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Wie man sich ohne Risiko auf dem Arbeitsmarkt bewegt

Interview mit Kaarel Holm, CEO und Gründer von MeetFrank

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Wirtschaftsforum: MeetFrank erlaubt es Jobsuchenden, anonym zu bleiben, während sie sich nach einer neuen Beschäftigung umschauen. Warum kann das Ihrer Meinung nach am Anfang des Bewerbungsprozesses ein Vorteil sein?

Kaarel Holm: MeetFranks Ziel ist es, eine stressfreie und sichere Umgebung aufzubauen, damit jeder auf dem Stellenmarkt nach seinen eigenen Vorstellungen aktiv werden kann. Wir ermöglichen es unseren Nutzern, sich selbst bei ausgeschriebenen Stellenanzeigen ins Spiel zu bringen. Das heißt aber nicht automatisch, dass sie gerade aktiv einen neuen Job suchen. Wir geben ihre Identität nicht preis; sie bleiben anonym, sodass sie nicht als Arbeitssuchende gekennzeichnet werden können. Somit verhindern wir ungewollte Aufmerksamkeit und erlauben es den Nutzern, so offen wie möglich mit ihren Berufswünschen umzugehen.

Vor einiger Zeit arbeitete ich für ein großes, börsengehandeltes Unternehmen und wurde gekündigt, weil ich mir Gedanken machte, ob ich dort nach Abschluss einer zweijährigen Entwicklungphase bleiben wollte oder nicht. Ich traf mich mit anderen Firmen, um zu sehen, welche sonstigen beruflichen Wege für mich offen waren – und als mein Arbeitgeber das herausfand, wurde ich gekündigt. Diese Erfahrung hat mich zum Nachdenken gebracht: Wie können wir ein stressfreies Umfeld generieren, sodass man sich ohne jedwedes Risiko auf dem Arbeitsmarkt bewegen kann?

Wirtschaftsforum: Wie funktioniert der Prozess, eine neue Stelle – oder einen neuen Mitarbeiter – mithilfe Ihres Angebots zu finden?

Kaarel Holm: Als Arbeitnehmer: Nachdem Sie die App heruntergeladen haben, durchlaufen Sie den Anmeldeprozess, der etwa drei Minuten dauert. Während dieses Prozesses versuchen wir herauszufinden, welche Aufgaben Sie bei Ihrer aktuellen Beschäftigung erfüllen: Welche sind die Tätigkeiten, die Sie für mindestens zehn Stunden in der Woche ausüben? Aber wir müssen ebenfalls wissen, was Ihre Berufswünsche und Motivationsgründe sind: Was würden Sie in Ihrer Karriere gern als Nächstes machen?

Danach erhalten Sie Angebote und Optionen von Unternehmen. Frank, die Figur in der App, wird zwischen beiden Seiten vermitteln. Es liegt an Ihnen als Arbeitsuchendem, zu entscheiden, ob Sie interagieren wollen oder nicht. Niemand kann Sie direkt kontaktieren. Sie sind absolut unsichtbar und der Algorithmus, für den Frank steht, zeigt Ihnen die Angebote an.

Für den Arbeitgeber ist der Prozess praktisch spiegelverkehrt zu dem unserer Nutzer. Sie nennen dem Algorithmus, nach welche Kenntnissen und Fähigkeiten Sie aktuell suchen, wobei es eine direkte Rückmeldung darüber gibt, wie viele Personen mit den genannten Fähigkeiten wir kennen und wie man das Angebot so interessant und motivierend wie möglich gestalten kann. Dann wird Frank die Angebote übermitteln und Jobsuchenden erlauben, Kontakt mit der Firma aufzunehmen.

Kaarel Holm
„Der Wettbewerb um Talente wird immer härter. Es wird noch schwieriger für Firmen, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. In jedem europäischen Land gibt es mehr Stellenangebote als Fachkräfte.“ Kaarel Holm

Wirtschaftsforum: Wie haben Sie große Konzerne – unter anderem Daimler, Accenture und Eon, davon überzeugt, den anonymen Bewerbungsprozess durch Sie als Dienstleister anzunehmen?

Kaarel Holm: Konventionelle Methoden wie Kleinanzeigen erreichen nur Menschen, die aktiv einen Job suchen. Letztere machen aber nur magere 15 bis 20% der verfügbaren Arbeitskräfte aus, während die große Mehrheit – passive Arbeitssuchende – komplett außenvor gelassen werden. MeetFrank hilft Unternehmen wie Daimler und Eon dabei, sich mit einem passiven Talentpool zu verknüpfen und dadurch steigert sich die Erfolgsquote beachtlich.

Gleichzeitig wird der Wettbewerb um Talente immer härter. Es wird noch schwieriger für Firmen, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. In jedem europäischen Land gibt es mehr Stelleangebote als Fachkräfte. Dementsprechend sind die Unternehmen mehr als glücklich darüber, neue Lösungen auszuprobieren, mit denen sie talentierte Menschen erreichen können.

