Wert schaffen, wenn der Markt bremst

Interview mit Benjamin Johansson, Vorstand der GIEAG Immobilien AG

Wirtschaftsforum: Herr Johansson, woher kommt die GIEAG – und wo steht das Unternehmen heute?

Benjamin Johansson: Die GIEAG gibt es seit knapp 26 Jahren. Gegründet wurde sie 1999 von Alexander Pferschy, später hat sein Sohn das Unternehmen übernommen. Im Juli 2024 ist ­Philipp Pferschy aus persönlichen Gründen ausgeschieden – und ich habe die Leitung als externer Vorstand übernommen, aktuell als Alleinvorstand.

Wirtschaftsforum: Was ist das Geschäftsmodell in einem Satz – und was macht es in der Praxis aus?

Benjamin Johansson: Wir sind Projektentwickler und Bestandshalter. Im konservativeren Teil halten und managen wir vor allem Wohnimmobilien im süddeutschen Raum, häufig aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Parallel entwickeln wir Projekte in Büro, Wohnen und Light Industrial, die wir nach Fertigstellung üblicherweise am Kapitalmarkt verkaufen.

Wirtschaftsforum: Wie groß ist die Organisation hinter dieser Wertschöpfungskette?

Benjamin Johansson: Wir arbeiten aus München und Stuttgart heraus mit einem schlanken Team von rund 20 Mitarbeitenden. Wir steuern die Projekte selbst – von Ankauf und Business Case über Baurecht und Planung bis zur Realisierung und Vermarktung. Externe Projektsteuerung nutzen wir in der Regel nicht; wir kaufen gezielt Architekten-, Ingenieur- und Bauleistungen zu und führen die Partner eng. Und wenn ein Exit nicht möglich oder nicht sinnvoll ist, übernehmen wir mit eigenem Asset Management-Team die Bewirtschaftung.

Wirtschaftsforum: Sie betonen häufig den ‘Projektgedanken’. Was heißt das konkret?

Benjamin Johansson: Ein Projekt muss zum Standort und zu den Bedürfnissen passen – sonst entwickelt man am Bedarf vorbei. Deshalb ist der Dialog mit Umfeld, Anwohnern oder Gewerbetreibenden wichtig: Was fehlt, was wird gebraucht, wo liegen die Probleme? Daraus entstehen Impulse, die wir in die Planung integrieren können. Ich sage manchmal: Bevor der Architekt den ersten Strich macht, sollte man vielleicht erst den Soziologen fragen – weil Immobilien zwar gebaut werden, aber am Ende immer für Menschen funktionieren müssen.

Wirtschaftsforum: Sie sprechen vom ‘Projektentwicklerdreieck’ – wo setzt die GIEAG dabei an?

Benjamin Johansson: Ideen und Grundstücke sind vorhanden, und grundsätzlich steht auch Eigenkapital zur Verfügung. Gleichzeitig ist Kapital in der Projektentwicklung naturgemäß über längere Zeiträume gebunden, insbesondere solange Projekte noch nicht realisiert oder veräußert sind. Deshalb setzen wir auf strategische Kapitalpartner, um Projekte schneller und stabiler umzusetzen. Uns ist dabei wichtig: „Skin in the game“. Also nicht: „Wir gehen mit 0 rein und der Partner bringt 100“, sondern gemeinsam investieren. Und wir wollen kein kleinteiliges, schwer steuerbares Finanzierungsgeflecht mit vielen Einzelgläubigern – das kann in Krisen gefährlich werden.

Wirtschaftsforum: Ein konkretes Beispiel ist ‘Kwartier Homes’ in Karlsruhe. Was war dort die He­rausforderung?

Benjamin Johansson: Kwartier Homes ist ein Wohnprojekt mit circa 220 Einheiten. Es war schon weit – inklusive Baugrube – und sollte über einen Forward Deal global verkauft werden. Dann kam die Krise, der Investor zog sich zurück, das Projekt stand faktisch still. Gleichzeitig gab es technischen und zeitlichen Druck: eine viergeschossige, wasserdichte Baugrube, Kurzzeitanker mit normativ definierter Haltbarkeit. Wir sind damit offen auf die Stadt zugegangen, haben mit Gutachten und Sensorik gearbeitet, um Stabilität nachzuweisen, und gemeinsam Optimierungen umgesetzt – etwa ein Mobilitätskonzept, um Stellplätze zu reduzieren und die Tiefgarage zu verkleinern. Auf dieser Basis konnten wir einen Kapitalpartnerprozess starten und das Projekt just in time wieder in Gang bringen.

Wirtschaftsforum: Und der Blick nach vorn: Was ist Ihre Vision, worauf fokussieren Sie sich?

