Große Kompetenz im Kleinen

Interview

"Heutzutage nutzen Kunden aus Forschung und Industrie zunehmend beide Systeme", so Dr. Jochen Tham, Leiter Global Marketing und seit elf Jahren bei Carl Zeiss. "Sie setzen auf integrierte Software- und Workflow-Lösungen und diesem Trend tragen wir mit dem Zusammenschluss Rechnung."

Die Kombination von Licht- und Elektronenmikroskopie hat Potenzial. Ein prominentes Beispiel ist Professor Jeff Lichtman von der Harvard University, der mit Licht- und Elektronenmikroskopie das sogenannte Brain-Mapping vorantreibt und dreidimensionale Landkarten des Gehirns erstellt.

Durch den Zusammenschluss eröffnen sich für das Unternehmen völlig neue Wachstumspotenziale, zum einen in den Biowissenschaften und der Industrie, zum anderen in den sich schnell entwickelnden Volkswirtschaften. Die Mikroskopie ist ein schnell wachsender Markt, der durch große Anbieter und kleinere Spezialisten für spezifische Technologien dominiert wird.

„Unsere Software macht komplizierte Mikroskope bedienbar.“ Dr. Jochen Tham Leiter Global Marketing

Mit dem neuen Unternehmensbereich Mikroskopie vereint Carl Zeiss beides: schlagkräftige Größe sowie technologische Expertise für den gesamten Prozess der Mikroskopie. Damit will das engagierte Unternehmen das ohnehin zweistellige Wachstum noch weiter ausbauen. Langfristig will man der führende Ansprechpartner für alle Fragestellungen der Mikroskopie werden.

Bis zum Sommer dieses Jahres will das Unternehmen die rechtliche Integration der beiden Unternehmen in Deutschland vollenden. In den USA, Frankreich, Großbritannien und Japan sind die rechtliche Zusammenführung und die Integration der Vertriebsaktivitäten bereits abgeschlossen.

Das Portfolio der Carl Zeiss Microscopy reicht von klassischen Lichtmikroskopen über Systeme für die Laser Scanning Mikroskopie sowie Elektronen- und Ionen-Mikroskopie bis zu Hard- und Software für Bildbearbeitung und -dokumentation.

Ein Teilbereich des Unternehmens sind Spektrometer. Hier geht es um modulare Systeme zum Messen spektraler Eigenschaften, etwa Sensoren am Mähdrescher, die den Feuchtigkeitsgehalt von Getreide erfassen.

Zu den wichtigsten Neuentwicklungen gehört das vor drei Jahren eingeführte Laser Scanning Mikroskop LSM 710. Es hat sich vor allem zur Untersuchung fluoreszierender Proben bestens etabliert und wird weltweit unter anderem von Neurologen und Neurobiologen führender Forschungseinrichtungen eingesetzt. Seine große Stärke ist die überragende Sensitivität, weil das Licht sehr effizient zum Reflektor geführt wird.

"Unser Ziel ist es, kein Licht von der Probe bis zum Sensor zu verlieren", erläutert Dr. Jochen Tham. "Mit entsprechenden Modulen können wir flexible Detektoren einsetzen, zum Beispiel klassische Detektoren wie Photo-Multiplyer, aber auch GaAsP-Detektoren für sensitive Aufgaben und extrem lichtschwache Proben. Das LSM 710 ist für uns ein wichtiger Markttreiber."

Robust und langlebig

Ein erfolgreiches Produkt ist auch der vor fünf Jahren auf den Markt gebrachte Axio Observer, ein Forschungsmikroskop zum Untersuchen lebender Zellen. Außergewöhnliche Verarbeitungsqualität, Robustheit und hohe Standfestigkeit zählen ebenso zu seinen Vorzügen wie die leistungsstarke Optik.

Doch nicht nur bei der Hardware, auch bei der Software liefert das Unternehmen weltweit beachtete Lösungen. Dr. Jochen Tham: "Unsere Software macht komplizierte Mikroskope bedienbar." Nach der Einführung von ZEN 2011 nutzen Anwender alle ZEISS Lichtmikroskop-Systeme mit einer identischen Softwareoberfläche.