Wirtschaftsforum: Wenn der Kampf um qualifizierte Mitarbeiter solche Ausmaße annimmt – macht das die Zeit, in der wir heute leben, zu einem Paradies für Arbeitnehmer?

Kareel Holm: Definitiv. Wir leben in einer Phase der Transformation. Die Bedürfnisse der Unternehmen haben sich bereits radikal geändert, aber die Gesellschaft vollzieht immer noch eine Transformation. Wenn Sie zu der Gruppe gehören, die sich früh daran anpasst und das Tempo des Arbeitsumfelds mitgeht, dann ist das für Sie ein Paradies und es gibt viele Möglichkeiten zur Auswahl. Sie können die Konditionen eines Vertrags festlegen. Sie sind in der stärkeren Position.

„Wenn Sie zu der Gruppe gehören, die sich früh daran anpasst und das Tempo des Arbeitsumfelds mitgeht, dann ist das für Sie ein Paradies und es gibt viele Möglichkeiten zur Auswahl. Sie können die Konditionen eines Vertrags festlegen. Sie sind in der stärkeren Position.“ Kareel Holm
Kaarel Holm

Wirtschaftsforum: Nach Finnland und dem Baltikum ist MeetFrank in den bisher größten Markt eingestiegen: Deutschland. Waren die deutschen Nutzer, Unternehmen wie potenzielle Jobsuchende, genauso offen dafür wie die Esten?

Kareel Holm: Der deutsche Markt gehörte bisher zu den einfachsten, in die wir gegangen sind. Deutsche Firmen und Nutzer schätzen die Kernprinzipien von Anonymität und Diversität, was es uns erlaubt hat, schnell eine Kundenbasis in der Region aufzubauen.

Unter einem Aspekt ist ein großer Markt wie Deutschland für ein Unternehmen wie das unsere einfacher zu erschließen als ein kleiner Markt wie das Baltikum. Der Grund ist, dass wir eine gewisse Anzahl an Kandidaten haben müssen, denen wir die ausgeschriebene Stelle anbieten können, um einen Bewerbungsprozess erfolgreich durchführen zu können. Wenn jemand zum Beispiel nach einem Designer sucht, wäre der ideale Kandidatenpool mit 200 Personen besetzt. Je größer das Land ist, desto niedriger ist die Marktpenetration, die erreicht werden muss, damit wir erfolgreich sind. In Estland benötigten wir eine Marktdurchdringung von etwa 25%, wohingegen in Deutschland schon weniger als 1% relativ viel ist.

Kaarel Holm
„Als ich ein Kind war, gab es wortwörtlich nichts, keine Unternehmen und all das, was dazugehört. In den Folgejahren gab es Veränderungen in jedem Bereich.“ Kareel Holm

Wirtschaftsforum: Estland macht immer wieder mit seiner einzigartigen Start-up-Kultur und disruptiven Geschäftsmodellen Schlagzeilen. Warum hat die Wirtschaft Estlands Ihrer Meinung nach eine Führungsrolle bei Digitalisierung und Disruption übernommen?

Kareel Holm: Estland hatte schon früh sehr viel Erfolg mit Start-ups gehabt. Ein Name ist besonders bekannt: Skype. Da Estland ein relativ kleines Land ist, werden solche Erfolgsgeschichten schnell eine Quelle für den Stolz auf die eigene Heimat und das spornt andere junge Unternehmer an, ihre Geschäftsmodelle umzusetzen. In Deutschland hat ein einzelnes Start-up große Schwierigkeiten, öffentliches Interesse zu erzeugen, weil der Markt so groß ist. Aber in Estland weiß jeder direkt Bescheid und ist begeistert.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der proaktive Ansatz der Regierung gegenüber Start-ups und die Art, wie sie innovative Lösungen fördert. Das ist mittlerweile Norm für unsere Bürger geworden. In Estland kann man alles mit dem Smartphone regeln, sei es Wählen oder die Steuer ausfüllen.

Junge Unternehmer in Osteuropa teilen ebenfalls eine Geschichte, die ungemein wichtig für ihre Motivation, Ambition und ihren Optimismus ist. Unsere Generation hat unsere Länder sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs entwickeln sehen. Ich bin 1990 geboren und habe das aus erster Hand erlebt: Als ich ein Kind war, gab es wortwörtlich nichts, keine Unternehmen und all das, was dazugehört. In den Folgejahren gab es Veränderungen in jedem Bereich. In diesem Umfeld sind wir groß geworden und wir waren Zeuge, wie das Land von ganz unten aufgebaut wurde, nachdem wir von der Sowjetischen Besatzung befreit waren.

Interview: Julian Miller / Fotos: MeetFrank

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