„Das Ziel kann nicht sein, dass wir immer empfindlicher werden“

Interview mit Dr. Markus Pawelzik, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde

Wirtschaftsforum: In unserer schnelllebigen Gesellschaft entsteht der Eindruck, dass wir mehr Stress als früher haben, stimmt das?

Dr. Markus Pawelzik: Wenn uns unsere Großeltern heute sehen würden, würden die sich über unsere Zimperlichkeit kaputtlachen. Ich glaube, dass man die Zeiten nicht miteinander vergleichen kann. Wir sind anders konstruiert als frühere Generationen und reagieren auf viele Dinge viel empfindlicher, sodass der subjektive Stress größer sein mag, obwohl die Arbeitswelt insgesamt weniger belastend ist. Darüber gibt es einige Untersuchungen. Als Beispiel: die belastetsten und erschöpftesten Leute in dieser Gesellschaft sind die Langzeit-Arbeitslosen. Es geht nicht um die Menge oder Art der Arbeit, sondern um den psychisch bedingten Stress, wie ich Dinge aufgreife, wie ich etwas verstehe und mich in der Situation sehe.

Früher war der Stress deutlich größer auf Grund der Arbeitsbedingungen. Das ist heute dank der Arbeitsschutzregelungen wesentlich reduziert. Die nachwachsenden Generationen sind programmierte Weicheier und reagieren schon bei Anforderungen, bei denen sich mein Vater kaputtgelacht hätte, belastet. Das Ziel kann nicht sein, dass wir immer empfindlicher werden. Widerstandsfähigkeit, also Resilienz fällt nicht vom Baum. Sie entsteht dadurch, dass ich belastende Situationen bewältige. Stressende Bedingungen können sehr gut für mich sein, aber Situationen, die mich überfordern, sind ganz klar schädlich.

Wirtschaftsforum: Wie ist es dazu gekommen, dass die jüngeren Generationen anfälliger für Stress geworden sind?

Dr. Markus Pawelzik: Das hat etwas mit den Erziehungsbedingungen zu tun. Heute gilt der Kinderwunsch als Selbstverwirklichung eines Paares. Mit den Kindern wird heute anders umgegangen, sie werden in Watte gepackt. Wir haben ein doppeltes Problem: Die Erwartungen und Fantasien der Eltern waren nie höher als heute und außerdem lernen Kinder heute nicht mehr, wie man mit anspruchsvollen Situationen umgeht. Es wird erwartet, dass sich die geborenen Genies zu Wundertieren entwickeln.

"Resilienz fällt nicht vom Baum. Sie entsteht dadurch, dass ich belastende Situationen bewältige." Dr. Markus PawelzikFacharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
Dr. Markus Pawelzik

Wirtschaftsforum: Irgendwann steigen auch diese Kinder ins Berufsleben ein. Was raten Sie Arbeitnehmern, die zu viel arbeiten und nicht so gut mit Stress umgehen können?

Dr. Markus Pawelzik: Am besten ist es, im Gespräch zu bleiben und den Sensiblen Unterstützung anzubieten. Ich habe das Beispiel des Lehrers vor Augen. Im Studium werden zu wenig praktische Herausforderungen gestellt. Unternehmen und Hochschule sollten darüber nachdenken, wie man die Leute für die Berufsrealität vorbereitet.  Wir alle würden uns besser anpassen können, wenn die Veränderungen graduell an uns herangetragen werden. Das gilt allerdings für alle Berufsfelder, nicht nur für den des Lehrers. Dem Lehrling sollte im ersten Monat im Betrieb klar gemacht werden, was erwartet wird. Vom psychologischen Standpunkt ist das ein Modell der Zukunft. Ich soll ja stressresilienter werden und möchte mit meinen Aufgaben wachsen. Das braucht Zeit, Coaching und Training.

Wirtschaftsforum: Wie können wir lernen, mit Stress umzugehen?

Dr. Markus Pawelzik: Sport hat eine positive Auswirkung auf den Körper. Dazu zählen zum Beispiel Grundtechniken der Meditation und Entspannung. Warum sollte das nicht im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung angeboten werden?  Wenn ich mir einige amerikanische Unternehmen anschaue, dann ist ein Sportstudio oftmals Bestandteil des Unternehmens. So etwas im Unternehmen zu fördern, ist eine gute Methode.

Wirtschaftsforum: Es gibt zahlreiche Apps, die uns das Meditieren oder den Umgang mit Stress erleichtern sollen. Was halten Sie von solchen Apps?

