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Mehr individuelle Freiheit und Flexibilität für ein besseres Büroklima!

Interview mit Marcel Schweiker, Bauphysiker

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Wirtschaftsforum: Herr Schweiker, Sie postulieren: Kontrolle über das Raumklima ist entscheidend, damit sich Mitarbeiter behaglich fühlen und leistungsorientiert arbeiten können. Ist das in der Welt der Großraumbüros nicht ein illusorisches Ziel?

Marcel Schweiker: Wir sollten zunächst bedenken, dass nur 20% aller Büros in Deutschland überhaupt Großraumbüros sind, auch wenn sie im Neubaubereich leider deutlich häufiger geplant werden. Dabei zeigen sehr viele Studien, dass die Zufriedenheit der Mitarbeiter in Großraumbüros geringer ist als in kleineren Büros – hauptsächlich wegen der reduzierten Kontrollmöglichkeiten auf die Umgebung, dem höheren Geräuschpegel und der eingeschränkten Privatsphäre. Zwar sind die Bau-, Energie- und Mietkosten aufgrund der höheren Dichte an Personen geringer – doch sie stellen im Vergleich zu den Personalkosten ohnehin nur einen Bruchteil der Ausgaben eines Unternehmens dar. Noch dazu liefert eine Studie aus den USA Hinweise darauf, dass die vermeintlich verbesserte Kommunikation zwischen den Mitarbeiter*innen, die von Verfechtern des Großraumbüros oft als Hauptargument ins Feld geführt wird, nicht im Mindesten messbar ist, wenn nicht sogar das Gegenteil zutrifft. Entscheidungen zur Büroform sollten aus meiner Sicht deshalb mit einem Fokus auf Behaglichkeits- und Zufriedenheitsaspekten getroffen werden.

Marcel Schweiker
„Entscheidungen zur Büroform sollten aus meiner Sicht deshalb mit einem Fokus auf Behaglichkeits- und Zufriedenheitsaspekten getroffen werden.“ Marcel Schweiker

Doch auch in Großraumbüros ist eine sinnvolle Kontrolle über das Raumklima kein ganz illusorisches Ziel – dazu ist nur ein sehr viel größerer Aufwand nötig. Aus der Forschung und ersten praktischen Umsetzungen gibt es tolle Beispiele, wie sich durch sogenannte personalisierte Komfortsysteme, bei denen jede*r Einzelne sich seine Umgebungsbedingungen individuell einstellen kann, auch in Großraumbüros die Behaglichkeit erhöhen lässt – etwa mithilfe von individuell klimatisierbaren Stühlen, Lüftungsauslässen oder Ventilatoren. Diese Maßnahmen sind teilweise jedoch sehr aufwendig und lösen auch erst einmal nur das thermische Problem – sie haben keinen Einfluss auf Aspekte wie den Geräuschpegel und die Belichtung. Trotzdem sind dies wichtige Ansätze, um die persönliche Umgebung der Büroangestellten zu verbessern – wenn es denn unbedingt ein Großraumbüro sein muss.

Wirtschaftsforum: Sicherlich hat jeder Mensch seine individuellen Raumklima-Präferenzen. Sind aus der Forschung trotzdem Idealwerte und -umstände bekannt, bei denen ein Großteil von uns seine optimale Produktivität erreichen könnte?

Marcel Schweiker: Sicher, es gibt zahlreiche Forschungsarbeiten, die sich mit dem Thema Produktivität befassen. Viele dieser Studien betrachten kontrollierte und in ihrer Komplexität beschränkte Aufgaben, zum Beispiel Kopfrechnen oder das Verfassen von Texten. Hier hat sich ein sehr großer Einfluss der thermischen Bedingungen auf die Produktivität gezeigt. Es gibt jedoch nur sehr wenige Studien, die sich mit komplexeren Tätigkeiten in einem realen Umfeld befassen. Dort spielen andere Aspekte eine viel wichtigere Rolle, etwa die allgemeine Arbeitsatmosphäre und -organisation. Außerdem wird oft der Umstand vernachlässigt, dass wir uns allein durch eine Anpassung unseres Verhaltens, zum Beispiel andere Kleidung und Luftbewegung, einen größeren Temperaturbereich behaglich machen können.

„Was aber überall funktioniert: den Mitarbeiter*innen Flexibilität in punkto Arbeitszeiten, Bekleidungswahl und dem Umgang mit den Kontrollmöglichkeiten anzubieten, sofern dies im konkreten Fall möglich ist.“ Marcel Schweiker
Marcel Schweiker

Klimatisierung ist dabei sicherlich kein Allheilmittel. Wir müssen vielmehr auch die möglichen Langzeitfolgen bedenken, die entstehen können, wenn wir uns nur in klimatisierten Bereichen aufhalten. Studien aus den Niederlanden zeigen, dass es für Diabetiker förderlich ist, sich außerhalb von Temperaturbereichen aufzuhalten, die normalerweise als komfortabel angesehen werden. Wenn sich derartige Ergebnisse bestätigen, kann dies bedeuten, dass sich der kurzfristige Produktivitätsvorteil, der durch vermeintlich optimale Bedingungen erreicht wird, auch sehr schnell wieder ins Gegenteil verkehrt.

Wirtschaftsforum: Wenn Klimaanlagen kein Allheilmittel sind: Gibt es eine Checkliste, die Unternehmen abarbeiten können, um ein optimales Raumklima zu gewährleisten?

