Kann die Verkehrswende im ÖPNV gelingen?

Interview mit Wolfgang Riedlinger, Geschäftsführer der Busverkehr Südbayern GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Riedlinger, die Corona-Pandemie hat nahezu alle Branchen auf den Kopf gestellt. Welchen Herausforderungen sind Sie als ÖPNV-Anbieter im Großraum München begegnet?

Wolfgang Riedlinger: Durch unsere starke Fokussierung auf den öffentlichen Personennahverkehr konnten wir trotz aller Verwerfungen glücklicherweise mit einer gewissen Planbarkeit agieren. Kollegen aus unserer Branche, die sich vornehmlich im Gelegenheits- und Reiseverkehr engagieren – Transportsektoren, die in Lockdown-Zeiten nahezu vollständig zum Erliegen kamen – hatten bisweilen natürlich mit existentielleren Sorgen zu kämpfen. Aber auch unser Unternehmen, bei dem Tätigkeitsfelder wie Sonderfahrten und Gelegenheitsverkehr eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen, war den turbulenten Verschiebungen des Gesamtsystems ausgeliefert. Ohne staatliche Subventionen wäre es für die Busverkehr Südbayern GmbH noch viel schwieriger geworden.

Wirtschaftsforum: Welche Veränderungen hat die erste Welle für Ihre Fahrer bedeutet?

Wolfgang Riedlinger: Der Schutz unserer Fahrer war auch in der Führungsebene unseres Unternehmens das zentrale Thema in den ersten Tagen und Wochen der Pandemie. Eine der ersten Maßnahmen bestand in der Montage von durchsichtigen Trennscheiben, um die Fahrer so gut wie möglich vor dem Virus zu schützen. Hierfür konnten wir zwar entsprechende Fördergelder abrufen, standen jedoch bei Themen wie der Zulassungsfähigkeit – Stichwort: TÜV – vor völlig neuen administrativen Fragen. Natürlich war auch ein großer Teil unseres Fahrerpersonals von der neuen Situation verunsichert, was sich etwas legte, nachdem das Fahrgastaufkommen in den ersten Wochen der Pandemie völlig einbrach. Später, im Zuge der Maskenpflicht und der entsprechenden 3G-Regelungen, kam es bisweilen auch zu mitunter leidigen Diskussionen mit Menschen, die die Schutzmaßnahmen ablehnten, und leider auch zu einem tätlichen Übergriff auf einen unserer Fahrer.

Wirtschaftsforum: Was das Tätigkeitsfeld nicht gerade attraktiver macht.

Wolfgang Riedlinger: Mit dieser Grundproblematik haben wir natürlich schon lange zu kämpfen – denn der Beruf des Kraftfahrers im ÖPNV ist mit hohen Zugangshürden behaftet und gleichzeitig eine sehr herausfordernde Tätigkeit. Der Erwerb eines Busführerscheins kostet in Deutschland heute ca. 12.000 Euro – eine Summe, die verständlicherweise kaum jemand schultern möchte. In Ländern wie Ungarn und Rumänien, aber auch in Österreich fällt dagegen nur ein Bruchteil der Kosten an. Für die anschließende berufliche Tätigkeit ist dann nicht nur fahrerisches Können, sondern auch ein hohes Verantwortungsgefühl erforderlich, was sich in der Vergütung der Fahrer oft nicht widerspiegelt. Sie mögen jetzt entgegen: „Na, dann bezahlen Sie ihnen halt mehr!“ Das würden wir auch gern. Doch auch unser Unternehmen bewegt sich in einem harten Ausschreibungswettbewerb, der bei den Löhnen keine allzu großen Spielräume zulässt.

Wirtschaftsforum: Was tun Sie, um trotz dieser Hindernisse wichtige Veränderungen auf diesem Gebiet anzustoßen?

Wolfgang Riedlinger: Ich engagiere mich im Vorstand eines Verbandes aus Verkehrsunternehmen, die ihre Dienstleistungen im MVV erbringen, und trete zudem im Verbundrat auf. In dieser Eigenschaft konnte ich Gespräche mit wichtigen Entscheidungsträgern von unseren Partnern wie der Deutschen Bahn und dem Freistaat Bayern führen. Mittlerweile ist auch ein klar gestiegenes Interesse seitens der Politiker an der genauen Ausgestaltung des öffentlichen Nahverkehrs zu verzeichnen – hier kann man ansetzen, um für bessere Bedingungen zu kämpfen, gerade für mittelständische Verkehrsunternehmer, von denen oft zentrale Innovationen ausgehen.

Wirtschaftsforum: Diese Innovationskraft wird für den Wandel in der Mobilität auch dringend vonnöten sein.

Wolfgang Riedlinger: Unternehmertun heißt, etwas zu unternehmen – Ideen zu haben, mit denen man auch in schwierigen Situationen zurechtkommt. Das haben die Busverkehr Südbayern GmbH und ihre Vorgängerunternehmen seit gut 100 Jahren mehrfach unter Beweis gestellt. Doch zur Umsetzung dieser Ideen brauchen wir in erster Linie Menschen, die sich hinter das Steuer setzen. Hierzu benötigen wir die entsprechende politische Unterstützung, um diesen Beruf so attraktiv zu machen, wie er es verdient. Dazu gehören auch Maßnahmen, die das Alltagsleben der Menschen in diesen Berufen signifikant verbessern können: etwa bezahlbarer Wohnraum, der im Ballungsraum München extrem rar gesät ist.

Wirtschaftsforum: Auch beim Thema Verkehrswende spielen Unternehmen wie die Busverkehr Südbayern GmbH eine zentrale Rolle.

Wolfgang Riedlinger: Im Zuge der Verkehrswende werden auf uns alle enorme Kosten zukommen. Eine Umstellung unserer Fahrzeugflotte auf gänzlich strombetriebene Busse würde mit etwa doppelt so hohen Anschaffungskosten einhergehen, sowie selbstverständlich auch mit entsprechenden Eingriffen in die Verkehrsinfrastruktur – ohne flankierende Maßnahmen der Politik, die ich auch hier langfristig erwarte, wird das nicht zu leisten sein, schlicht weil diese Größenordnungen privatwirtschaftlich nicht mehr beeinflussbar sind. Dennoch vertraue ich auch weiterhin auf die Resilienz und Innovationskraft unseres Unternehmens, das in über 100 Jahren viele Veränderungen bewältigt hat. Die Ära von Pandemie und Verkehrswende bedeutet zwei spannende neue Kapitel mit ihren ganz eigenen Herausforderungen.

Busverkehr Südbayern GmbH
Einsteinstraße 2
85757 Karlsfeld
Deutschland
+49 8131 2970710
bsb@busverkehr-suedbayern.de
www.busverkehr-suedbayern.de

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