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Löwinnen in Lauerstellung

Interview mit Melanie Hawken, CEO und Gründerin Lionesses of Africa

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Wirtschaftsforum: Die politische Landschaft in Deutschland hat sich verändert; die alte Große Koalition wurde von einer neuen Version abgelöst, wieder unter der Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Welche Erwartungen haben Sie an die neue Bundesregierung?

Melanie Hawken: Persönlich und auch in Hinblick auf die Unternehmerinnen in Afrika würde ich die Fortführung der pro-afrikanischen Strategie der deutschen Bundesregierung sehr begrüßen.

„Wenn wir eine Million wirklich inspirierende Frauen haben, die jetzt starke Unternehmen in Afrika auf die Beine stellen, werden sie die nächste Generation von jungen Frauen dazu anregen, ihnen zu folgen.“ Melanie Hawken

Wirtschaftsforum: Haben Sie eine Vision, wie es Afrika gelingen kann, eine ökonomische Eigendynamik zu entwickeln, welche die Mehrheit der Afrikaner aus der Armut führt sowie genügend Arbeitsplätze schafft – besonders für Frauen?

Melanie Hawken: Es herrscht eine übereinstimmende Erkenntnis: Wenn es uns gelingt den afrikanischen Kontinent von der Abhängigkeit internationaler Finanzspritzen zu lösen, können wir das Ziel eines autarken Unternehmertums – gerade beim Unternehmertum von Frauen – erreichen. Das ist der Schlüssel zur Nachhaltigkeit. Und wenn wir eine Million wirklich inspirierende Frauen haben, die jetzt starke Unternehmen in Afrika auf die Beine stellen, werden sie die nächste Generation von jungen Frauen dazu anregen, ihnen zu folgen.

Wirtschaftsforum: Der Koalitionsvertrag beinhaltet bereits den politischen Willen zu einer wesentlich engeren Zusammenarbeit mit Afrika. Was erwarten Sie persönlich von dem neuen Wirtschaftsminister Peter Altmaier in Bezug auf Ihr Frauennetzwerk Lionesses of Africa?

Melanie Hawken: Ich würde wirklich gerne sehen, dass Peter Altmaier die gute Arbeit fortführt, die bisher geleistet wurde. Und ich würde mich über mehr deutsche Unternehmen freuen, große wie kleine, die mit afrikanischen Unternehmerinnen zusammenarbeiten, um deren Business auf die nächste Ebene zu bringen, weil dabei die Wertschöpfungskette und der ROI um so vieles größer ist. Wir haben ein Sprichwort in Afrika: Wenn du in eine Frau investierst, investierst du in eine Unternehmerin. Jeder profitiert davon, nicht nur die Firma oder der Unternehmer, weil eine Frau alles in ihr Umfeld zurückinvestiert: in Bildung, Geschäfte und überhaupt in die gesamte Gesellschaft in noch größerem Umfang. 90% von dem, was eine Unternehmerin umsetzt, geht zurück in die Gesellschaft.

„Während der letzten Jahre hat Deutschland anderen Ländern in der Welt gezeigt, dass sich mit einer authentischen pro-afrikanischen Unternehmenspolitik viel bewegen lässt.“ Melanie Hawken

Wirtschaftsforum: Was hat sich bisher in Deutschland in Bezug auf die pro-afrikanische Ausrichtung getan?

Melanie Hawken: Die pro-afrikanische Strategie, die Deutschland in den letzten Jahren angeschoben hat, beginnt jetzt zu greifen. Wir sehen das speziell bei den Unternehmerinnen. Es zeigen sich großartige Kooperationen zwischen deutschen Firmen und innovativen Unternehmerinnen mit ihren Geschäftsideen. Mit einem Mal gibt es Produkte aus Afrika, die weltweit Potenzial haben. Aufgrund der deutschen Partner können sie für den weltweiten Markt kommerzialisiert werden – oder zumindest für den pan-afrikanischen. Während der letzten Jahre hat Deutschland anderen Ländern in der Welt gezeigt, dass sich mit einer authentischen pro-afrikanischen Unternehmenspolitik viel bewegen lässt.