Marcel Schweiker: Das optimale Raumklima unterscheidet sich von Person zu Person, und die Mittel, um auf das Raumklima Einfluss zu nehmen, sind sehr stark von den vorhandenen Gegebenheiten wie dem jeweiligen Gebäude, seiner Bauart und Fassade und der Büroform abhängig. Eine allgemein verbindliche Checkliste wäre deshalb schwer zu erstellen. Zumindest beim Neubau oder einer durchgreifenden Sanierung sollte aber darauf geachtet werden, mithilfe der Architektur die solaren Wärmegewinne im Sommer zu reduzieren. Klassische Maßnahmen sind hier moderate Fenstergrößen, Sonnenschutzvorrichtungen und die Nutzung natürlicher Kühlpotenziale wie der nächtlichen Außenluft oder der Bodenkühle.

Was aber überall funktioniert: den Mitarbeiter*innen Flexibilität in punkto Arbeitszeiten, Bekleidungswahl und dem Umgang mit den Kontrollmöglichkeiten anzubieten, sofern dies im konkreten Fall möglich ist. Wenn sich zusätzlich noch die Luftbewegung erhöhen lässt, führt dies zu einer sehr großen Spannbreite an Raumtemperaturen, die dann als optimal angesehen werden. Jenseits des thermischen Aspekts sind außerdem eine ausreichende Versorgung mit frischer Luft, ein ausreichendes Tageslichtangebot, eine nicht störende akustische Umgebung und die Möglichkeit, sich das persönlich benötigte Maß an Privatsphäre zu erhalten, förderlich. Viele dieser Punkte sind natürlich einfacher für Büroangestellte zu realisieren als bei Industriearbeitsplätzen.

Marcel Schweiker
„Der Stand der Technik erlaubt es vielen Menschen schon heute, ihren Arbeitsort flexibler zu gestalten und entsprechend etwa einen schattigen Ort im Park anstelle des überhitzten Büros zu wählen.“ Marcel Schweiker

Wirtschaftsforum: Stichwort flexible Arbeitszeiten: Schwere körperliche Arbeiten im Außenbereich werden in den Hitzeperioden oft in die frühen, kühleren Morgenstunden vorverlegt. Wie flexibel müssen Unternehmen die Arbeitszeiten von Büroangestellten gestalten, um den klimatischen Veränderungen Rechnung zu tragen?

Marcel Schweiker: Sofern es der Betrieb und die Art der Tätigkeit erlauben, wäre es zu begrüßen, wenn Unternehmen sowohl die Arbeitszeiten als auch mögliche Bekleidungsvorschriften lockern könnten. Der Stand der Technik erlaubt es vielen Menschen schon heute, ihren Arbeitsort flexibler zu gestalten und entsprechend etwa einen schattigen Ort im Park anstelle des überhitzten Büros zu wählen. Auch hier plädiere ich aber für die individuelle Freiheit und gegen Lösungen von der Stange. Ich zum Beispiel bin relativ „hitzebeständig“ und komme gut mit warmen Sommern zurecht – und weil meine persönliche Präferenz eher bei etwas wärmeren Arbeitsbedingungen als bei einem früher klingelnden Wecker liegt, würde ich ungern früher aufstehen müssen, nur weil es an einem Arbeitstag etwas wärmer wird. Eine andere Person kann aber genau umgekehrte Präferenzen haben.

„Neben Klassikern wie der Siesta in Spanien sind es teilweise die kleinen Dinge, die mir aufgefallen sind: chinesische Männer, die ihre T-Shirts bis zum Bauchnabel hochgekrempelt haben, oder die Vielzahl an kleinen Handfächern in Japan.“ Marcel Schweiker
Marcel Schweiker

Wirtschaftsforum: Sie haben auch einige berufliche Stationen im Ausland absolviert: Wo geht man am effizientesten mit der sommerlichen Hitze um?

Marcel Schweiker: Neben Klassikern wie der Siesta in Spanien sind es teilweise die kleinen Dinge, die mir aufgefallen sind: chinesische Männer, die ihre T-Shirts bis zum Bauchnabel hochgekrempelt haben, oder die Vielzahl an kleinen Handfächern in Japan. Japan ist in diesem Zusammenhang generell sehr spannend: Man denke an die klassische japanische Architektur mit ihren großen Dachüberständen zum Schutz vor Regen und Sonne und den Schiebewänden, die im Sommer aufgeschoben werden, damit vorhandene Winde besser kühlen können. Beliebt ist in den heißen Monaten auch das Verteilen von Regenwasser vor der Tür, damit die ins Haus strömende Luft durch die Verdunstung vorgekühlt wird. Aber auch in Japan gibt es die ineffiziente moderne Glasarchitektur und Taxifahrer, die ihre Mittagspause in ihrem Taxi bei laufender Klimaanlage verbringen und dabei noch in der prallen Sonne parken, wenn es direkt daneben ein schattiges Plätzchen gibt.

Wirtschaftsforum: Was können wir in Deutschland von den positiven Aspekten des japanischen Umgangs mit heißem Wetter lernen?

Marcel Schweiker: Meine Hoffnung ist, dass wir flexibel bleiben, die ein oder andere warme Phase mit Gelassenheit hinnehmen, ohne direkt nach einer energieintensiven Klimatisierung zu rufen, und stattdessen nach Lösungen suchen, die sowohl uns Menschen als auch unsere Umwelt zufriedenstellen werden.

Interview: Julian Miller | Fotos: Amadeus Bramsiepe/KIT; J. Lang/BINE Informationsdienst

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