Je mehr Unternehmen zum Gemeinwohl beitragen, desto leichter sollen sie leben

Interview mit Christian Felber, Autor, Tanzperformer und politischer Aktivist

Wirtschaftsforum: Herr Felber, `Gemeinwohl-Ökonomie´ klingt erst einmal sehr abstrakt. Lässt sie sich mit einfachen Worten erklären?

Christian Felber: Aber sicher: Alle wirtschaftlichen Aktivitäten sind auf das Gemeinwohl ausgerichtet: auf Märkten, im öffentlichen Dienst, in Haushalten und Gemeingütern. Damit das aber kein Appell oder Wunschtraum ist, wird die Gemeinwohl-Wirkung gemessen: mit einer Gemeinwohl-Evaluierung für Investitionen, mit einer Gemeinwohl-Bilanz für Unternehmen und mit dem – `demokratisch komponierten´ – Gemeinwohl-Produkt für Volkswirtschaften.

Je mehr Unternehmen zum Gemeinwohl beitragen, desto leichter sollen sie leben: niedrigere Steuern, günstigere Kredite, Vorrang im öffentlichen Auftrag und in der Wirtschaftsförderung, freieres Handeln – bis die klimafreundlichen Produkte preisgünstiger sind als die klimaschädlichen. Der aktuelle Wettbewerbsvorteil der Kostenexternalisierer wird dadurch in einen Nachteil verwandelt: Endlich lohnen sich ethisches Verhalten und soziale Verantwortung in der Wirtschaft!

Christian Felber
„Die Mainstream-Wirtschaftswissenschaft fördert ein anderes Wertesystem [...] Diese Werte stehen nicht nur mit demokratischen Grundwerten im Konflikt, sie machen Menschen erwiesenermaßen unglücklich und unfrei.“ Christian Felber

Wirtschaftsforum: `Gemeinwohl´ als definierender Aspekt eines Wirtschaftsmodells setzt meines Erachtens ein enorm positives Menschenbild voraus. Würden Sie sich als Philanthrop bezeichnen?

Christian Felber: Im Wortsinn selbstverständlich: Die Menschen sind mir wichtig. Noch lieber bezeichne ich mich als `biophil´: Das Leben ist heilig! Allerdings steckt in Ihrer Frage bereits der furchtbare Befund, dass in der Wirtschaftswelt ein negatives Menschenbild vorherrscht – das ist ein Kollateralschaden der Wirtschaftswissenschaft, die den Homo oeconomicus erfunden hat (übrigens erst 1888). Wissenschaftlich ist er unhaltbar. Die Ökonomik hat ihn nie empirisch verifiziert, und zahllose andere Disziplinen haben ihn in jedem Aspekt widerlegt: Menschen sind von Natur aus empathisch und fühlen mit anderen Menschen. Sie helfen einander spontan, auch wenn sie keinen Nutzen daraus ziehen. Wir haben ein angeborenes Gerechtigkeitsempfinden und reagieren mit Aggression auf Ungerechtigkeit. Und unser Hirn ist auf komplexe Kooperation ausgelegt.

Die Gemeinwohl-Ökonomie nimmt diese empirischen Ergebnisse ernst und fördert bestimmte Werte: von der Menschenwürde über Solidarität und Nachhaltigkeit bis Gerechtigkeit und Demokratie. Die Mainstream-Wirtschaftswissenschaft fördert ein anderes Wertesystem: Eigennutzenmaximierung, Konkurrenz-Orientierung, Materialismus und grenzenloses Wachstum. Diese Werte stehen nicht nur mit demokratischen Grundwerten im Konflikt, sie machen Menschen erwiesenermaßen unglücklich und unfrei.

Wirtschaftsforum: Gemeinwohl-Ökonomie muss nicht zuletzt von Unternehmen umgesetzt werden. Wer zeigt sich dahingehend offener: KMU oder Großkonzern?

Christian Felber: KMU. Die GWÖ wurde von klein- und mittelständischen Unternehmen in Österreich, Bayern und Südtirol initiiert, mittlerweile haben 500 Unternehmen die Gemeinwohl-Bilanz erstellt, aber noch kein Weltkonzern. Wir sind zwar mit einer Reihe von DAX-Konzernen in Kontakt, aber über die Schwelle ist noch keiner gegangen. 