Die Steuerzentrale von ZEN ist Smart Setup: Kunden platzieren ihre Probe auf dem Mikroskop und definieren die Farbstoffe. In der Software sind intelligente Funktionen hinterlegt, die optimale Einstellungen der Systemkomponenten für die verschiedensten Anwendungen automatisch vornehmen. Der Anwender kann dann beispielsweise entscheiden, ob ihm eine schnelle Bildaufnahme wichtig ist oder das Bild langsamer, aber mit maximaler Auflösung, aufgenommen werden soll. Den Rest erledigt ZEN.

Superresolution

Neue Themen für die Carl Zeiss Microscopy sind auch superauflösende Systeme. Übliche lichtmikroskopische Auflösungen liegen bei 250 Nanometern. Dank spezieller physikalischer Verfahren erreichen die superauflösenden Systeme bis zu 20 Nanometer.

"Wir ergänzen mit raffinierten Methoden die bestehenden physikalischen Gesetze", verrät Dr. Jochen Tham. "Mit ELYRA vereinen wir zwei Technologien in einem Gerät: hochauflösende strukturierte Beleuchtung und photoaktivierte Lokalisationsmikroskopie."

„Dort, wo intensiv geforscht wird, sind wir stark.“ Dr. Jochen Tham Leiter Global Marketing

Korrelative Mikroskopie

Äußerst rege ist die Carl Zeiss Microscopy auch auf dem Gebiet der korrelativen Mikroskopie, einem Verfahren, das Licht- und Elektronenmikroskopie miteinander verbindet. Das Softwaremodul Shuttle & Find erlaubt dabei die schnelle und ortsgenaue Überlagerung licht- und elektronenmikroskopischer Bilder, höchstaufgelöste Detailvergrößerung sowie die Zusammenführung funktioneller und struktureller Informationen.

Mithilfe dieses Verfahrens werden zum Beispiel Alterungsprozesse in Akkumulatoren untersucht. Hier arbeitet Carl Zeiss eng mit der Hochschule Aalen zusammen.

Sechs Produktionsstandorte weltweit

Die Carl Zeiss Microscopy beschäftigt 2.500 Mitarbeiter. Ihr Jahresumsatz beträgt 620 Millionen Euro. Hauptsitz der Mikroskopie ist Jena. Weitere Produktions- und Entwicklungsstandorte sind in Oberkochen, Göttingen und München sowie in Großbritannien und in den USA. Darüber hinaus verfügt das Unternehmen über mehr als 30 Vertriebsniederlassungen rund um den Erdball.

"Dort, wo intensiv geforscht wird, sind wir stark", verdeutlicht Dr. Jochen Tham. "Die USA sind weltweit der größte Forschungsmarkt, doch wir sind auch in Südkorea, Skandinavien und China sehr aktiv." Deshalb entfallen rund zwei Drittel der Exporte auf Länder außerhalb Europas. Die wichtigste Zielgruppe sind Forschungseinrichtungen.

"Lösungen für Forschungseinrichtungen sind unsere Stärke und hier vor allem die universitäre Forschung", skizziert Dr. Jochen Tham. Einen weiteren Schwerpunkt bilden Materialforscher und Industrieunternehmen.

Respektvoller Umgang

"Wir sehen uns als Teil der wissenschaftlichen Community und sind bei Kongressen und wichtigen Events präsent", erklärt Dr. Jochen Tham. "Unsere Stärke ist es, vor Ort bei den Kunden zu sein."

Was die Erfolgsfaktoren betrifft, hat der Leiter Global Marketing ebenfalls eine klare Meinung: "Wir liefern Systeme, die im Laboralltag funktionieren und langlebig sind. Der Kunde muss die Sicherheit haben, dass sich die Investition lohnt." Besonders betont Dr. Jochen Tham die soziale Kompetenz des Unternehmens: "Auch in Krisenzeiten pflegen wir einen respektvollen Umgang miteinander und überstehen schwierige Zeiten gemeinsam und ohne Entlassungen."

Neue technologische Entwicklungen und das Erschließen neuer Märkte sind für die Carl Zeiss Microscopy Aufgaben für die Zukunft. Gerade erst wurden in München die ZEISS Microscopy Labs eröffnet. Hier werden Kunden nicht nur beraten, sondern können auch eigene Proben mitbringen, vor Ort untersuchen und verschiedene Systeme ausprobieren.

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