Dr. Markus Pawelzik: Warum sollte man probate therapeutische Empfehlungen nicht mit den technologischen Möglichkeiten verbinden? Das Problem ist ähnlich wie das mit den Meditationskursen. Wenn man nicht übt, funktioniert es nicht. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen eine geringe Aufmerksamkeitsspanne haben und alles schnell gehen muss. Wenn man sich keine Zeit nimmt, funktionieren die Angebote nicht.

Interview: Vera Gaidies | Fotos: EOS Klinik Münster

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Zukunft bauen mit Holz – Handwerk aus Überzeugung

Interview mit Jorne Boysen, Zimmermeister und Co-Geschäftsführer der BOYSEN ZIMMEREI GmbH & Co. KG

Zukunft bauen mit Holz – Handwerk aus Überzeugung

Steigende Baukosten, Fachkräftemangel und wachsende bürokratische Anforderungen setzen das Bauhandwerk zunehmend unter Druck. Wie sich Qualität und Effizienz dennoch verbinden lassen, zeigt die BOYSEN ZIMMEREI GmbH & Co. KG aus…

„Man braucht einen langen Atem“

Interview mit Oliver Kayser, Prokurist der SAB WindTeam GmbH

„Man braucht einen langen Atem“

Mit der Errichtung eines Windparks ist es für die SAB WindTeam GmbH aus Itzehoe nicht getan, denn idealerweise betreibt das Unternehmen seine Anlagen viele Jahrzehnte lang im eigenen Bestand. Warum…

Sauber. Herzlich. Zuverlässig.

Interview mit Cem Gül, Einkaufsleiter der S.C.O. GmbH

Sauber. Herzlich. Zuverlässig.

Ohne Deutschkenntnisse, dafür mit viel Herzblut und Engagement begann vor mehr als 35 Jahren die Erfolgsgeschichte der S.C.O. GmbH in Plochingen. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich ein erfolgreicher Multidienstleister im…

Spannendes aus der Region

Jung, dynamisch, enthusiastisch

Interview mit Isabel Krail, Teamleiterin Nordic DE der Nordic BV

Jung, dynamisch, enthusiastisch

Viele Menschen suchen Urlaubserlebnisse, die im Einklang mit individuellen Erfahrungen und einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur stehen. Mit einem Angebot, das genau diesen Anspruch umsetzt, hat sich die belgische…

Unterirdische Leitungen digital erfassen und sichtbar machen

Interview mit Jürgen Besler, Geschäftsführer der infrest Infrastruktur eStrasse GmbH

Unterirdische Leitungen digital erfassen und sichtbar machen

Die infrest Infrastruktur eStrasse GmbH hat sich in den letzten 14 Jahren als führender Anbieter von Leitungsauskunftsdienstleistungen in Deutschland etabliert. Mit über 18.600 erfassten Infrastrukturnetzbetreibern und mehr als 6,5 Millionen…

Digitale Dynamik für den Praxiserfolg

Interview mit Ralf Buchner, Geschäftsführer der Buchner & Partner GmbH

Digitale Dynamik für den Praxiserfolg

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist ein vielschichtiges Thema – insbesondere dort, wo moderne IT-Systeme auf stark regulierte Abläufe, sensible Patientendaten und ein breites Spektrum an Berufsgruppen treffen. Die Buchner &…

Das könnte Sie auch interessieren

Menschsein war noch nie so anstrengend wie im 21. Jahrhundert

Interview mit Leon Windscheid, Wirtschaftspsychologe und Unternehmer

Menschsein war noch nie so anstrengend wie im 21. Jahrhundert

Dr. Leon Windscheid wurde deutschlandweit bekannt, als er 2015 die Millionenfrage bei Günther Jauch knackte. Seitdem ist viel passiert und Windscheid bringt während Keynotes oder auf seiner Tour die neusten…

Jung, dynamisch, enthusiastisch

Interview mit Isabel Krail, Teamleiterin Nordic DE der Nordic BV

Jung, dynamisch, enthusiastisch

Viele Menschen suchen Urlaubserlebnisse, die im Einklang mit individuellen Erfahrungen und einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur stehen. Mit einem Angebot, das genau diesen Anspruch umsetzt, hat sich die belgische…

„Man braucht einen langen Atem“

Interview mit Oliver Kayser, Prokurist der SAB WindTeam GmbH

„Man braucht einen langen Atem“

Mit der Errichtung eines Windparks ist es für die SAB WindTeam GmbH aus Itzehoe nicht getan, denn idealerweise betreibt das Unternehmen seine Anlagen viele Jahrzehnte lang im eigenen Bestand. Warum…

TOP