„Konzerne müssen ähnlich verantwortungsvoll werden wie regional verankerte Familienbetriebe – oder sie werden vom freien Markt verschwinden.“ Christian Felber
Christian Felber

Das ist zum einen absurd: Die mächtigsten Konzerne tragen die größte Verantwortung, sie müssten eigentlich die ersten sein, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Dass sie die letzten sind, hängt damit zusammen, dass sie aufgrund ihrer Konstitution nicht gemeinwohl-, sondern profitorientiert sind. Das ist eigentlich verfassungswidrig: `Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl´, sieht die Verfassung Bayerns vor. Im Grundgesetz steht: `Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.´

Da der Gesetzgeber die konkrete Umsetzung bisher verschlafen hat, springen wir mit der Gemeinwohl-Bilanz hier ein. Sie bringt den ethischen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Lohndumpern, Steuervermeidern und Klimasündern. Oder wenn man so will: Konzerne müssen ähnlich verantwortungsvoll werden wie regional verankerte Familienbetriebe – oder sie werden vom freien Markt verschwinden.

Wirtschaftsforum: Sie haben zahlreiche Bücher verfasst, werden aber nicht nur als Autor, sondern auch Aktivist bezeichnet. Ist das Schreiben für Sie eine Form des `Aktiv-Seins´?

Christian Felber: Selbstverständlich, eine ganz wichtige Form der Aktivität, mit guten Texten erreicht man Hunderttausende. Aufgrund meiner Bücher haben schon viele Menschen ihr Leben geändert, den Beruf gewechselt, nachhaltige Unternehmen gegründet oder eigene Projekte gestartet.

Mein Wirkungsmosaik ist aber vielfältig: Ich unterrichte an Hochschulen, koordiniere aktuell ein Forschungsprojekt, halte rund 100 Vorträge im Jahr, und ich tanze täglich. Zuletzt habe ich die Gemeinwohl-Ökonomie in ein 12-minütiges Tanz-Akrobatik-Stück verchoreografiert. Damit habe ich großen Spaß, und die politische Arbeit wird zur Kraftquelle!

Christian Felber
„Das Gemeinwohl und eine Gemeinwohl-Ökonomie sind letztlich keine Parteifrage, sondern müssen in alle Parteien hinein – so wie die Menschenrechte, die Geschlechter-Gleichstellung oder die Verpflichtung zum Frieden.“ Christian Felber

Wirtschaftsforum: Im Zuge der Europa-Wahl gehörten in einigen Ländern `grüne´ Parteien zu den großen Gewinnern. Wie schätzen Sie die wirtschaftspolitischen Auswirkungen daraus ein?

Christian Felber: Nun, dafür, dass wir mehr für den Schutz des Weltklimas und der Artenvielfalt tun, ist es allerhöchste Eisenbahn. Der Schlüssel ist aber das Wirtschaftsmodell. Zuerst wachsen und dann putzen funktioniert nicht. Wir müssen die Wirtschaftsaktivitäten in ihrem Herzen ökologisch und organisch gestalten. Nur noch Biobauern, erneuerbare Energien und Unternehmen mit guter Gemeinwohl-Bilanz erhalten Kredite, öffentliche Aufträge und Zugang zum Weltmarkt. Das wäre ein Systemwechsel.

Zu meiner großen Freude hat der Spitzenkandidat der deutschen Grünen, Sven Giegold, die Gemeinwohl-Ökonomie im EU-Wahlkampf beworben, und seine Fraktion hat soeben im Bundestag den ersten Antrag zur GWÖ eingebracht Die SPD-Oberbürgermeisterin von Flensburg, Simone Lange, möchte die SPD an die Spitze der Diskussion über eine Gemeinwohl-Ökonomie bringen. Und bei den Gemeinwohl-Gemeinden liegen CDU- und CSU-regierte Gemeinden vorne. Das Gemeinwohl und eine Gemeinwohl-Ökonomie sind letztlich keine Parteifrage, sondern müssen in alle Parteien hinein – so wie die Menschenrechte, die Geschlechter-Gleichstellung oder die Verpflichtung zum Frieden.  

Interview: Markus Büssecker | Fotos: Jose Lois Rocca; Robert Gortana

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