Digitale Souveränität als Standard
Interview mit Matthias Damerow, Geschäftsführer der Viakom GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Damerow, 15 Jahre Telekommunikation, dann raus aus dem Angestelltenverhältnis. Warum haben Sie Ihr eigenes Unternehmen gegründet?
Matthias Damerow: Ich habe bei Arcor und Versatel erlebt, wie dynamisch die Telekommunikationsbranche nach der Liberalisierung war. Aber ich war immer der Typ, der nicht nur mitmachen, sondern gestalten wollte. Als wir Versatel an 1&1 verkauft haben, war für mich klar: Jetzt ist der Moment, selbst durchzustarten. 2015 gründete ich Viakom mit dem Ziel, Unternehmen echte digitale Unabhängigkeit zu ermöglichen, nicht nur Beratung, sondern konkrete Lösungen.
Wirtschaftsforum: Bitte erzählen Sie uns etwas mehr über die Phase der Firmengründung.
Matthias Damerow: Wir sind mit vier Mitarbeitenden gestartet. Das erforderliche Kapital habe ich quasi die Jahre zuvor beiseitegelegt. Ab 2016 haben wir uns auf die Beratung mittelständischer und sozialwirtschaftlich orientierter Unternehmen mit dem Fokus auf das Thema Netzbetreiber konzentriert.
Wirtschaftsforum: Und wie ging es dann weiter?
Matthias Damerow: 2016 sind wir zum Managed Service Provider geworden, haben unsere eigenen Produkte entwickelt. Wir haben in Hardware investiert sowie unseren Kunden erste Public- und Private Cloud-Dienste zur Verfügung gestellt. Digitale Souveränität war uns schon immer wichtig. Das Thema hat dann so richtig Fahrt aufgenommen, als uns Microsoft über Nacht die Preise erhöht hat.
Wirtschaftsforum: Das war der Weckruf?
Matthias Damerow: Absolut. Wir wollten zu einem anderen Anbieter wechseln, aber schnell wurde klar: Unsere Daten konnten wir mitnehmen, aber alle Einstellungen, Metadaten, die ganze Konfiguration – das blieb bei Microsoft hängen. Das war der Moment, in dem ich sagte: So etwas darf uns nie wieder passieren. Seit 2016 setzen wir konsequent auf Open-Source und digitale Souveränität. Wir haben sogar unser eigenes Rechenzentrum betrieben, bis wir 2024 komplett zu IONOS, OVHcloud und STACKIT migriert sind – alles europäische Anbieter, die echte digitale Souveränität garantieren.
Wirtschaftsforum: Cloud Desk klingt nach einem App-Store für Unternehmen. Was macht ihn besonders?
Matthias Damerow: Cloud Desk ist tatsächlich ein Marketplace für digitale souveräne Anwendungen, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Wir kuratieren nicht nur die Software, wir betreiben sie auch sicher und machen sie interoperabel. Ob Nextcloud für Dateien, Open Project für Projektmanagement oder unsere eigenen Tools wie das ERP-System 2Work oder die Cloud-Telefonanlage OSKAR, alles läuft auf unserer Plattform. Der Kunde kann modular starten: Erst ein Tool, dann ein weiteres, bis am Ende ein kompletter, digital souveräner Arbeitsplatz entsteht. Und das Beste: Theoretisch kann der Kunde alles mitnehmen: Daten, Einstellungen, sogar den Quellcode.
Wirtschaftsforum: Open-Source ist oft kostenlos. Wie verdienen Sie damit Geld?
Matthias Damerow: Wir sind Reseller, Betreiber und Integrator in einem. Die Software selbst mag oft kostenlos sein, aber wir machen sie für Unternehmen nutzbar. Wir hosten sie in sicheren, europäischen Rechenzentren, integrieren sie in bestehende Systeme und wir administrieren sie rund um die Uhr. Dafür zahlen unsere Kunden monatliche Gebühren. Bei unserer eigenen Software wie OSKAR oder 2Work verdienen wir direkt über Lizenzen. Und wer noch mehr Service will, bekommt bei uns auch Managed Services, also die vollständige Betreuung seiner Cloud-Lösungen.
Wirtschaftsforum: Public Sector, Sozialwirtschaft, Mittelstand: Wer ist am schnellsten bereit für digitale Souveränität?
Matthias Damerow: Public Sector und Sozialwirtschaft sind hier wirklich Vorreiter. Bei Behörden und Organisationen wie Caritas, DRK oder den Kirchen gibt es oft eine starke ideologische Motivation: Sie wollen nicht von US-Konzernen abhängig sein. Das Problem ist nur, dass dort oft das Budget fehlt. Beim Mittelstand ist es anders: Da geht es oft um Kosten und Aufwand. Aber seit Trump Microsoft-Konten von Richtern des Internationalen Gerichtshofs hat sperren lassen, wird auch dort die Abhängigkeit plötzlich sehr greifbar. Plötzlich fragen sich alle: Was passiert, wenn uns morgen der Zugang zu unseren eigenen Daten verweigert wird?
Wirtschaftsforum: Seit Kurzem gehört Viakom mehrheitlich zur Possehl-Gruppe. Was gab den Ausschlag für diese Entscheidung?
Matthias Damerow: Weil sie uns genau das bietet, was wir brauchen: Freiraum und Firepower. Die Possehl-Gruppe hat verstanden, dass wir unsere Strategie weiterverfolgen müssen – und sie lassen uns das auch tun. 77% der Anteile gehören jetzt ihnen, aber mein CTO Benjamin Kolbe und ich halten uns mit 23% zurückbeteiligt. Ich bleibe CEO und wir können weiter organisch und anorganisch wachsen. Die Possehl-Gruppe ist mit 240 Beteiligungen im industriellen Mittelstand perfekt vernetzt – das sind ideale Türöffner für uns. Und ein weiterer Punkt: Hinter Possehl steht eine Stiftung. Ein Teil unserer Gewinne fließt in gemeinnützige Projekte. Das passt zu unserer Philosophie.
Wirtschaftsforum: Welches sind Ihre Ziele für die kommenden Jahre?
Matthias Damerow: Dass digitale Souveränität kein Nischenthema mehr ist, sondern Standard. Dass jeder, ob Mittelständler, Behörde oder Sozialorganisation, die echte Wahl hat: US-Hyperscaler oder europäische, digitale souveräne Lösungen. Ohne Lock-in-Effekte, ohne Abhängigkeiten. Wir wollen der führende Anbieter für Cloud-Managed-Services in Europa sein, der diese Vision vorantreibt. Mein Traum: Dass wir in fünf Jahren nicht mehr über digitale Souveränität reden müssen, weil sie einfach selbstverständlich ist. Dass Open-Source-Lösungen kommerziell attraktiv, sicher und für jeden zugänglich sind, unabhängig von der Größe des Unternehmens oder der Branche. Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, ist herzlich zur FutureTec eingeladen, unserer Fachmesse rund um digitale Souveränität und Cloud-Managed-Services, die am 8. Oktober 2026 im Volksparkstadion Hamburg stattfindet.








