Die unterschätzte Werbekraft des Briefkastens

Interview mit Mario Geuß, Geschäftsführer der Geuß Werbung GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Geuß, gilt klassische Prospektwerbung heute nicht als überholtes Kommunikationsmodell?

Mario Geuß: Dieses Image begegnet uns häufig. Faktisch sehen wir aber, dass gedruckte Haushaltswerbung weiterhin funktioniert – allerdings unter veränderten Vorzeichen. Print ist kein Masseninstrument mehr, das beliebig skaliert wird, sondern ein bewusst eingesetztes Medium. Wer heute druckt, investiert Zeit, Geld und Planung. Genau diese Verbindlichkeit unterscheidet Print fundamental von vielen digitalen Werbeformaten.

Wirtschaftsforum: Worin liegt aus Ihrer Sicht dieser Unterschied?

Mario Geuß: Digitale Kampagnen lassen sich heute in Minuten erzeugen – teilweise automatisiert durch künstliche Intelligenz. Das senkt die Eintrittshürden, aber auch die Ernsthaftigkeit. Ein gedruckter

Prospekt signalisiert dagegen Substanz: Hier steht ein reales Unternehmen sichtbar dahinter, mit lokalen Strukturen, Mitarbeitern und Verantwortung. Das schafft Vertrauen, gerade im regionalen Umfeld, und vermittelt eine klare wirtschaftliche Verbindlichkeit.

Wirtschaftsforum: Dennoch stehen Unternehmen unter starkem Kostendruck. Warum investieren Kunden weiterhin in Print?

Mario Geuß: Weil Reichweite und Wahrnehmung messbar bleiben. Wir erreichen wöchentlich rund 180.000 Haushalte direkt am Briefkasten – ohne Algorithmus, ohne Plattformabhängigkeit. Viele Kunden, die ab 2022 Budgets in digitale Kanäle verlagert hatten, sind inzwischen zurückgekehrt. Offenbar hat etwas gefehlt: Sichtbarkeit im Alltag über alle Zielgruppen hinweg.

Wirtschaftsforum: Wie verändert sich das Kundenportfolio dabei?

Mario Geuß: Neben den klassischen Handels- und Lebensmittelketten sehen wir zunehmend kleinere, lokale Betriebe. Neueröffnungen, Handwerksbetriebe, Fitnessstudios oder Dienstleister nutzen Prospektwerbung sehr gezielt, um kurzfristig Aufmerksamkeit in einem klar definierten Einzugsgebiet zu erzeugen. Diese lokale Verankerung ist unsere Stärke.

Wirtschaftsforum: Wie reagieren Haushalte auf diese Form der Werbung?

Mario Geuß: Das ist stark regional geprägt. In ländlichen Regionen liegt der Anteil der Verweigerer oft unter 10%, in größeren Städten kann er bis zu 35% erreichen. Insgesamt ist die Quote aber seit Jahren stabil. Von einem flächendeckenden Rückzug der Haushalte aus der Prospektwerbung kann keine Rede sein.

Wirtschaftsforum: Ein häufiges Gegenargument ist die Nachhaltigkeit. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Mario Geuß: Gedruckt wird überwiegend auf Recyclingpapier, das Teil eines etablierten Wertstoffkreislaufs ist. Digitale Werbung benötigt hingegen dauerhaft Energie – Server, Netze, Endgeräte. Print verursacht einmalig Aufwand, digitale Kommunikation laufend. Diese Differenzierung geht in der öffentlichen Debatte häufig verloren.

Wirtschaftsforum: Kommen wir zum Unternehmen selbst. Wie hat sich Geuß Werbung entwickelt?

Mario Geuß: Das Unternehmen wurde 1987 von meinem Vater gegründet – klassisch als Familienbetrieb. Mit dem Wachstum stiegen die Anforderungen: 2002 entstand ein eigenes Firmengebäude, ab 2004 habe ich operative Verantwortung übernommen. Später folgten Tochtergesellschaften für Zustellung und Konfektionierung, um Prozesse sauber zu trennen und besser zu steuern.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielte der Mindestlohn für diese Struktur?

Mario Geuß: Eine sehr große. Ab 2015 war klar, dass wir Arbeitsprozesse zentralisieren müssen, um Rechtssicherheit und Effizienz zu gewährleisten. Die maschinelle Konfektionierung war eine direkte Folge davon. Sie war zunächst eine defensive Maßnahme, hat sich aber zu einem eigenständigen Geschäftsfeld entwickelt.

Wirtschaftsforum: Wie groß ist Ihr Unternehmen heute?

Mario Geuß: Wir beschäftigen rund 100 Festangestellte sowie etwa 800 Zusteller. Der Gruppenumsatz liegt bei rund 10 Millionen EUR. Das zeigt, wie personal‑ und logistikintensiv dieses Geschäft ist.

Wirtschaftsforum: Was ist aktuell Ihre größte strategische Herausforderung?

Mario Geuß: Nicht der Arbeitskräftemangel, sondern die Kostenentwicklung. Wenn Löhne und Rohstoffe weiter steigen, müssen wir Preise anpassen – und irgendwann wird Werbung für Kunden unwirtschaftlich. Das ist das eigentliche Risiko.

Wirtschaftsforum: Und wo sehen Sie Chancen für die Zukunft?

Mario Geuß: Mit den wöchentlich rund 180.000 Haushalten ist Unsere Reichweite ein strategisches Asset. Entscheidend ist nun die Frage, wie sich diese Reichweite künftig stärker monetarisieren lässt – möglicherweise auch jenseits der klassischen Prospektverteilung. Konkrete Geschäftsmodelle sind noch in der Entwicklung, doch das strategische Potenzial ist eindeutig vorhanden.

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