Wirtschaftsforum: Die Start-up Night! Africa ist ein wichtiges Element dieser pro-afrikanischen Strategie, die vom Wirtschaftsministerium in enger Zusammenarbeit mit Ihrem Netzwerk Lionesses of Africa initiiert wurde. Worum geht es da?

Melanie Hawken: Die afrikanische Start-up Night, die stark im digitalen Bereich anzusiedeln ist, dreht sich vor allem darum, das Bewusstsein für das Thema zu steigern und den Austausch in Gang zu bringen. Ich hoffe, dass diese Veranstaltung noch mehr deutsche Unternehmen und regionale Behörden dazu ermutigt, nach Afrika zu kommen und selbst zu schauen, was Unternehmerinnen dort leisten. Lionesses of Africa ist eine umfassende Organisation. Wir haben über 600.000 Unternehmerinnen aus 49 afrikanischen Ländern in unserem Netzwerk. Das ist eine ganz schöne Zahl an Unternehmerinnen, mit denen deutsche Unternehmen Geschäftsbeziehungen aufbauen können.

„Alle fünf Unternehmerinnen, die sich in Berlin im Oktober letzten Jahres vorgestellt haben, arbeiten jetzt mit deutschen Firmen zusammen oder führen Geschäftsbeziehungen.“ Melanie Hawken

Wirtschaftsforum: Lassen Sie uns über Erfolgsgeschichten sprechen, die schon mit der Start-up Night! Africa verbunden sind. Können Sie schon den Erfolg der dort geknüpften Geschäftsbeziehungen anhand von Zahlen festmachen?

Melanie Hawken: Wenn wir auf die erste Veranstaltung 2017 zurückblicken: Alle fünf Unternehmerinnen, die sich in Berlin im Oktober letzten Jahres vorgestellt haben, arbeiten jetzt mit deutschen Firmen zusammen oder führen Geschäftsbeziehungen.

Wirtschaftsforum: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Melanie Hawken: WaziVision in Uganda ist ein gutes Beispiel. Brenda Katwesigye ist die Gründerin. Sie machte ein echtes Problem in Afrika aus: Jungen Menschen ist es nicht möglich, den so wichtigen Sehtest zu bekommen. Das bedeutet, dass wir viele junge Menschen haben, die einfach niemals lernen zu lesen, sich nicht in die Gesellschaft integrieren und nicht arbeiten können – weil sie nicht gut sehen. Die Hürde ist schlichtweg, dass sie sich keinen Sehtest leisten können, geschweige denn eine Brille. Brenda entwickelte eine digitale Lösung, um jedem jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, einen Sehtest mit Hilfe von Augmented Reality zu machen. Das ist bahnbrechende Technologie, besonders um Sehtests in abgelegeneren Regionen durchzuführen.

Wirtschaftsforum: Wie funktioniert das genau?

Melanie Hawken: Sie entwickelte Software und das zugehörige Equipment von Grund auf, um digitale Sehtests in großem Stil zu ermöglichen. Sie hat beides kreiert und dazu das System, mit dem jedes Kind überall in Uganda dank AEye-Technologie einen Sehtest machen kann. Die Informationen werden digital direkt zu einem zentralen Teststützpunkt übertragen, wo die Ergebnisse zu 97% akkurat sind. Das bedeutet, die Genauigkeit ist genauso gut, wie die eines Sehtests beim Optiker überall anders in der Welt. Der Sehtest wird unmittelbar über das Smartphone durchgeführt, weil Smartphones weit verbreitet in Afrika sind. Das wiederum führt dazu, dass Tests in Schulen durchgeführt werden können und Gruppentests nur ein Smartphone benötigen.

Wirtschaftsforum: Was passierte dann?

Melanie Hawken: Nun, das ist eine interessante Sache: Nachdem sie diese wichtige Lösung entwickelt hatte, schaute sich Brenda an, was passiert, wenn sich ein Kind keine Brille leisten kann. Dann begann sie mit örtlichen Frauenkooperationen zu arbeiten, die sehr gut darin sind aus recyceltem Material neue Produkte anzufertigen. Sie entwickelte eine Lösung mit der es möglich war aus recycelten Rohstoffen eine trendige Brille für zwei Dollar herzustellen. Gerade mal zwei Dollar für eine Brille, die ein Leben komplett verändern kann.

