Vom Schrott bis zum fertigen Stahlprodukt
Interview mit Clara Stabiumi, Mitglied des Verwaltungsrats der Alfa Acciai S.p.A.

Wirtschaftsforum: Frau Stabiumi, Alfa Acciai blickt auf eine lange Geschichte zurück. Welche Entwicklungsschritte waren für das Unternehmen besonders prägend?
Clara Stabiumi: Alfa Acciai wurde 1954 in Brescia gegründet und gehört heute zu den führenden europäischen Herstellern von Betonstahl und Walzdraht mit einer jährlichen Produktionskapazität von insgesamt 2,5 Millionen t. Ein wichtiger Meilenstein war 1986 die Gründung der Sparte Alfa Derivati, die sich auf die Herstellung von Baustahlmatten und warmgewaltzen kaltgereckten Ringe spezialisiert hat. 1991 wurde die Holding Siderurgica Investimenti gegründet, in der die Beteiligungen der Familien Stabiumi und Lonati zusammengeführt wurden. Im selben Jahr übernahmen wir Ferroberica und stärkten damit
unsere vertikale Integration in der Verarbeitung von Betonstahl. 1998 kam Acciaierie di Sicilia hinzu – das einzige Stahlwerk im Herzen des Mittelmeerraums. Im Jahr 2016 folgte die Übernahme von Tecnofil, einem der führenden Drahtziehbetriebe Europas mit eigener Verzinkungsanlage. Ebenfalls 2016 erwarben wir einen Produktionsstandort in Montirone, der vollständig modernisiert wurde und heute Produktionsaktivitäten von Alfa Derivati und Ferroberica beherbergt
Wirtschaftsforum: Wie ist die Unternehmensgruppe heute aufgestellt?
Clara Stabiumi: Die Gruppe beschäftigt rund 1.200 Mitarbeitende und erzielt einen Jahresumsatz von über 1 Milliarde EUR. In Brescia gehören wir zu den bedeutendsten Unternehmen der Region, die traditionell stark von der Stahlindustrie geprägt ist. Auch auf Sizilien sind wir ein führender Industriebetrieb. Besonders stolz sind wir darauf, einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Süditaliens zu leisten.
Wirtschaftsforum: Was umfasst Ihr Produkt- und Leistungsspektrum genau?
Clara Stabiumi: Wir decken die gesamte Wertschöpfungskette des Stahls ab – vom Schrott bis zum fertigen Produkt. Wir produzieren Betonstahl in Stäben und Ringen, Baustahlmatten sowie Walzdraht. Der Walzdraht wird bei Tecnofil zu gezogenem und verzinktem Draht weiterverarbeitet. Ferroberica bietet Lösungen für das Zuschneiden, Biegen und Vormontieren von Betonstahl für Bauunternehmen an, beispielsweise für Straßen-, Schienen- und Hafeninfrastruktur sowie für öffentliche, industrielle und private Bauprojekte. In diesem Bereich zählt Ferroberica zu den größten Unternehmen Europas. Unsere Kunden sind überwiegend im B2B-Bereich tätig: Bauunternehmen, Biegebetriebe, Drahtziehereien, Händler, internationale Vertriebspartner und weitere industrielle Abnehmer. Besonders stark sind wir im Bauwesen, doch der von Tecnofil produzierte Draht findet auch Anwendung in der Landwirtschaft, im Maschinenbau und in der Hausgeräteindustrie.
Wirtschaftsforum: Nachhaltigkeit ist in der Stahlindustrie ein zentrales Thema. Wie gehen Sie damit um?
Clara Stabiumi: Für uns ist Nachhaltigkeit kein separates Thema, sondern ein integraler Bestandteil unseres Geschäftsmodells. Die Stahlproduktion im Elektrolichtbogenofen, wie sie in unseren Werken in Brescia und Catania erfolgt, ist bereits ein Beispiel für gelebte Kreislaufwirtschaft: Schrott ist unser wichtigster Rohstoff, und Stahl kann unbegrenzt recycelt werden. Darüber hinaus verfolgen wir eine konsequente „Zero-Waste“-Philosophie. Die anfallende schwarze Schlacke wird vollständig aufbereitet und als Nebenprodukt im Straßen- und Bauwesen wiederverwendet. Die Prozesswärme speisen wir über Alfa Heat Recovery in das Fernwärmenetz der Stadt Brescia ein – genug, um während einer Heizperiode rund 5.000 Haushalte zu versorgen. Ebenso wichtig sind für uns ein verantwortungsvoller Umgang mit Wasser, Energieeffizienz, die Reduzierung von Emissionen sowie Transparenz im Bereich ESG.
Wirtschaftsforum: Welche Herausforderungen beschäftigen derzeit die Stahlindustrie?
Clara Stabiumi: Es handelt sich um eine dauerhafte Herausforderung. Sowohl in Italien als auch weltweit bestehen seit Jahren Überkapazitäten in der Stahlproduktion. Gleichzeitig haben die geopolitischen Spannungen der vergangenen Jahre das Marktumfeld zusätzlich erschwert. Für ein energieintensives Unternehmen wie unseres ist die starke Volatilität der Energiepreise ein entscheidender Faktor – zumal die Energiekosten in Italien im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähig sind. Hinzu kommt die zunehmende Schwierigkeit, ausreichend Stahlschrott zu beschaffen. Für uns ist Schrott der wichtigste Rohstoff, und auf europäischer Ebene wird er inzwischen als knappe Ressource betrachtet.
Wirtschaftsforum: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Unternehmens und der Branche?
Clara Stabiumi: Unsere strategischen Schwerpunkte liegen auf industrieller Wettbewerbsfähigkeit, der Dekarbonisierung unserer Produktionsprozesse, Energieeffizienz und Digitalisierung. Gleichzeitig stehen die Menschen weiterhin im Mittelpunkt. Wir investieren kontinuierlich in Aus- und Weiterbildung und haben die Zertifizierung für Geschlechtergleichstellung erhalten – ein wichtiger Meilenstein in einer traditionell männerdominierten Branche. Für die Stahlindustrie wünsche ich mir eine stärkere Anerkennung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Stahl bildet die Grundlage zahlreicher Wertschöpfungsketten. Technologische Innovation, Nachhaltigkeit und die Förderung der Menschen müssen Hand in Hand voranschreiten.












