Flexibilität in der Nische
Interview mit Mirco Arndt, Geschäftsführer und Dr. Eduard Heyl, Geschäftsführer der Laborchemie Apolda GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Heyl, Sie sind Geschäftsführer der Laborchemie Apolda GmbH, einem Tochterunternehmen der HEYL Chemisch-pharmazeutische Fabrik GmbH & Co. KG. Wie sieht die Geschichte hinter diesen Unternehmen aus?
Dr. Eduard Heyl: Die HEYL Chemisch-pharmazeutische Fabrik wurde 1926 von meinem Vater in Berlin gegründet, der ebenso wie ich Mediziner war. Ein im Ostteil der Stadt ansässiger Unternehmensteil war nach der Teilung enteignet worden, sodass wir in Westberlin neu beginnen mussten. Der dortige Standort war für die Entwicklung chemischer Synthesen nicht ideal; wir waren in einem Wohngebiet ansässig, hatten nur begrenzt Platz zur Verfügung und suchten nach Ausweichmöglichkeiten, um uns weiterentwickeln zu können. Im Rahmen der Wende bot sich eine Standortverlagerung nach Ostdeutschland an.
Weil wir ein kleines Unternehmen waren, erhielten wir den Zuschlag für das 1949 als VEB Laborchemie Apolda gegründete Unternehmen für Spezialchemikalien und pharmazeutische Wirkstoffe und führen es bis heute als Tochtergesellschaft. Die Laborchemie Apolda beschäftigt 80 Mitarbeitende und hat einen Umsatz von 16 Millionen EUR, die HEYL Chemisch-pharmazeutische Fabrik setzt mit 25 Mitarbeitenden zwischen 16 und 20 Millionen EUR um. Zudem gehört die Heyltex Corporation in Houston zur Gruppe. Die Laborchemie Apolda ist ein wichtiges Standbein der Gruppe, da sie die Produktion einiger wichtiger Produkte abdeckt.
Wirtschaftsforum: Ihr Vater hat das Unternehmen gegründet. Wann haben Sie sich dem Unternehmen angeschlossen?
Dr. Eduard Heyl: Das Unternehmen spielte in unserer Familie schon immer eine zentrale Rolle. Bereits als Kind bekam ich viel vom Firmenalltag mit und begleitete meinen Vater häufig bei seiner Arbeit. Nach meinem Medizinstudium war ich zunächst in einer Klinik tätig. Gleichzeitig erkannte ich die Möglichkeit, meine Erfahrungen in das Familienunternehmen einzubringen. So trat ich 1968 in die Firma ein und führte zunächst parallel eine klinische Studie an der Klinik durch. Als mein Vater einige Jahre später verstarb, war die Nachfolge bereits geregelt. Natürlich stellte ich mir die Frage, ob ich der Richtige für diese Aufgabe bin. Letztlich bin ich jedoch überzeugt, dass für die Führung eines Unternehmens – unabhängig von seiner Größe – vor allem Charakterstärke und Integrität entscheidend sind. Ich habe eine humanistische Ausbildung genossen. Deshalb ist es für mich bis heute von zentraler Bedeutung, ein anständiger und werteorientierter Mensch zu bleiben.
Wirtschaftsforum: Kommen wir auf das Portfolio zu sprechen. Um welche Produkte geht es heute?
Dr. Eduard Heyl: Der Fokus der Firma Heyl liegt auf Arzneimitteln für die Katastrophenmedizin. Wir entwickeln und fertigen Antidota, Gegenmittel gegen bestimmte, durch Intoxikation oder Kontamination mit chemischen, radiologischen, biologischen und nuklearen Substanzen verursachte Erkrankungen. Angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen agieren wir damit auf einem sehr wichtigen Markt, was sich nicht zuletzt in einer steigenden Nachfrage widerspiegelt. Gleichzeitig sind wir mit den Produkten in einer Nische tätig. Ebenfalls fertigt die Laborchemie Spezialchemikalien und weitere pharmazeutische Wirkstoffe für weitere Kunden. Dabei sind auch Lohn- und Auftragssynthesen ein bedeutender Geschäftszweig.
Wirtschaftsforum: Welchen Herausforderungen muss sich das Unternehmen aktuell stellen?
Mirco Arndt: Getrieben durch Wettbewerber aus dem asiatischen Raum, vor allem aus Indien, haben wir es mit einem enormen Preisdruck zu tun. Hier können wir zwar mit konstanter Quality made in Germany punkten, allerdings ändert sich dies momentan. Die Inder und Chinesen haben beim Thema Qualität sehr stark aufgeholt; hier können wir aufgrund der hohen Lohnkosten in Deutschland und der zahlreichen regulatorischen Anforderungen weder preislich noch in Bezug auf die Geschwindigkeit mit dem Wettbewerb mithalten. Weil deshalb in der Laborchemie in den vergangenen Jahren viele Volumenprodukte ausgefallen sind, mussten wir uns neu orientieren. In den vergangenen sechs Monaten haben wir aufgrund gestörter Lieferketten eine neue Rückbesinnung auf europäische Lieferanten wahrgenommen, ähnlich wie nach der Coronapandemie. Aktuell arbeiten wir an drei Projekten, bei denen es darum geht, unabhängig von Asien zu werden.
Wirtschaftsforum: Wo ordnen Sie sich in diesem Marktumfeld im Vergleich zum Wettbewerb ein und wie soll es weitergehen?
Mirco Arndt: Die Laborchemie Apolda agiert mit ihren zwei Standbeinen Spezialchemikalien und pharmazeutische Wirkstoffe als Nischenanbieter. Künftig wollen wir unseren Fokus noch stärker auf Antidota legen und auch anderen Kunden als Serviceanbieter von der Entwicklung bis zur Produktion unter GMP-Bedingungen zur Seite stehen. Unsere große Stärke liegt darin, sehr viele Prozessverfahren abzubilden, das, was für die ganz kleinen Firmen zu groß ist und für die Großen zu klein. Durch die Kombination unserer Anlagen sind wir sehr flexibel, haben umfassende Genehmigungen und können Kundenwünsche schnell umsetzen.
Dr. Eduard Heyl: Wir bieten einige systemrelevante Produkte an, die andere nicht anbieten, und sind in Deutschland die Einzigen, die dafür eine Zulassung haben. Wo wir in vier, fünf Jahren stehen werden, ist aufgrund der unsicheren Rahmenbedingungen schwer abzuschätzen. Um zu investieren, fehlt es an Planungssicherheit. Klar ist, dass wir in Zukunft neue Produkte entwickeln wollen und dafür auch den Austausch mit Forschungseinrichtungen wie dem Fraunhofer- oder Leibnitz-Institut suchen werden. Klar ist auch, dass wir trotz aller Herausforderungen dem Standort Deutschland treu bleiben werden.