Wirtschaftsforum: An welchem Punkt begann Brendas Firma mit einem deutschen Unternehmen zusammenzuarbeiten?

Melanie Hawken: Also, die Idee wurde in Uganda entwickelt und erfolgreich getestet, aber die Frage blieb, wie sie sich skalieren lässt. Und das ist der Moment, in dem deutsche Großunternehmen und agile, smarte deutsche Firmen ins Spiel kommen. Brenda war es möglich, großartige Partner in Deutschland zu finden, die ihre Lösung angenommen, angepasst, skaliert und Investoren dafür gefunden haben, um weltweit ein Klasseprodukt im großen Rahmen produzieren zu können. Genau das ist schlussendlich passiert.

„Gehen Sie nach Indien, gehen Sie nach Asien – überall in der Welt gibt es das Problem, bezahlbare Augenvorsorge in abgelegene und arme Regionen zu bringen.“ Melanie Hawken

Wirtschaftsforum: Ist die Absicht, den Sehtest und die innovative Brille weltweit zu exportieren?

Melanie Hawken: Absolut. Es wurde ein Produkt entwickelt, das weltweit Relevanz hat, denn nicht nur Afrika hat dieses Problem. Gehen Sie nach Indien, gehen Sie nach Asien – überall in der Welt gibt es das Problem, bezahlbare Augenvorsorge in abgelegene und arme Regionen zu bringen. Das ist ein großes Thema. Durch die Zusammenarbeit von führenden deutschen Unternehmen, agilen Tech-Firmen und den Gründern von WaziVison ist ein innovatives Produkt kreiert worden, das weltweit Relevanz hat.

Wirtschaftsforum: Wenn Sie erklären müssten, wie und in welchen Bereichen deutsche Unternehmen mit Mitgliedern ihres Netzwerks kooperieren können, was würden Sie sagen?

Melanie Hawken: Die Botschaft, die ich senden möchte, lautet, dass Afrika über eine unheimliche Bandbreite an Unternehmerinnen mit digitalen Produkten und Dienstleistungen verfügt. Unser Auftrag bei Lionesses of Africa ist es, wirklich so viele Frauen wie möglich mit ihren Geschäftsmodellen deutschen Unternehmen vorzustellen. Und jetzt verrate ich Ihnen etwas Brandneues. Eine unserer Initiativen in diesem Jahr zielt darauf ab, und dafür suche ich noch den passenden deutschen Partner, einen täglichen Newsletter Good Morning Lionesses zu erstellen. Er wird in eine deutsche Version übersetzt werden. Dadurch können wir täglich die besten afrikanischen Unternehmerinnen dem deutschen Markt vorstellen.

„Wir sagen zu oft, dass Start-ups eine Finanzierung brauchen. Aber das Geheimnis ist: Wir brauchen keine Finanzierung, wir brauchen einfach Verkäufe, wir brauchen den Zugang zum Markt für unsere Produkte.“ Melanie Hawken

Wirtschaftsforum: ‘Niemals das Bargeld ausgehen lassen’ ist eine der wichtigsten Regeln der erfolgreichen afrikanischen Unternehmerin Dorcas Muthoni, Gründerin und CEO von Openworld Ltd. Wie werden Mitglieder von Lionesses of Africa finanziell unterstützt?

Melanie Hawken: Ich denke, die Mentalität wird sich hierzu schnell ändern. Wir sagen zu oft, dass Start-ups eine Finanzierung brauchen. Aber das Geheimnis ist: Wir brauchen keine Finanzierung, wir brauchen einfach Verkäufe, wir brauchen den Zugang zum Markt für unsere Produkte. Ja, man mag Finanzierung benötigen, wenn das Geschäft wachsen soll. Insofern ein Zuwachs bei dem Herstellungsvolumen oder auch bei einer Erweiterung einer bestimmten Produktlinie erfolgt, könnte zum Beispiel eine neue Fabrik notwendig sein. Das stimmt. Aber wenn wir über die Situation zu Beginn einer Reise denken, ist das anders. Sobald du Zugang zum Markt hast, dann kannst du dein Produkt platzieren, dann kannst du in die großen Versorgungsketten kommen und so erhältst du Absatzvolumen – und das ist deine Finanzierung.

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