die Gründungsphase dauerte ja vergleichsweise lange – sie zog sich über zehn Jahre hin. Damals herrschte in Spanien noch das Franco-Regime und es brauchte einen Pionier wie meinen Großvater, um ein solches Projekt ins Leben zu rufen. Auch der Start des Hotels war alles andere als einfach, denn mit dem Beginn der Demokratie in Spanien wurde auch ein bedeutender Teil des Hotelgrundstücks enteignet. Aber der Anfang war gemacht und einen so einmalig schönen Platz am Meer mit Blick auf den Vulkan Teide und hin zur untergehenden Sonne wollte man nicht mehr aufgeben. Während auf der anderen Inselseite der Massentourismus zunahm, wuchs das OCÉANO nun vor allen Dingen, was die Qualität anbelangte. Dies wurde zusätzlich erleichtert, als Spanien EU-Mitglied wurde. Allerdings ging dadurch allmählich auch durch die höheren Personalkosten die preisliche Konkurrenzfähigkeit gegenüber Reisezielen wie dem Nahen Osten zurück. Umso mehr war der Schlüssel des Erfolgs, auf ein Nischenprodukt und bald auch auf ein über den allgemeinen Wellnesstrend hinausgehendes Gesundheitskonzept zu setzen.

Wirtschaftsforum: Nachdem Ihr Großvater Karl Rolle das Grundstück auf Teneriffa erworben hatte, vergingen wie gesagt zehn Jahre, bis er die ersten Gäste in dem fertiggestellten Hotel empfangen konnte. Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Hotel bis heute entwickelt?

K. Matthias Rolle: Recht schnell wurde klar, dass wir in dem kleinen Dorf La Punta auf spezielle Qualitäten wie Erholung, Ruhe und eine ungewöhnlich starke Intensität der Natur setzen müssen. Menschen, die sich davon angezogen fühlten, haben von Anfang an die persönliche Atmosphäre im Haus geprägt. Dementsprechend wurde keine große Spa-Landschaft gebaut, sondern stattdessen die idealen klimatischen Bedingungen und der Zugang zum Meerwasser genutzt, um die Natur innen und außen erlebbar zu machen. Heute kommt uns zugute, dass diese Region der Insel touristisch kaum entwickelt ist. Da wir von Anfang an intuitiv auf einen sanften Tourismus gesetzt haben, finden unsere Gäste wie von selbst ein authentisches Angebot. Das Thema Wellness haben wir von Anfang an als gesundheitliche Prävention und Regeneration interpretiert. Mit dem Angebot der F.X. Mayr-Medizin haben wir hier eine zeitgemäße und äußerst wettbewerbsfähige Antwort gefunden.

Wirtschaftsforum: Heute erlebt das Hotel die dritte Generation. Was haben Sie von der Vergangenheit behalten und welche Innovationen haben sie eingeführt?

K. Matthias Rolle: Unsere Unternehmensphilosophie war von Anfang an, möglichst adäquat auf die hiesigen Gegebenheiten zu reagieren. Das bedeutet allein schon wegen der klimatischen Bedingungen einen ständigen Reformprozess. Da wir selber als Gäste auf die Insel kamen, ist es uns bis heute ein Anliegen, dass unsere Gäste auch wirklich Gast sein dürfen. Daher sind wir auch eines der wenigen Hotels auf den kanarischen Inseln, in dem die Gäste meist direkt buchen und nicht über einen Reiseveranstalter. Geändert hat sich der Stil im Haus: Nach einer Phase, die ich gerne ‘kanarischen Barock’ nenne, ist heute wieder eine großzügige Schlichtheit prägend, die den ursprünglichen Architekturstil aufgreift und mit der wir unsere Interpretation des Designhotels gefunden haben. Über lange Zeit dominierte im Hause der Anteil deutscher Gäste. Mittlerweile ist das OCÉANO recht international geworden, wobei sicherlich die europäischen Herkunftsländer stark überwiegen. Mit meinem Eintritt in das Unternehmen kam es zu einer konzeptuellen Neuausrichtung: Seither liegt unser Schwerpunkt auf einem präventiv ausgerichteten Gesundheitsangebot, das entsprechend meiner Ausbildung deutsche Medizinstandards zur Grundlage hat.

Wirtschaftsforum: Sie bieten eine besondere Art von Urlaub an, bei dem die Heilkraft des Meeres eine wichtige Rolle spielt. Wie würden Sie den typischen Gast beschreiben, der sich entscheidet, bei Ihnen Urlaub zu machen?

K. Matthias Rolle: Dazu darf ich sagen, dass es einen typischen OCÉANO-Gast nicht gibt. Was unsere Gäste neben der Vorliebe für das Meer eint, sind gemeinsame Wertvorstellungen. Menschen kommen hier zur Ruhe und suchen bei uns eine Balance zwischen Gesundheit und kultivierter Lebensfreude. Offenbar spricht das doch noch etwas mehr Frauen an, die gerne auch alleine zu uns reisen. Ich freue mich, dabei zu erleben, wie unser Angebot von recht unterschiedlichen Altersgruppen gesucht wird. Es scheint geradezu so, dass die Mischung zwischen den eher gestressten jüngeren und den aktiven älteren Gästen sich gegenseitig befruchtet.

Wirtschaftsforum: Wie hat sich, Ihrer Meinung nach, die Art Urlaub zu machen verändert und welche Visionen haben Sie für die nächsten Jahre?

K. Matthias Rolle: Früher war den Menschen deutlich mehr Rhythmus vorgegeben. Dazu gehörte auch der jährliche Urlaub. Heute gibt es zwar zahllose Möglichkeiten, dem Alltag zu entfliehen, aber den Rhythmus müssen wir erst wiederfinden. Urlaub bedeutet mehr und mehr eine Phase, um neue Inspiration zu finden und präventiv etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Dabei werden das Gesundheitsbewusstsein und die Offenheit für alternative Heilmethoden eher noch zunehmen. Wir haben hier bereits früh professionelle Antworten gegeben und werden das weiter ausbauen. Weiterhin ist klar, dass Bewegung der Schlüssel für die Gesundheit ist. Dabei geht die Entwicklung weg vom leistungsorientierten Sport hin zu entspannten Bewegungsformen, die mit Freude betrieben werden. Es gibt eine einfache Antwort, warum das so ist: Wenn wir uns zu sehr anstrengen, atmen wir nicht mehr tief. Das tiefe Atmen ist aber das entscheidende Kriterium für Bewegung, die wirklich gesund ist. Der Atem ist darüber-hinaus ein Schlüssel für geistige Entspannung. Neben der körperlichen wird die mentale Selbstoptimierung für mehr Gelassenheit und eine gute Stimmungslage an Bedeutung zunehmen. Dafür noch mehr Räume und Anreize zu schaffen, ist unser Ziel.

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