Wenn offene Rechnungen in die Pleite führen

Dramatisch schlechte Zahlungsmoral in Europa

Betrachtet man allein das Zahlungsrisiko, wird deutlich, wie gespalten Europa momentan ist – zumindest wirtschaftlich. Das geht aus dem European Payment Index 2013 hervor, für den der schwedische Inkasso-Dienstleister Intrum Justitia fast 10.000 Unternehmen in 31 Ländern (27 EU-Länder sowie Norwegen, Russland, die Schweiz und Türkei) befragt hat. In weit mehr als der Hälfte aller untersuchen Länder besteht ein erhöhtes Zahlungsrisiko, ein Drittel gilt aufgrund des Risikoprofils sogar als Notfall.

Die Unfähigkeit unter europäischen Unternehmen, Behörden und Verbrauchern ihre Rechnungen pünktlich zu begleichen, führte zu einem Anstieg von durchschnittlich 2,8% auf 3% des Anteils aller ausstehenden Forderungen, die als uneinbringlich abgeschrieben werden müssen. In den von der Umfrage erfassten Ländern entspricht dies einer Zunahme um 7% auf insgesamt 350 Milliarden Euro. Der Blick auf einzelne Länder zeigt, dass die Situation in Griechenland (9,9%), Bulgarien (7%), Rumänien (6,1%) und Slowenien (5,7%) am schlimmsten ist.

Größtes Zahlungsrisiko in Griechenland

Insgesamt gesehen sind Firmen in südlichen EU-Ländern tendenziell deutlich gefährdeter, auf offenen Rechnungen sitzenzubleiben, als nördliche. Zum Vergleich: In Griechenland erreichte der Risikoindex mit 195 von 200 möglichen Punkten einen Extremwert, während Finnland mit 125 Punkten das niedrigste Risiko aufweist. Ein Drittel der 31 untersuchten Länder verzeichnet einen Rückgang oder keine Veränderung der Forderungsausfälle – darunter die nordeuropäischen Länder, Frankreich, aber überraschenderweise auch Spanien.

In Deutschland ist die Situation vergleichsweise entspannt aber alles andere als gut, so Intrum Justitia. Knapp ein Drittel erwartet in diesem Jahr mehr Probleme durch nicht beglichene Forderungen. Im Vorjahr waren es noch 21%. Grund: Firmen geben ihren Kunden immer weniger Zeit, um Rechnungen zu bezahlen. Die Angst vieler Unternehmer vor einer Insolvenz als Folge einer schlechten Zahlungsmoral ist groß.

EU-Richtlinie zur Verkürzung der Zahlungsfristen in Südeuropa

„Wenn diese Abwärtsspirale in Europa anhält, werden wir uns bald in einer Situation befinden, in der die Unternehmen kein Wachstum erzielen können, die Innovationstätigkeit behindert wird und das wirtschaftliche Überleben der Unternehmen auf dem Spiel steht“, sagt Thomas Hutter, Geschäftsführer von Intrum Justitia Schweiz. Er fordert Unternehmen und Regierungen auf, ihr Möglichstes zu tun, um die Entwicklung umzukehren.

Brüssel hat bereits reagiert: Nach einer seit Mitte März geltenden EU-Richtlinie müssen Behörden ihre Rechnungen innerhalb von 30 Tagen begleichen, Unternehmen innerhalb von 60 Tagen. Ziel ist die Verbesserung der Zahlungsmoral in den südeuropäischen Ländern und die Verkürzung der Zahlungsfristen, um die Wirtschaften anzukurbeln.

Deutscher Mittelstand gegen neues Gesetz

In Deutschland läuft der Mittelstand gegen eine geplante Umsetzung der Richtlinie in deutsches Recht Sturm. Rund 30 Wirtschaftsverbände forderten in einem Positionspapier die Bundestagsabgeordneten auf, den Gesetzentwurf nicht zu verabschieden, sondern an entscheidenden Stellen nachzubessern. Hauptkritikpunkt ist ein Gummiparagraph, der es ermöglichen soll, Rechnungen erheblich später als bislang zu begleichen.

So soll es wichtigen Auftraggebern erlaubt werden, eine reguläre Zahlungsfrist von 30 Tagen nach eigenen Vorstellungen auszudehnen, sofern es Auftragnehmer nicht „grob benachteiligt“. Das derzeit noch geltende Recht ist deutlich strenger: Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2009 gehört eine Bezahlung binnen 30 Tagen zum gesetzlichen Leitbild in Deutschland. „Das geplante Gesetz droht, unfaire Vertragsbedingungen zu fördern und die Liquidität nicht nur kleiner und mittelständischer Unternehmen erheblich zu beeinträchtigen“, heißt es in einer Stellungnahme der Verbände.

Aktuellste news

Synergien im B2B-Sektor: Wie der industrielle Mittelstand durch integrierte Kommunikationsstrategien wächst

Synergien im B2B-Sektor: Wie der industrielle Mittelstand durch integrierte Kommunikationsstrategien wächst

Geschäftsführer und Marketingleitungen im industriellen Mittelstand stehen im Jahr 2026 vor einer klaren Aufgabe: Komplexe Investitionsgüter erfordern Vertriebsprozesse, die extrem präzise durch aufeinander abgestimmte Berührungspunkte unterstützt werden. Isolierte Einzelmaßnahmen reichen…

Bestes Girokonto 2026? Filialbanken im Vergleich – Sparkassen besonders stark bei Filialnähe

Stand: September 2026

Bestes Girokonto 2026? Filialbanken im Vergleich – Sparkassen besonders stark bei Filialnähe

Wer ein Girokonto mit Filiale sucht, sollte nicht nur auf die Kontoführungsgebühr achten. Ebenso wichtig sind die Entfernung zur nächsten Filiale, die Bargeldversorgung, persönliche Beratung, digitale Services und die regionalen…

Unternehmensberatung für den Mittelstand: Keine Beratung nach Schema F

Unternehmensberatung für den Mittelstand: Keine Beratung nach Schema F

TO-Consulting unterstützt mittelständische Unternehmen bei Unternehmensentwicklung, Business Development, Transformation und Digitalisierung. Im Mittelpunkt stehen individuelle Lösungen, praxisnahe Umsetzung und ein starkes Netzwerk.…

Aktuellste Interviews

Handwerk, Präzision und Exklusivität

Interview mit Benjamin Bäker, Geschäftsführer der Oldenburger Interior GmbH & Co. KG

Handwerk, Präzision und Exklusivität

Zwischen Tradition und Zukunft hat sich die Oldenburger Interior GmbH & Co. KG aus Dinklage eine besondere Position erarbeitet: Das Unternehmen steht für maßgeschneiderte Innenausbauten, höchste Präzision und Projekte, die…

Ideen begreifbar machen

Interview mit Sebastian Jung, Geschäftsführer der Schröter Modell- und Formenbau GmbH

Ideen begreifbar machen

Ob Design, Ergonomie oder Funktion: Bevor ein Produkt in Serie geht, muss sich zeigen, ob eine Idee in der Realität funktioniert. Genau hier setzt die Schröter Modell- und Formenbau GmbH…

Vom Kinderzimmer zur Schmuckmarke

Interview mit Jamil Masoud, Geschäftsführer der DIAMOND MODE GmbH

Vom Kinderzimmer zur Schmuckmarke

Was 2017 als Familienprojekt aus dem Kinderzimmer begann, ist heute eine etablierte Schmuckmarke mit eigenem Store, Piercing-Studio und internationalem Geschäft. Die DIAMOND MODE GmbH aus Wuppertal verbindet langlebige Materialien und…

TOP