Markenidentität aus Glas
Interview mit Guido Bormioli, Head of Marketing and Communication der CERVE S.p.A.

Wirtschaftsforum: Herr Bormioli, CERVE ist seit über 70 Jahren am Markt. Wie ist das Unternehmen entstanden, und was macht heute sein Fundament aus?
Guido Bormioli: Das Unternehmen wurde 1953 gegründet und geht auf die Vision meines Großvaters Pierluigi Bormioli zurück. Er hatte damals in den USA ein Modell gesehen, das ihn inspirierte: eine Glasproduktion mit einer separaten Einheit für die Dekoration. In Parma gab es bereits eine starke Glastradition, und daraus entstand die Idee, auch in Italien etwas Vergleichbares aufzubauen. Der Name CERVE steht für Ceramica und Vetro, weil wir am Anfang nicht nur Glas, sondern auch Keramik dekoriert haben. Heute konzentrieren wir uns im Wesentlichen auf Glas.
Wirtschaftsforum: Wie ist CERVE heute aufgestellt und wie beschreiben Sie Ihr Kerngeschäft?
Guido Bormioli: Zur Gruppe gehören rund 650 Mitarbeiter. Der größte Teil arbeitet in Parma und Umgebung, wo wir mehrere Produktionsstandorte haben. Darüber hinaus gehört seit 2018 die Glashütte Technoglas im österreichischen Voitsberg zur Gruppe. Unser Kerngeschäft ist die Dekoration von Hohlglas. Dabei geht es um ein sehr breites Spektrum: Wir dekorieren Flakons für Parfümerie und Kosmetik, Gläser und andere Produkte für den Tableware-Bereich sowie Flaschen für Wein, Öl, Spirituosen und Biergläser. Im Mittelpunkt steht immer die Veredelung von Glas – also die Verbindung von technischer Präzision, ästhetischem Anspruch und einem hohen Qualitätsniveau. Gerade in Märkten wie Kosmetik, Parfümerie oder Getränken ist Glas nicht nur Verpackung, sondern ein wichtiger Teil der Markenidentität. Genau hier liegt unsere Stärke.
Wirtschaftsforum: Wie haben Sie die Krisen der letzten Jahre, also Pandemie, geopolitische Verwerfungen und steigende Energiepreise gespürt?
Guido Bormioli: Ich bin kurz nach der Pandemie ins Unternehmen eingestiegen, habe also keinen direkten Vergleich zur Zeit davor. Aber man spürt deutlich, dass der Markt rauer geworden ist. Wir haben früher viel mit Russland gearbeitet; das ist weggefallen. Die Energiepreise sind gestiegen, die Kaufkraft in Europa sinkt, und die internationale Konkurrenz drückt auf die Preise. Vor allem im Bereich Gläser für den Massenmarkt sehen wir, dass Kunden auf günstigere Alternativanbieter umsteigen. Das ist eine strukturelle Herausforderung für einen Betrieb unserer Größe, der auf Volumen angewiesen ist.
Wirtschaftsforum: Wie macht sich CERVE auf dem Markt sichtbar?
Guido Bormioli: Wir sind auf sehr unterschiedlichen Messen präsent, je nach Segment. Für Parfümerie und Kosmetik, unseren wichtigsten Bereich, sind wir zum Beispiel auf der Luxe Pack in Monaco und auf der PCD in Paris. Für Tableware ist die Ambiente in Frankfurt wichtig. Im Hospitality-Bereich sind wir auf der Host in Mailand und waren zuletzt auch auf der National Restaurant
Association Show in Chicago. Dazu kommen Veranstaltungen wie Beer Attraction, BrauBeviale, Vinitaly und ProWein. Wir sind also in vielen Märkten unterwegs und versuchen, nah an Kunden und Trends zu bleiben.
Wirtschaftsforum: Nachhaltigkeit ist in der Glasindustrie ein zentrales Thema. Welchen Ansatz verfolgt CERVE?
Guido Bormioli: Wir erstellen seit fünf Jahren einen Nachhaltigkeitsbericht und versuchen uns jedes Jahr zu verbessern. In Voizberg betreiben wir einen Elektroschmelzofen, dessen Energie aus Wasserkraft stammt. Wir nutzen organische Farben, die bei niedrigeren Temperaturen brennen und damit weniger Energie verbrauchen; dafür haben wir sogar eine eigene Formulierung patentiert. Und in unserem größten Werk in Parma haben wir zuletzt eine umfangreiche Photovoltaikanlage auf dem Dach installiert. Das Problem ist: Wenn Europa sehr hohe Standards setzt, aber andere Teile der Welt das nicht tun, werden wir im globalen Wettbewerb strukturell benachteiligt.
Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie CERVE in den nächsten Jahren und welche Themen werden die Zukunft prägen?
Guido Bormioli: Für uns wird es entscheidend sein, die Einzigartigkeit unserer Produkte weiter zu stärken. Forschung und Entwicklung sind dabei ein zentraler Schlüssel, um uns im internationalen Wettbewerb zu unterscheiden und in unseren bestehenden Divisionen weiter zu wachsen. Gleichzeitig beschäftigen wir uns intensiv mit Digitalisierung und KI. Junge Menschen bringen neue Impulse ins Unternehmen, und wir implementieren solche Anwendungen bereits in Bereichen wie Management, Controlling, Accounting und Produktionseffizienz. Dabei geht es darum, neue Möglichkeiten zu nutzen, ohne bewährte Abläufe vorschnell infrage zu stellen. Wichtig bleibt für uns außerdem, dass Europa energiepolitisch unabhängiger wird und industrielle Unternehmen zu wettbewerbsfähigen Bedingungen produzieren können. Im Grunde geht es darum, präsent zu bleiben, durchzuhalten und die täglichen Herausforderungen bestmöglich zu lösen.











