Der Roboter für den OP-Saal
Interview mit Greg Roche, CEO der Distalmotion SA

Wirtschaftsforum: Herr Roche, Distalmotion will mit seinen chirurgischen Robotern breiten Patientengruppen einen möglichst einfachen Zugang zu minimalinvasiven Eingriffen eröffnen. Welche Hindernisse galt es dabei zu überwinden?
Greg Roche: Ich engagiere mich schon seit über zehn Jahren im Umfeld der hochinnovativen Medizintechnik, fast drei davon nun bei Distalmotion. Eine wichtige Lektion, die ich in dieser Zeit gelernt habe, lautet: Eine bloße Alternative ist noch keine sinnvolle Unternehmensstrategie. Das war auch dem Team von Distalmotion von Anfang an bewusst, als es vor etwa einem Jahrzehnt damit begann, Lösungen für mehrere bis dahin ungelöste Probleme zu finden. Denn chirurgische Roboter galten damals vielfach als zu groß, zu unhandlich, zu unbeweglich, zu unflexibel im Operationsfeld. Die Schulung der Chirurgen und des Assistenzpersonals war aufwendig, und oftmals waren noch dazu umfassende bauliche Veränderungen an den Operationssälen nötig, um den jeweiligen Roboter dort überhaupt sinnvoll unterbringen zu können.
Wirtschaftsforum: Mit Dexter ist es Ihnen gelungen, einen anderen Weg einzuschlagen.
Greg Roche: Eines unserer obersten Ziele bestand von Anfang an darin, den anfallenden Schulungsaufwand für das medizinische Personal so niedrig wie möglich zu halten. Die Chirurgen, Anästhesisten und OP-Pfleger sollten ihre bestehenden Workflows so weit wie möglich beibehalten können – schließlich hängt der Erfolg des Eingriffs maßgeblich von ihrem Können und ihrer Zusammenarbeit als eingespieltes Team ab. Von Beginn an stellten wir damit nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in klinischer Hinsicht auf ein Höchstmaß an Effizienz ab. Dazu gehört auch ein möglichst einfaches Handling – nicht nur bei der Durchführung der chirurgischen Eingriffe, sondern auch bei der Erstinstallation. In den Aufzügen in einem medizinischen Versorgungszentrum in Bern, wo Dexter inzwischen erfolgreich eingesetzt wird, können beispielsweise nur vier Personen gleichzeitig transportiert werden. Für einen Roboter bleibt da beim besten Willen kein Platz. Dexter musste deshalb die Treppen hochgetragen werden, geschlagene vier Stockwerke. Auch das war problemlos möglich.
Wirtschaftsforum: In ganz Europa ächzt die Gesundheitsversorgung seit Jahren unter einem eklatanten Fachkräftemangel. Kann Dexter hier ein Teil der Lösung sein?
Greg Roche: Wenn man den Chirurgen die richtigen Werkzeuge an die Hand gibt, können sie für ihre Patienten erstklassige Ergebnisse erzielen – darin sehen wir zuvorderst unseren wichtigsten Auftrag. Während die klinischen Vorteile der minimalinvasiven robotischen Chirurgie bekannt sind, eröffnet DEXTER auch Effizienzpotenziale, indem sich das System in bestehende klinische Abläufe integrieren lässt. Dadurch können komplexe zusätzliche Robotik-Workflows vermieden und zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden, um mehr Patienten zu versorgen. Robotische Chirurgie gewinnt angesichts des Fachkräftemangels, veränderter Erwartungen junger medizinischer Fachkräfte und zunehmenden Effizienzdrucks weiter an Bedeutung. Denn junge Ärzte und Krankenpfleger kommen heute schon in ihrer Ausbildung mit Robotersystemen in Kontakt und wollen die damit einhergehenden Effizienzsteigerungen und angenehmeren Arbeitsmöglichkeiten auch in ihrer späteren Berufslaufbahn nicht mehr missen.
Wirtschaftsforum: Wo wird Dexter heute bereits eingesetzt und wo sehen Sie weiteres Wachstumspotenzial für die Zukunft?
Greg Roche: In Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen unsere Systeme vorwiegend in der allgemeinen und gynäkologischen Chirurgie zum Einsatz, in Frankreich auch immer stärker in der Urologie. In den USA ist Dexter ebenfalls bereits für mehrere Indikationen zugelassen. Neben dem stationären Bereich können unsere Systeme auch im ambulanten Setting nachhaltig unterstützen – ein Segment, das gerade in Europa stark wächst, weil es mit vielen Vorteilen für die Patienten einhergeht: Sie sind dann schneller wieder zuhause im Kreise ihrer Familie und werden nicht so lange aus ihrem Alltag gerissen, sodass die Gesamtsituation, die mit ihrem chirurgischen Eingriff verbunden ist, weniger belastend ausfällt. Derweil können die Kliniken und medizinischen Versorgungszentren dabei auch ihre potenziellen Kosten senken. Distalmotion ist in seiner Unternehmensentwicklung nun an einem Punkt angelangt, an dem eine deutliche Skalierung für uns aus Investitionssicht sehr viel Sinn ergibt, weshalb wir in den nächsten ein bis zwei Jahren in weitere europäische Märkte und auch einige Emerging Markets eintreten wollen.
Wirtschaftsforum: Wird Dexter in nächster Zeit auch weitere technologische Innovationen erfahren?
Greg Roche: Mit Sicherheit – wobei unsere Innovationen grundsätzlich so modular aufgebaut sind wie Dexter selbst. Das hat nicht nur technologische, sondern auch handfeste betriebswirtschaftliche Gründe, denn so verhindern wir, dass Kliniken schon nach wenigen Jahren in ein komplett neues System investieren müssen, weil neue Lösungen einen großen zusätzlichen Nutzengewinn bereithalten. Gleichzeitig können wir so jede Komponente von Dexter auch einzeln konsequent weiterentwickeln – immer mit dem klaren Ziel im Blick, den Chirurgen das bestmögliche Werkzeug an die Hand zu geben.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt derweil die KI bei der Weiterentwicklung von Dexter?
Greg Roche: Distalmotion hat sich in seiner Geschichte immer durch ein klares Ja oder Nein ausgezeichnet. Während DEXTER bei vielen Eingriffen in der Allgemeinchirurgie, Gynäkologie und Urologie eingesetzt wird, wird das System insbesondere bei häufig durchgeführten Eingriffen wie Hernienoperationen und Hysterektomien geschätzt. Die KI hält dafür bis dato keine nennenswerten praktikablen Lösungen bereit, auch wenn wir die weiteren Entwicklungen natürlich intensiv verfolgen. Doch erst wenn sich daraus ein konkreter Mehrwert für das medizinische Personal und die Patienten ergibt, werden wir Dexter auch um pragmatische KI-Lösungen erweitern.