Benjamin Johansson: Strategisch bleiben wir bei den beiden Zweigen Projektentwicklung und Bestandshaltung. Wir wollen effizienter und digitaler werden – und gesund wachsen. Weiterhin möchten wir uns Kapitalpartnern öffnen, um Synergien aus Anlagekapital und Kompetenz zu erzeugen. Ein Fokus ist ein Mammutprojekt in Ottobrunn bei München: Dort haben wir nach einem fünfjährigen Prozess Baurecht erhalten. Für ‘The Nest’ sehen wir Schwerpunkte wie KI, Digitalisierung, Forschung und Entwicklung, wie zum Beispiel Robotik und – verändert durch die Zeitenwende – auch Defense-nahe Themen wie Cybersecurity oder Sensorik; zusätzlich prüfen wir etwa ein Data-Center mit 26 MW. Mit dem ersten Bauabschnitt, der zu circa 60% bereits vermarktet ist, wollen wir noch dieses Jahr starten. Gleichzeitig ist klar: So ein Projekt muss auf mehrere Schultern verteilt werden – über Joint Venture-Partner oder weitere Entwickler, damit es schneller Wirkung entfaltet.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Bau

"Wir denken Immobilien über Jahrzehnte hinweg"

Interview mit Peter Biskupek, geschäftsführender Gesellschafter der BSM GmbH

"Wir denken Immobilien über Jahrzehnte hinweg"

Steigende Baukosten, neue Nachhaltigkeitsanforderungen und veränderte Nutzungsbedürfnisse verändern den Immobilienmarkt spürbar. Die BSM GmbH mit Sitz in Darmstadt setzt seit rund fünf Jahrzehnten auf einen langfristigen Ansatz statt kurzfristige Projekte.…

Microliving als intelligente Antwort auf neue Wohnbedürfnisse

Interview mit Benjamin Oeckl, Geschäftsführer der BelForm GmbH & Co. KG

Microliving als intelligente Antwort auf neue Wohnbedürfnisse

Zwischen klassischer Mietwohnung und Hotel hat sich ein neuer Wohnmarkt etabliert. Die BelForm GmbH & Co. KG aus München gehört zu den Spezialisten für Microliving-, Serviced-Apartment- und Senior-Living-Konzepte und hat…

Fest im Fundament, offen für Neues

Interview mit Kurt Mayer, Geschäftsführer der Goldbeck Rhomberg AG

Fest im Fundament, offen für Neues

Systembau klingt nach Norm und Nüchternheit. Goldbeck Rhomberg zeigt seit 25 Jahren, dass das ein Missverständnis ist. Das Joint Venture zwischen dem deutschen Systembauriesen Goldbeck und dem Vorarlberger Traditionsunternehmen Rhomberg…

Spannendes aus der Region München

„Das Büro ist nicht Location, sondern Destination!“

Interview mit Dr. Dewi Schönbeck, Geschäftsführerin der Steelcase GmbH

„Das Büro ist nicht Location, sondern Destination!“

Durch den Siegeszug hybrider Arbeitsmodelle verändern sich auch die Ansprüche an das physische Büroumfeld grundlegend. Auf Basis ihres wissenschaftsbasierten Ansatzes und ihrer langjährigen Erfahrung hat die Steelcase GmbH aus München…

Microliving als intelligente Antwort auf neue Wohnbedürfnisse

Interview mit Benjamin Oeckl, Geschäftsführer der BelForm GmbH & Co. KG

Microliving als intelligente Antwort auf neue Wohnbedürfnisse

Zwischen klassischer Mietwohnung und Hotel hat sich ein neuer Wohnmarkt etabliert. Die BelForm GmbH & Co. KG aus München gehört zu den Spezialisten für Microliving-, Serviced-Apartment- und Senior-Living-Konzepte und hat…

„Wir heben die Performance von ­ERP-Plattformen“

Interview mit Dipl.Wirt.Ing. Christoph Bartolome, Vorstand der bartolome röder AG

„Wir heben die Performance von ­ERP-Plattformen“

Viele Unternehmen stehen derzeit vor tiefgreifenden Prozessveränderungen, insbesondere auch in ihrem ERP-Umfeld. Auf Basis ihres gewachsenen Prozess-Know-how und ihrer versierten Architekturkompetenz, gepaart mit ihrem tiefen interkulturellen Verständnis, begleitet die bartolome…

Das könnte Sie auch interessieren

Wo jeder Tropfen zählt

Interview mit Dipl.-Ing. Mirko Ebeling, Geschäftsführer und Gründer der Ebetech GmbH

Wo jeder Tropfen zählt

Die globale Pharmaindustrie wächst rasant: Neue Therapieformen, eine alternde Weltbevölkerung und der verbesserte Zugang zu Medikamenten in Schwellenländern sorgen für anhaltend hohe Nachfrage. Wer in diesem anspruchsvollen Umfeld liefern will,…

Nahrhaft, schmackhaft, convenient

Interview mit Toma Marcinkeviciute, Geschäftsführerin

Nahrhaft, schmackhaft, convenient

Seit 2010 vertreibt die VG Handel GmbH die Produkte der litauischen VIČI-Gruppe in Deutschland. Insbesondere Surimi möchte das Unternehmen in nächster Zeit noch deutlich bekannter machen und als nahr- wie…

Der Gipfel ist erst der Anfang

Interview mit Sebastian Schaller, General Manager Germany der Oberalp Deutschland GmbH

Der Gipfel ist erst der Anfang

Wer über Bergsport spricht, kommt an der Oberalp Gruppe kaum vorbei. Das familiengeführte Unternehmen mit Hauptsitz in Bozen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem internationalen „House of Mountain…

TOP